Jahrgang 
2 (1850)
Seite
1639-1640
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mögliche Sorgfalt auf ihre Bequemlichkeit zu verwenden und ſie, ſo viel es ſich nur thun ließ, vor dem kalten Abendwind zu ſchützen; und obgleich ich die Führunz der Zügel übernommen hatte, um einem ähnlichen Unglück zuvor zu kommen, da ich meiner Vor⸗ ſicht mehr vertraute, als der des Burſchen, ſo wendete ich mich doch oft um, zu ſehen, ob es ihr auch an nichts mangele, was ich ihr allenfalls verſchaffen könne.

Bei völlig einbrechender Nacht langten wir endlich zu Hauſe an, wo uns die Eltern ſchon mit Beſorgniß erwartet hatten. Nach Erzählung unſeres beſtandenen Abenteuers mußte ſich Anna von der Aengſtlichkeit meiner Mutter die Anwendung einiger in ſolchen Fällen nützlichen Hausmittel gefallen laſſen, was die Entfernung der beiden Mädchen auf ihre Stuben zur Folge hatte und mich alſo für den ganzen Abend des Vergnügens be⸗ raubte, Annen wenigſtens anzuſthn, denn ſeit der Scene in dem Bauernhaus hatten wir beide aus Verlegenheit noch nicht gewagt, mit einander zu ſprechen. Sobald als meine Eltern und ich unſer einſames Abendbrod verzehrt hatten, zog auch ich mich in meine Stube zurück, große Ermüdung zum Vorwand meines frühen Rückzugs nehmend, eigentlich aber nur, um meinen Gedanken mich unge⸗ ſtört überlaſſen zu können, die von der mannig⸗ faltigſten Art waren und mich bald zum glücklichſten, bald zum unglücklichſten der Menſchen machten, je nach den Farben, in denen meine aufgeregte Einbildung mir die Zukunft vormalte. Jetzt ſah ich mich als ehrbaren Ehemann und Anna als mein theures Weibchen mir zur Seite; dann tauchte wieder die Furcht auf, verſchmäht zu werden und einen Andern den Platz einnehmen zu ſehen, der alle Erdenſeligkeit für mich enthielt; dann wieder verweilte meine Phantaſie bei den Ereigniſſen des heutigen Tages, wo ich ſie zuerſt todt geglaubt, und der Verzweiflung, die ich bei dieſem Gedanken empfunden, und nachher der Wonne, als ich ihr zurückkehren⸗ des Leben in meinen Armen, an meinem

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Herzen belauſcht hatte. Genug, lieber Leſer, die Unruhe trieb mich, bis nach Mitternacht im Zimmer auf und ab zu gehen; erſt die ſehr empfindlich zunehmende Kälte mahnte mich, mein Lager zu ſuchen, um für Geiſt und Körper einige Ruhe zu finden.

In meiner Aufregung hatte ich übrigens nicht bedacht, daß mein Schlafzimmer ſich gerade über dem meiner Eltern befand, ein Umſtand, der mir viel Spott und Neckereien von meinem Vater zuzog: denn als ich am andern Morgen in das Wohnzimmer kam, wo ſchon alle und auch Anna friſch und blü⸗ bend, als ob nichts vorgefallen wäre, um den Kaffeetiſch verſammelt waren, rief er mir gleich bei meinem Eintritt entgegen:Aha, da kömmt er ja, der ewige Inde, vor dem auch andere Leute die Nacht nicht ſchlafen können; denken Sie ſich nur, liebe Anna, wandte er ſich zu dieſer,läuft Ihnen der Junge nicht bis lange nach Mitternacht, wie von Furien gepeitſcht, in der Stube auf und ab, ohne ſeiner armen Eltern zu gedenken, die gerade unter dieſen nächtlichen Eilmärſchen vergebens den Schlaf ſuchten; ich glaube wahrhaftig, er iſt toll oder verliebt, was wohl ſo ziemlich gleiche Wirkung hervorbringt, ſonſt hätte er wahrſcheinlich lieber das warme Bett als die gewiß nicht ſehr warme Stube ge⸗ wählt, um ſeinen Gedanken Audienz zu geben.

Solche und ähnliche Sticheleien brachten ſowohl Anna als auch mich in nicht geringe Verlegenheit, denn daß ich verliebt war, konnte ich in Wahrheit nicht mehr verläugnen, und da Anna, wie ich wohl nicht mehr bezweifeln koante, wußte, wem meine Gefühle galten, ſo waren dieſe Reden auch für ſie gleich peinigend und gewiß mit ein Grund, daß ſie gleich nach beendigtem Frühſtück Anſtalt zu ihrer Heimkehr traf und alle Bitten Cathinkas, wenigſtens noch bis über Mittag zu verweilen⸗ fruchtlos blieben. So ungern ich ſonſt ſah, wenn die Stunde des Abſchieds herannahte, ſo war ich doch diesmal froh darüber, denn den Weg(es verſtand ſich von ſelbſt, daß ich ſie begleitete) hatte ich mir auserſehn, Ge⸗

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