Heft 
(1859) 2 02
Seite
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34 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Am Fuße einer der vielen Gebirgsketten, die Spanien in allen Richtungen hin durchziehen, liegt ein Dörfchen, in welches wir uns begeben; dort trägt Alles heute ein feſtliches Gewand, und nir⸗ gends iſt eine Spur von dem überall wogenden Kampfe zu ſchauen, wenn wir eine Kompagnie fran⸗ zöſiſcher Jäger abrechnen wollen, die ſchon ſeit eini⸗ gen Wochen in dem Dörfchen lagen und nur von Zeit zu Zeit einen Streifzug in das Gebirge gegen eine dort hauſende Guerillas⸗Bande unternahmen.

Es war ein Feſttag, denn der Namenstag des Kirchenpatrons wurde gefeiert. Die Meſſe war vorüber und der Jahrmarkt ſollte nun beginnen. Buden jeder Form und verſchiedener Größe waren aufgeſchlagen. Hier verkaufte man Heiligenbilder und gewaſ Kreuze und Roſenkränze; dort lockten Mandelkuchen und reife Früchte die Jugend an, die wenigen Maravedis in der Taſche zu verausgaben. Neben dem Verkäufer von rieſigen Zwiebeln, auf deren Haufen Bündel Knoblauchs lagen, bot ein anderer farbige Bänder und Halstücher feil. Hier pries ein Wunderdoktor ſeine Salben und Elexire, während ſein Gehilfe einem ſtämmigen Burſchen auf eine unſanfte Weiſe einen Zahn riß. Dort ließ ein Bärenführer ſeinen Petz nach einer Trommel tanzen, während zwei Affen auf den Höckern eines Kameeles durch ihre poſſirlichen Sprünge große und kleine Kinder unterhielten. Dann ertönte laut eine Trompete, Polichinell in ſeinem Kaſten war ange⸗ kommen, und Alle, Männer, Weiber, Kinder eilten, verächtlich den Thieren den Rücken zeigend, die Späße des Lieblings der Volksbeluſtigung anzuhö⸗ ren. Vor dem kleinen unanſehnlichen Wirthshauſe, das ſich weder durch Reinlichkeit noch durch beſon⸗ dere Kennzeichen vor den übrigen Wohnungen aus⸗ zeichnete, befand ſich die Wache der franzöſiſchen Chaſſeurs, deren Mannſchaft, bis auf den Poſten vor dem Gewehre, mit mehreren Kameraden um einen Tiſch ſaß, aus kurzen Pfeifen rauchend und fleißig dem feurigen ſpaniſchen Landweine zuſprechend. Die nicht zur Wachmannſchaft gehörigen waren

leicht erkennbar durch die Feldmütze, welche ſie keck

auf ein Ohr gedrückt, zur Kopfzierde gewählt hat⸗

ten, ſo wie durch die Ungezwungenheit mit der ſie

ſich den Freuden des Bacchus und des Geſanges überließen. Unter dieſen zeichnete ſich wiederum ein Korporal aus, der kein Mädchen ungeneckt vorüber⸗ gehen ließ und der das Wort am lauteſten führte. Fleißig ging der mit Wein gefüllte Krug von Mund zu Mund, Scherz jagte Scherz, frohes Gelächter wechſelte mit derben Flüchen ab, während die ſpa⸗ niſche Bevölkerung des Dörfchens, gedrückten Ge⸗ müthes, feindliche Blicke den Franzoſen verſtohlen zuwerfend, ſchweigſam und gravitätiſch zwiſchen den Jahrmarktsbuden herumſchlich und mit verbiſſenem Ingrimme die Töne eines Liedes anhörte, das ſo eben der erwähnte Korporal angeſtimmt hatte, und deſſen Schlußzeilen im Chorus geſungen wurden. Waren auch die Worte den Spaniern unverſtändlich,

ſo verrieth ihnen doch die herausfordernde Haltung, das blitzende Auge, das lebhafte Mienenſpiel der Sänger und die Melodie, daß ſie kriegeriſchen In⸗ haltes waren, und die Klinge manches Meſſers wurde heimlicherweiſe aus der Scheide von dem Be⸗ ſiter gezogen. Die letzten Strophen des Liedes lauteten:

Nützt den Augenblick, Kam'raden,

Liebet, ſcherzet, küßt und ſingt, Den wer weiß, was dem Soldaten

Schon der nächſte Morgen bringt; Ob nicht Kugel oder Schwert Morgen ſeine Freude ſtört.

Schweigen Trommeln und Trompeten, Schwärzt uns nicht der Pulverdampf, Wenn die Roſſe nicht zertreten Junge Sant im Schlachtenkampf, Sollen Mädchen, Liebe, Wein, Freunde, die Parole ſein. d Während hier die Freude der Soldateska laut war, dort Jahrmarktsfreuden die trüben Dorfbe⸗ wohner durch Paukenſchlag und Trompetenſchall, ſo wie durch den armſeligen Firlefanz herumziehender Schauluſtſpekulanten anzulocken verſuchten, ſaßen zwei junge Mädchen in vertrautem Geplauder auf der Bank vor einem der im Hintergrunde ſtehenden Häuſer. Anna und Jſabella waren Nachbarskinder. Die letztere, eine Waiſe, lebte bei einer alten Tante, während die andere glücklicher in der Schickſalsurne geloſt hatte und nicht gezwungen war, die Gaſt⸗ freundſchaft einer Anverwandten in Anſpruch zu neh⸗ men. Allerdings hatte Iſabella einen Bruder, aber dieſer Bruder weilte in der Sierra, und war einer der berühmteſten Guerillas Alonzo, we⸗ gen der vielen Franzoſen, die er getödtet hatte, el Matador genannt, der es, wie es ſich von ſelbſt ver⸗ ſteht, nicht wagen durfte, das Dorf und die Schwe⸗ ſter zu beſuchen, ſeitdem eine franzöſiſche Beſatzung in dem erſteren ihr warnendes Zelt aufgeſchlagen hatte. Nicht einmal ſein Name durfte genannt werden, da man mit Recht befürchtete, daß die Feinde, wenn ſie wüßten, daß Alonzo der Guerilla im Dorfe zu Hauſe und daß Iſabella ſeine Schweſter wäre, gegen alle Bewohner, beſonders aber gegen das junge Mädchen harte Maßregeln ergreifen und ſie zwingen würden, ſie in die Schlupf⸗ winkel, wo er mit ſeiner Bande hauſte, zu führen. Beide Mädchen waren jung und ſchön. Man hätte ſie für Schweſtern halten können, wenn ſich auch in Haltung, Geſtalt, Geſichtszügen und Ge berden ein entgegengeſetzter Charakter ausſprach. Anna war klein, ſchmächtig, lebhaft und ein be⸗ ſtändiges Lächeln ſchwebte auf den friſchen Lippen des ſchalkhaften Mundes. Iſabella hingegen war groß, ſchlank, ernſt und gemeſſen in ihren Bewe⸗ gungen, und die Gluth ihres dunklen Auges ver⸗ rieth, daß ſie tiefen Gefühles fähig war und daß,