Sigismund Wallace: El Matador. 35
wenn ſie einmal lieben ſollte, es für das ganze Le⸗ ben ſein würde.
Umſonſt hatte Anna bereits alle ihr zu Ge⸗ bot ſtehenden Ueberredungskünſte aufgeboten, Iſa⸗ bella zu veranlaſſen, ſich mit ihr auf den Jahr⸗ markt zu begeben und Theil an der Unterhaltung der übrigen Dorfbewohner zu nehmen.
Iſabella war ſchweigſam. Ihre Geſichts⸗ züge, ſo wie die in Falten gezogene Stirn zeigten Nachdenken an, und die Blicke des herumſchweifen⸗ den Auges ſchienen ſo auffallend Jemand zu ſuchen, daß es ſelbſt der kindlich plaudernden Anna auf— fallen mußte. Schelmiſch und liſtig ihren kleinen Mund zum Lächeln verziehend, ſchwieg ſie einige
Augenblicke, doch plötzlich unterbrach ſie ihr abſicht⸗
liches Schweigen mit dem Ausrufe:„Dort kömmt der ſchöne Kapitän, ſchade daß er ein Franzoſe iſt!“
— Dunkle Röthe ſchimmerte durch die bräunliche
8 Geſichtsfarbe der Freundin, und wenn ſich auch die Augenlider ſenkten, ſo wurde doch ein nicht gewöhn⸗ licher Glanz der Blicke zum Verräther eines Geheim⸗ niſſes, das Anna leicht errathen hatte, wie es auch Iſabella zu verheimlichen ſuchte.
. Iſabella liebte den Kapitän Morello, den jungen, hübſchen und liebenswürdigen Kommandanten der im Dorfe liegenden Jäger⸗Kompagnie.
Sie, die Spanierin, die Schweſter eines Gue⸗ rillas⸗Anführers, auf deſſen Kopf ein hoher Preis ge⸗ ſetzt war, liebte einen Franzoſen, einen Ketzer, wie ſie gelehrt worden waren die Feinde, wenn auch mei⸗ ſtens Katholiken, zu nennen!
Anna war zu ſehr Spanierin, zu ſehr erfüllt von dem Nationalhaß, der die franzöſiſchen Ein⸗ dringlinge verfolgte, um nicht Bekümmerniß über die Verblendung ihrer Freundin zu fühlen. In be⸗
6 ſorgtem vorwurfsvollem Tone machte ſie dieſelbe auf 1 die Gefahren aufmerkſam, in welche ſie dieſe Liebe, die einem Verrathe an dem Vaterlande gleich käme,
186 ſtürzen könnte. Iſabella geſtand nun mit Thräuen in den 1 Augen alle die Gefühle, welche ſeit einigen Wochen 1 ihren Seelenfrieden geſtört hatten; wie ſie gekämpft
habe, der Empfindung, welche laut für den Fremd⸗
ling, den Feind ihres Vaterlandes, ſprach, zu be⸗
meiſtern, wie ſie ihre Zuflucht zum Gebete genom⸗
men, um ihr Herz zu ſtählen und die keimende Lei⸗
denſchaft zu bewältigen. Sie erzählte ihr, wie oft
1 ſie den Entſchluß gefaßt hatte, in die Sierra zu
ihrem Bruder zu entfliehen, um der Verſuchung zu
Henigehen, aber daß alle ihre Entſchlüſſe, alle ihre
uten Vorſätzee Schiffbruch gelitten hätten an einem
Blicke, an einem zärtlichen Worte des theuren Man⸗
nes. Sie ſchloß mit der Verſicherung, daß ſie nur
lieben und ſterben könne, denn ſie wiſſe wohl, was
ihr Loos ſein werde, ſobald ihr Bruder von ihrer Liebe zu einem der Feinde Kunde erhalte.
Anna hatte mit keinem Worte das Geſtänd⸗
V niß ihrer unglücklichen Freundin unterbrochen. Beim
Beginne desſelben drückten ihre beweglichen Geſichts⸗
züge Schmerz, Zorn und Ungeduld aus; aber je länger Iſabella die Innigkeit und Tiefe ihres Gefühles für den Franzoſen und ſeine Liebe, an deren Wahrheit ſie nicht zweifelte, ſchilderte, deſto theilnahmsvoller und milder wurde ſie geſtimmt, und als die Freundin ſchwieg war ſie nicht mehr eine
Feindin des Franzoſen, ſondern liebte ihn als den
Geliebten ihrer Iſabella, und der Entſchluß war ſchnell zur Reife gekommen, mit Hand und Herz die treue Verbündete der Liebenden zu werden. Sie ſaß einige Augenbicke ſinnend und wandte ſich dann plötzlich mit der Frage an die Freundin:„Aber was ſoll daraus werden? Was iſt die Abſicht des Franzoſen?“
„Er will, daß ich nach Frankreich zu ſeiner Mutter gehe, um dann, ſobald er heimkehre, ſein Weib zu werden. Rathe, hilf mir in dem Kampfe zwiſchen Liebe und Pflicht!“
Anna war im Begriffe eine Antwort zu ge— ben, als von der Kirche herüber der Glockenſchall verkündete, daß die Zeit zur Abend⸗Mette gekom⸗ men ſei.— Ihr Geſpräch abbrechend, eilten die beiden Mädchen ohne Verzug Hand in Hand ſich den übrigen Dorfbewohnern, die aus dem Getüm⸗ mel des Jahrmarkts dem Gotteshauſe zueilten, an⸗
zuſchließen.
Einige Stunden ſpäter breitete die Nacht ihren ſternenreichen Himmel über Dorf und Felder aus. Ueberall herrſchte Ruhe, nur hin und wieder flim⸗ merte noch ein Licht in einer und der andern Hütte. Auf das Geräuſch des Tages, das Lärmen des Jahr⸗ marktes war ein tiefes Schweigen gefolgt, das nur zuweilen unterbrochen wurde, wenn ein Hund an⸗ ſchlug oder eine Fledermaus geſpenſtig umherſchwirrte, mit ihren Flügeln faſt die Erde berührend. Nicht weit von der Kirche, um welche ſich der Friedhof breitete, ſtand die Wohnung des Prieſters, der von dem Krankenbette eines ſeiner Gemeindemitglieder kommend, derſelben mit bedächtigem Schritte und in tiefes Nachdenken verſunken zueilte. Die Geſtalt des Greiſes war gebückt, doch das lebhafte Auge ver⸗ rieth, daß der Geiſt in dem von Alter gedrückten Körper noch nicht alle jugendliche Schnellkraft ver⸗ loren hatte.*
Eben war er im Begriff die Thüre des Hau⸗ ſes zu öffnen, als die kräftige und ſchlanke Geſtalt eines Mannes, in einen weiten Mantel gehüllt, auf ihn zutrat, die Hand auf ſeine Schulter legte und mit leiſer Stimme zu ihm ſagte:„Guten Abend, Padre Joſé!“
„Die gebenedeite heilige Jungfrau ſei Fremdling! Woher des Weges in ſo ſpäter Ste
„Bin ich dem guten Padre ein worden? Kennt Ihr nicht....„ „Beim Himmel dieſe Stimme!“ „Iſt die Alonzo’s!“


