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zu erwarten ſein? Die Technik nimmt die ganze Jugend ſo in Anſpruch, daß an ein Verſtändniß vor den reifern Jahren, es ſei denn bei einem Genie, das unmittelbare Inſpirationen hat, nicht zu denken iſt. Mit beſſerm Verſtändniß ward das Trio mit ſeinem originellen Scherzo oder Intermezzoſatz ausgeführt. Die Concertgeberin ward von Fräulein Wagner unterſtützt durch eine italieniſche Romanze von Negri, eine ſehr mittel⸗ mäßige Compoſition, und durch zwei Lieder von Schubert und Schumann. Die Sphäre dieſer Künſtlerin iſt die Bühne, nicht der Concertſaal; nur dort, wo ſie als dramatiſch wirkſam ſich zeigen kann, iſt ſie wahrhaft bedeutend und groß, daher konnten ſelbſt die beiden Arien in dem letzten philharmoniſchen Concert aus Webers Eurianthe und Glucks Orpheus nicht durchſchlagend wirken. Nächſt ihr ſpielte auch noch Herr Biernackt auf der Violine Nationallieder von ihm ſelbſt und La Cascade von Kontski. Wir hörten dieſen Virtuoſen heut zum erſten Mal, und fanden nicht minder das Lob in der Journaliſtik ſehr übertrieben und partheiiſch. Die Nationallieder wurden mit trefflichem Bogenſirich und mit Gefühl geſpielt, doch waren ſie zu monoton und lang ausgedehnt; in der Ausführung der Cascade erregte der Spieler, wenn auch nicht Bewunderung, dech allgemeine Heiterkeit. Warum giebt es doch ſolche Compoſitionen, die höchſtens der Componiſt ſelbſt, der ſich und ſeine Fähigkeit kennt, nur ſpielen kann, die man ihm auch deßhalb verzeiht?
4) Weit befriedigter an geiſtigem und ſeeliſchem Genuß mußten wir uns fühlen am folgenden Abende in der zweiten Quartettunterhaltung der Herren Haffner und Lee, von denen wir zu unſerm Bedauern die erſte nicht gehört. Hier findet das Was ſtets ſeine volle Genüge, hier herrſchen nur die Heroen der Tonkunſt: Hahdn, Mozart, Beet⸗ hoven,— wo dieſe drei die Tonangeber ſind, da wirſt Du, lieber Hörer, ſo wenig wie wir leer ausgehen, vielmehr reich beſeligt den Ort ver⸗ laſſen und noch unſchätzbaren Gewinn mit davon tragen. Kommt nun noch, wie hier, die gute Ausführung dazu, ſo iſt in wenigen Worten, ja, in dem Einen Wörtchen gut Alles geſagt. Die Unternehmer ſind als Quartettſpieler rühmlichſt ausgezeichnet ſchon bekannt, und nicht minder Herr Polack, ihr langjähriger, ſo wie Herr Breyther aus Altona, ihr diesmaliger Participient. Jedes Inſtrument hatte demnach einen ganzen Muſiker, und dies will viel ſagen. Es kamen zu Gehör: 1) Quartett von Hahdn, B Dur, was man ſeltener hört, was aber eben ſo wie die übrigen von der ewigen Jugend und Geiſtes⸗ friſche des Meiſters zeugt. Es ward ſehr gut executirt; ausgezeichnet ſpielte Herr Breyther (Gzweite Vieline) das Thema im Andante mit eben ſo großem Gefühl wie Geſchmack. 2) Bee⸗ thovens Quartett in Es Pur; auch keines der oſt gehörten. Wie überall, iſt auch hier dieſer große, mächtige Geiſt unverkennbar; jedoch fehlt die Klarheit der übrigen und weckt uns zum trüben Nachdenken darüber, daß auch dieſer herrliche Geiſt durch den Einfluß unglücklicher Verhältniſſe ſo
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leidend erſcheinen kann. Die Execution war nicht minder tüchtig. 3) HQuintett von Mozart, 6 Moll, das am meiſten Enthuſiasmus erregte, namentlich unter älteren Quartettſpielern und Dilettanten, ein hinlänglicher Beweis, daß Klar⸗ heit in der Tonkunſt am bedeutenſten wirkt. Aber auch die Execution war hier ganz vorzüglich. Das Finale, das durch ſeinen walzerähnlichen Rhythmus ſehr leicht ins Triviale gezogen werden kann, wie wir es ſchon von bekannten guten Violin⸗ ſpielern zu unſerm Bedauern gehört haben, wurde hier ſehr edel gehalten; namentlich das Cello, das alle Soloſtellen mit Geſchmack hervorhob, alle begleitende Stellen aber ſehr diseret behan⸗ delte. Die zweite Bratſche war wegen threr Stellung hinter dem Pulte nicht erkennbar, doch hörbar genug. Die herrlichen Productionen fanden ein ſehr dankbares Publicum; der ſchönſie Dank iſt gewiß die frohe Erwartung des nächſten Quartettabends..
Thereſe Wilanollo, die vor ſieben Jahren die Wiener gelinde raſen machte, wird dieſer Tage in Wien erwartet. Man fängt bereits en atten- dant zu ſchwärmen an.
Charlotte von Jagn. Für viele Theaterfreunde erwähnen wir des Gerüchts, daß Frau v. Owen (die in der Kunſtwelt unvergeßliche Charlotte von Hagn) zum Benefiz ihrer jüngern, an der Königs⸗ ſiadt engagirten Schweſter noch einmal in einer neuen Rolle auftreten wird.
Scarron's Licbe, Original⸗Luſtſpiel in einem Acte, von Dr. Max Ring, iſt bei der Königl. Bühne in Berlin zur Aufführung gekommen.
Prokeſſor Reller in Wien. Die mimiſcheplaſti⸗ ſchen Bilder des Herrn Keller erregen im Carls⸗ theater in Wien ſteigendes Aufſehen.— Dem Bernehmen nach beabſichtigt die bekannte Mad⸗ Weiß, mit ihrem Mädchen⸗Ballet von Turin über Mailand, Venedig und Trieſt nach Wien zu gehen, um Vorſtellungen auf einer der dortigen Bühnen zu veranſtalten.
Miscelle. Die ruſſiſche Armee. Die„Deutſche Wehr⸗
zeitung“ enthält in einer ihrer letzten Nummern eine„Ueberſicht der Kaiſerlich ruſſiſchen Armee,“ wie ſie ihres Wiſſens bisher in Deutſchland noch nicht bekannt geworden iſt. Die acht Seiten oder ſechszehn Spalten der erwähnten Nummer ſind mit den genauen ſiatiſtiſchen Angaben über den wichtigen Gegenſtand angefüllt. Am Schluſſe des Aufſatzes wird eine Totalüberſicht der ruſſi⸗ ſchen Armee gegeben, welcher wir folgende Data entnehmen: Es ſind vorhanden 17 Korps, 10 militairiſche Verwaltungsbezirke, 74 Diviſionen, 241 ½ Brigaden, 322 Regimenter, 889 Bataillone, 325 Batterieen, 1460½ Eskadrons, 4900 Kom⸗ pagnieen, 18 Arſenale, 7 Fabriken, 50 ½ Parke.


