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obere Ende deſſelben zu Muſik und Tanz verſammelt, und uns dadurch der Unannehm⸗ lichkeit überhoben, von der neugierigen Dorf⸗ jugend gleich einem Wunderwerk angeſtaunt und begafft zu werden. In dos erſte beſte, ziemlich wohlhabend ausſehende Bauernhaus traten wir ein, und Cathinka erzählte der einzigen Perſon, die wir antrafen, einer dicken, ziemlich bejahrten, aber ſehr gulmüthig aus⸗ ſehenden Frau, unſern Unfall und bat um ihren Beiſtand.
Mit der dieſen einfachen Naturmenſchen oft ſo eigenthümlichen Gaſtfreundſchaft führte uns die Alte in die Stube, indem ſie ein Mal über das andere rief:„O mein Gott, das ſchöne junge Frauche! komme ſe, komme ſe geſchwind rin und lege ſe ſe ins Bett; ſe hat wohl nur ſo ſehr gefrore, ich will ehr gleich en warm Bier mache, dann kömmt ſe gewiß wieder zu ſich.“ Unter dieſen und ähnlichen Redensarten, welche bewieſen, daß ſie Cathinka's Erzählung nicht vollſtändig begriffen und das Verhältniß zwiſchen Annen und mir ganz falſch aufgefaßt hatte, führte ſie uns in die ziemlich ſtark durchwärmte Stube, welche, bis auf den etwas moderigen Geruch, der darin herrſchte, recht reinlich war: Tiſche, Bänke und die wenigen hölzernen Stühle, welche das Mobiliar ausmachten, waren blank geſcheuert, und an einer Seite derſelben paradirte ein großes, hoch aufge⸗ thürmtes, mit blaugewürfeltem Leinen über⸗ zogenes und von einem eben ſolchen Vorhang umgebenes Bett, deſſen pauſchiger Inhalt aber mehr aus Stroh als Federn zu beſtehen ſchien, welches ſich verrätheriſch an allen Seiten herausdrängte.
Ich ſetzte mich mit meiner ſchönen Laſt auf den erſten beſten Stuhl hin: Cathinka nahm Annen Hut und Mantel ab und öffnete ihre Kleider, um der Lunge freieres Athmen zu geſtatten; die gute alte Frau holte während dem Eſſig herbei, womit wir ihr Geſicht und Pulſe wuſchen, und ſchon nach wenigen Mi⸗ nuten hatten wir die Freude, einige Zeichen des zurückkehrenden Lebens zu bemerken; ich
fühlte den Schlag ihres Herzens an dem meinigen, und an meiner Wange den ſanften Hauch ihres Mundes.„Gott ſei Dank!“ war Alles, was ſich aus meiner von Todes⸗ qual gepreßten Bruſt hervor rang, und eine Thräne der Freude und des Danks gegen Gott fiel aus meinem Auge auf ihre Stirn nieder.
„Lege ſie auf das Bett,“ flüſterte mir Cathinka leiſe zu,„wenn ſie jetzt erwacht, würde ſie gewiß ſehr beſchämt ſein, ſich ſo, mit den geöffneten Kleidern auf Deinem Schvoß zu finden.“
Ich ſah ein, daß meine Schweſter recht hatte; vorher, in unſerer großen Angſt, hatten wir Beide an nichts gedacht, und
ſalle Mittel nur angewandt, um ſie wieder
zum Bewußtſein zu bringen; ſobald aber die Sorge ſich erleichterte, traten auch die Regeln der Sitte und des Anſtandes wieder deutlich hervvr.
Leiſe erhob ich mich, um Cathinkas An⸗ ordnung zu befolgen; kaum aber fühlte ſich Anna empor gehoben, als ihr KFörper, wie von einem electriſchen Schlage berührt, zu⸗ ſammenbebte, ängſtlich ſchlang ſie beide Arme um meinen Hals, wie, um ſich zu halten, und rief mit ſchwacher aber ängſtlicher Stimme: „O Gott, ich falle.“
Schnell legte ich ſie auf das Bett nieder. wo wir das Waſchen an Puls und Schläfe noch fortſetzten. Schon nach einigen Minuten ſchlug ſie die Augen auf, ſah ſich verwundert um und fragte:„Wo ſind wir denn? was iſt denn vorgegangen?“
„Dem Himmel ſei Dank, liebe Anna,“ ſagte Eathinka,„daß ich Dich wieder bei Be⸗ wußtſein ſehe und Deine Stimme höre; wir ſind recht in Sorge und Angſt um Dich ge⸗ weſen, erhole Dich nur noch ein wenig, dann will ich Dir Alles erzählen.“
Jetzt fiel Annens Blick auch auf mich, der ich mehrz oben an ihrem Kopf ſtand, und damit ſchien ihre Erinnerung wieder flarer zu werden.„Ach,“ ſagte ſie, jetzt beſinne ich mich, wir haben einen Unfall beim


