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abgeſandten Militair ihnen längeres Bleiben unklug erſcheinen ließ.—
„Dein Glück kann kommen über Nacht, ehe du daran denkſt,“ ſagte Paul am folgenden Morgen, indem er einen mit Gold gefüllten Beutel vor ſeinen Vater auf den Tiſch ſetzte, den er der Chatvule des Grafen entnommen hatte.
Aber des armen Knaben, der einſam ver⸗ ſcheidend auf dem Hofe lag, gedachte Keiner; er war ſchon lange geſtorben und bei dem freundlichen Blicken der Sterne und der ver⸗ glimmenden Gluth des Feuers hatte ihm der Schnce, mitleidiger als die Menſchen, ein blendendweißes Bahrtuch gewebt.
IV. Sugendleben— Worwärlsſlreben.
Nachdem der Graf und Edmund auf die obenerzählte Weiſe entkommen waren, beſtellten ſie in Heilbronn Poſtpferde und eilten raſch der Reſidenz zu. Blumenthal war entſchloſſen, die Beſtrafung der Proletarier auf's Ener⸗ giſchſte zu betreiben und nöthigenfalls ſelbſt einen Theil ſeines Vermögens zuzuſetzen, wenn er nur ſeine Rache auf eine eclatante Weiſe befriedigt ſehen könnte. Sohn nicht minder empört über die unerhörte Frech⸗ heit und Meuterei der„Canaille“ und freute ſich ſchon im Voraus auf die Peinigungen, womit er zur Vergeltung ſeine Untergebenen bedrücken würde, wenn er erſt wieder mit
Sein war
ſeinem Vater auf das Gut zurückgekehrt wäre.
Der Miniſter war überaus gnädig. Mit der größten Entrüſtung hörte er den Bericht des Grafen an und war ſichtlich betroffen über die Tollkühnheit, daß man es gewagt hatte, einem ſo angeſchenen und in der Gunſt des Hofes ſo hochſtehenden Manne auf eine ſo raſende Art entgegen zu treten. Er ent⸗ ließ endlich die vornehmen Bittſteller mit der
ausdrücklichen Verſicherung: er werde Alles
aufbieten, was in ſeinen Kräften ſtehe, um dahin zu wirken, daß die unverſchämten Auf⸗
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rührer außss Strengſte zur Rechenſchaft ge⸗ zogen und die Schuldigen nach der ganzen Schärfe des Geſetzes beſtraft würden.
Graf Blumenthal und Edmund zogen es vor, für's Erſte in Stuttgart zu bleiben, einestheils um ihre Sache an Ort und Stelle eifriger betreiben zu können, anderntheils weil ſie unläugbar noch eine gewiſſe Furcht vor den rebelliſchen Meuterern beſaßen, die— das ſahen ſie ein— zu weit gegangen waren, um ſelbſt das tollkühnſte Wageſtück zu ſcheuen, und die vielleicht in ihrer Rache noch weiter gehen würden, wenn ihre verhaßten Tyrannen ſich ihnen wieder in die Hände lieferten zu einer Zeit, wo ihre raſende Erbitterung ſich noch ſchwerlich gelegt und ein ruhiges Nach⸗ denken über das Geſchehene auch ſie mit Angſt und Zittern vor der Strafe erfüllt haben würde.
Ueberlaſſen wir daher vorläufig die beiden Flüchtlinge ihren Intriguen und verſetzen uns im Geiſte etwas ſpäter, zu Anſang April, nach der alten Univerſitätsſtadt Tübingen, dem licblichen Neckarathen, wo wir die Be⸗ kanntſchaft einiger, vielleicht nicht unintereſſan⸗ ter Jünglinge machen werben.
Die Ferienzeit ging eben an. Die eiſige Kälte des Winters war vor dem warmen Hauche des Frühlings geflohen und die Sonne lockte die jungen Keime mit freundlichen, milden Strahlen aus dem feuchten Boden Schon kehrten die Störche zurück ous den wunderbaren Zonen des Südens und
hervor.
die Lerche wirbelte ſchmetternd empor in die
blauen Lüfte, um in jubelnden Hymnen das ſtille Walten und Schaffen der Natur zu beſingen. Es ſchien, als verklärten ſich ſelbſt die Geſichter der Menſchen in der wonnigen Jahreszeit und als ſei auch in ihre Seele ein lichter Sonnenblick hineingedrungen— ſo fröhlich trieben ſie durch die aufgethauten Straßen der Stadt und grüßten ſich ſo herz⸗ lich und drückten ſich die Hände in Lenzesluſt und Seligkeit. (Fortſetzung folgt.).
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