Jahrgang 
2 (1850)
Seite
1643-1644
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Jonas und Bugenhagen, welche nicht müde wurden, ihm vorzuhalten,er, der die Freiheit der wahren Chriſten predige und das Joch der mönchiſchen Satzungen geſprengt wiſſen wolle, ſolle doch mit ſeinem Beiſpiel den Gläubigen vorangehen und ſich vermählen.

Das vorliegende Bild, von Herrn Schwerd⸗ geburth gezeichnet und in Stahl geſtochen, bildet eine Platte von zehn Zoll Länge und ſieben Zoll Höhe, giebt alſo eine Fläche, groß genug, um nicht nur in den einzelnen Figuren den vollen Ausdruck und die Feinheit der Züge darzuſtellen, ſondern auch eine dem Kunſtſinn des Auges gefällige Grußpirung anzuordnen. In dem Bilde konnte aber die vielbeliebte und freilich nach den Geſetzen des Schönen ſehr gefällige pyramidaliſche Haupt⸗ gruppe nicht ausgeführt werden, denn eben die Hauptperſonen in der Mitte, Luther und Catharina, knieen; das Auge muß ſich alſo ſenken, um ſie zu betrachten, und rechts und links von dem Brautpaare bilden der ein⸗ ſegnende Geiſtliche die Trauungszeugen, Luthers Famulus und ein Paar Kinder zwei wohl⸗ gegliederte Gruppen. Links(vom Zuſchauer) erblickt man neben dem in einen Altar ver⸗ wandelten Tiſch mit einem Crucifixe zwei brennende Wachslichter und zwei Blumenvaſen, bedeutſam mit vollen Roſen und Aſtern ge⸗ füllt, ſehr ſinnig und nur angemeſſen geſchmückt iſt, zuerſt der etwas angelehnte Famulus, eine jugendliche, aber bei der feierlichen Hand⸗ lung mit würdigem Ernſt blickende Geſtalt, mit einem großen Buche in den Armenz vor ihm ſtreckt der einſegnende Geiſtliche, der Freund und Mitſtreiter Luthers, Bugenhagen aus Pommern(daher Pomeranus) den rechten Arm aus, um das Zeichen desKreuzes über die Häupter des Brautpaars zu machen; ſeine Linke hält etwas geſenkt die Agende. Das volle Licht fällt auf die ſchön gezeichnete ſegnende Hand; der vordere Theil des Geſichts iſt etwas im Schatten, und man muß genau

hinſehen, um den frommen Ausdruck des auf Luther geſenkten Auges zu bemerken und die i

ein wenig geöffneten Lippen ſprechen zu ſehen. Neben Bugenhagen, aber etwas zurück, ſo daß deſſen ausgeſtreckter Arm vor ſeiner Bruſt ſich hinſtreckt, ſteht ein wenig erhöht der Maler Lucas Kranach, auf Luther und Catharina theilnnhmend niederſchauend; ein vortrefflich gezeichneter Kopf, in der vollen Würde des angehenden Greiſenalters und des von der Heiligkeit der Handlung erhobenen Gefühls. Hinter dem knieenden Brautpaar ſteht, in gleicher Höhe mit Kranach, der Stadtſchreiber und Licentiat Reichenbach in Wittenberg, in deſſen Hauſe Catharina von Bora nach ihrem Austritt aus dem Kloſter eine Zuflucht ge⸗ funden hatte. Reichenbach vertritt alſo gleich⸗ ſam die Stelle des Brautvaters, denn er war ja Catharina's Pflegevater, und ſeine, ſo wie er, ſchwarz gekleidete Gattin, die ihr andächtiges, mit einer weißen, bis auf die Stirn herabgehenden Haube bedecktes Geſicht dem Beſchauer zukehrt, erſcheint als Braut⸗ mutter. In des Hände faltenden Reichen⸗ bachs auf den ſegnenden Geiſtlichen hinge⸗ richtetem Geſicht drückt ſich eine recht an⸗ dächtige Theilnahme aus; doch hat dieſes gutmüthige Geſicht nicht die Würde, wie Kranachs Antlitz und das war wohl ſehr richtig von dem Künſtler gedacht. Kranachs Gattin, weiß gekleidet, wendet zwar dem Zuſchauer den Rücken zu; allein ein prüfendes Auge erkennt nicht nur, daß ſie ein ſchweres Gewand von weißem Plüſch(damals gab es noch keinen ſeidenen Plüſch, wohl aber einen wollenen) trägt, ſondern wir erkennen auch, obgleich wir von ihrem Geſicht faſt nur die Naſenſpitze und die Lippen ſehen, daß ſie voll inniger Theilnahme auf Catharina hinſchaut. An und hinter dem Schreibtiſche rechts ſteht der Doctor der Rechte, Apel, mit einer Papierrolle in der Hand, aufmerkſam mit ſeinem verſtändigen Geſichte auf das einge⸗ ſegnete Brautpaar blickend, ſowie vor Reichen⸗ bach ſeine kleine Tochter mit einer Schürze voller Blumen in kindlicher Unbefangenheit ſteht und auf gar nichts hinſieht.

Sehen wir nun zuletzt hin auf das knieende

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