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nungen, denen das Prädikat„Meiſter“ mit vollem Rechte gebührt, und die jetzt immer ſeltener wer⸗ den, deren Erſatz aber, wenn ſie einſt dahin ge⸗ gangen ſind, ſchwerlich in Ausſicht ſteht. Wir freuen uns daher, daß der Künſtler unſer Ham⸗ burg ganz beſonders vorzieht und foſt jahrlich uns beſucht; wer weiß indeß, wie oft die Zukunft ihn uns noch wiederbringen mag? Deßhalb wollten wir recht fleißig die Gegenwart benutzen und ſo wenig als möglich ſeine lebensfriſchen Geſtalten uns entgehen laſſen. Seine erſte Rolle war der Strumpfwirker„Cantal“ in dem Schauſpiel„der Fabrikant“. Das Stück iſi zwar nach dem Franzöſiſchen, aber wie man von dem bühnen⸗ kundigen Bearbeiter E. Devrient erwarten kann, eines der beſſeren, ſehr wirkſamen Dramen mit einfacher Handlung und intereſſanten Situa⸗ tionen. Jovialität, Gemüthlichkeit, heiterer Humor neben ſinnvollem Ernſte, der bald die feſte Sprache der Ueberzeuzung, bald die rührende des väter⸗ lichen Wohlwollens redet, dies ſind die Elemente, die den Character des Cantal bilden, aber auch die, in denen ſich der Künſtler wie in ſeinem Elemente bewegt, daher hier faſt kein Spiel, ſondern die Natur ſelbſt gleichſam uns entgegen trat in ihrer Freiheit, Sicherheit und Beſtimmtheit, wie wir ſie nur bei den beſten franzöſiſchen Darſtellern in dieſem Genre noch finden; der Künſtler machte uns die Bühne vergeſſen, wir glaubten die Wirk⸗ lichkeit vor uns zu ſehen. Auch Herr Fehringer in der Titelrolle unterſtützte den Gaſt auf ſehr wackere Weiſe und ließ uns gern überſehen, daß er über die Jugend der Eiferſucht eigentlich ſchon weit hinaus. Eugenie, der Gegenſtand dieſer Eiferſucht, in ihrem Kampf zwiſchen Pflicht und Neigung, iſt eine ſchwierige Rolle, die nicht in allen Momenten gleich gut von Frl. Fuhr wieder— gegeben wurde; auch ein„getheiltes Herz“, das ſich aber nicht ſo leicht wie das Kotzebue'ſche be⸗ handeln läßt. Dem Maler Lambert des Herrn Köckert fehlte, wie ſeinem geſtrigen„Triſtan“, der poetiſche Schwung, der aber hier, weil er ein falſcher und in ſeiner Richtung verkehrter iſt, um ſo mehr in der Form hervortreten müßte, je we⸗ niger er aus ſeinem Weſen hervorgehen kann. Dergleichen poetiſche Geſtalten ſcheinen dem Künſtler weniger zuzuſagen und daher weniger zu gelingen, als die gemüthliche Proſa des„Land⸗ wirthes“, in welcher er excellirt.— In der Oper ga⸗ ſtirte Mittwochen auf dem Stadttheater Frl. Maria Sulzer aus Wien als Amina in der„Nacht⸗ wandlerin“ und beſlätigte auf's Neue die Wahr⸗ heit unſerer in voriger Nummer gemachten Be⸗ merkung über Wahl der Rollen von Seiten der Gäſte und Debutanten. Sie beſitzt eine ſehr ſchöne, reine, ziemlich umfangreiche Stimme, hat auch wohl ſchon gute Studien im Geſange gemachtz den⸗ noch hätte ſie die Amina nicht wählen und ſingen ſollen, die nur für fertige, vollendete Künſtlerinnen gemacht iſt, die ſelbſt eine Fiorentini nicht künſt⸗ leriſch vollendet löſ'te. Eine ſchöne Stimme iſt ja noch nicht Alles; an Spiel, an Bühnenroutine namentlich ſcheint es noch ganz zu fehlen. So war der ganze ſomnambule Zuſtand mit beweg⸗ lichem Augenſpiel begleitet. Wir verkennen nicht, daß große Befangenheit und Schüchternheit ſehr nachtheilig einwirkten, geben auch gern zu, daß
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Befangenheit und Schüchternheit der Künſtlerin ein beſſeres Zeugniß reden, als vielen anderen die Keckheit der Arroganz, müſſen aber doch auf jeden Fall annehmen, daß Schüchternheit nicht ein Kriterium der Meiſterſchaft, ſondern vielmehr des Anfängerthums iſt, daß ſie da verſchwindet und verſchwinden muß, wo das Bewußtſein der Kraft, die Gewißheit des Gottes in uns, den Darſteller auf die Bühne begleitet. Dazu kam noch, daß die Erwartungen wieder durch allzu fertiges Auspoſaunen zu hoch geſpannt wurden, und wie immer werden ihr dieſe Lobpreiſer avant la lettre mehr ſchaden als nützen. Soll es ſich hier nicht blos um ein Gaſtſpiel, ſondern um ein Probeſpiel zum Engagement für eine erſte Sängerin handeln, welche Fräul. Babnigg oder auch nur Frau Hewitz-Steinau zu erſetzen be⸗ ſtimmt iſt, ſo können wir nicht ernſt genug darauf dringen, nicht jener doppelpoſaunigen Fama blind⸗ lings, ſondern den eigenen beiden Ohren und Augen prüfend zu folgen. Was bedeutet es, wenn der Vater Profeſſer am Conſervatorium, geſchätzter Vorſänger in der Synagoge und Com⸗ poniſt hebräiſcher Geſänge iſt, wenn die Tochter, nicht der Vater, als erſte Sängerin der Buhne angebören ſoll? Was will es ſagen, daß Jemand in Mailand ſeine Bildung empfangen, oder in Hoſconcerten mitgewirkt? Nicht die Mailänder, oderirgend eine beſtimmte, ſondern die gule und beſte Schule bewähre den Jünger, und in die Hofzirkel führtoft weniger die Kunſt, als Empfehlung und Protection ein. Wir wollen hier durchaus nichts gegen den geſchätzten Gaſt und ſein Talent be⸗ la pten, wozu wir nach Einmaligem Auſtreten uns gar nicht berechtigt halten, ſondern nur gegen de Wahl der Rolle, ſowie gegen die Lob⸗ redner vor und Entſchuldiger nach dem Auſtreten geſprochen haben und wünſchen nichts ſehnlicher, als daß Frl. Sulzer durch ihre fernern Leiſtun⸗ gen die beſte Erwartung rechtſertige und jede Entſchuldigung unnöthig wachez wir werden mit Freuden unter den erſten ſein, die ihr den Kranz des wohlverdienten Ruhmes flechten und darreichen.
Am Freitage ward die Wahl uns ſchwer; im Stadttheater Fräul. Wildauer, im Thaliatheater Meiſter La Roche. Wir entſchieden uns endlich nach langem Kampf, und getreu unſerm oben angeführten Vorſatze, für das letzte. Wir hatten es nicht zu bereuen.„Michel Perrin“ und„Ein höflicher Mann“ wurden gegeben, und beide Titel⸗ rolen von dem Künſtler in wahrer Vollendung dargeſtellt. Es fehlt uns der Raum, in das Ein⸗ zelne ſeiner, ſowie der heimiſchen Künſtler Dar⸗ ſtellung einzugehen; dafür aber ſei uns eine all⸗ gemeine Bemerkung erlaubt, die wir in Bezie⸗ hung auf letztere machen müſſen, daß nämlich das treffliche Memoriren, ſonſt ein Hauptvorzug bei der Thaliabühne, in der jüngſten Zeit merk⸗ lich nachgelaſſen hat, ein Umſtand, der für das abgerundete Zuſammenſpiel von den nachtheilig⸗ ſten Folgen werden kann.— Die künſtleriſch ſo reiche Woche fand ihre Krone am Sonnabend im erſten Gaſtſpiel des Frl. Loniſe Neumann und der Frau Haizinger, welche als Lorle und Bärbel in„Dorf und Stadl“ auftraten. Dieſes Lorle der Neumann iſt das Vollkommenſte einer Dar⸗ ſtellung, die wir je geſchen; wir mögten ſie den
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