Jahrgang 
2 (1850)
Seite
871-872
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war daher in ber größten Verwilderung auf⸗ gewachſen. Schon frühzeitig zeigte ſich, daß er von dem milden Charakter ſeiner Mutter gar Nichts beſaß, ſondern die ganze Tücke und Boshaftigkeit ſeines Vaters ererbt hatte. Bereits als Knabe beging er die nichts⸗ würdigſten Streiche, trieb den armen Schloß⸗ bauern das Vieh ins Korn, ſchlug ihre Kinder und ritt als dreizehnjähriger Bube ſogar ein kleines Mädchen todt. Wenn die Betheiligten nun bei dem Vater Klage führten, wurden ſie barſch abgewieſen und der Graf freute ſich im Stillen über dietüchtige Ge⸗ ſinnung, welche ſein hoffnungsvoller Spröß⸗ ling an den Tag legte, indem er dasbürgerliche Pack verachtete und ihm allen erdenklichen Schabernack zufügte. So geſchah es, daß der junge Graſ bald noch verhaßter ward als der alte, und Jeder ging ihm ſcheu aus dem Wege, wenn er ihm irgendwo begegnete. Von der übrigen Geſellſchaft, welche dieſen Abeud beim Feſte des Grafen Blumenthal ſich zuſammengefunden hatte, heben wir be⸗ ſonders einen Baron Stahlheim mit ſeiner Tochter Helene hervor. Der Baron war aus einer der älteſten Familien des Landes ent⸗ ſproſſen, hatte aber faſt ſein ganzes nicht unbedeutendes Vermögen verſchwendet und ſah ſich nun außer Stande, ſein wüſtes Leben und ſein hohes Spiel ſortzuſetzen. Daher war es ſein höchſtes Beſtreben, für ſeine Tochter einegute Partie zu finden, um ſo von ihren angeheiratheten Reichthümern mit⸗ zuzehren. Uebrigens liebte er auf ſeine Weiſe ſeine Tochter wirklich und gab ihren Wünſchen kſtets gerne nach, wenn er es möglich machen onnte dieſelben zu erfüllen.

Fräulein Helene war ein bezaubernd ſchönes Weſen, das einen ganzen Schwarm von An⸗ betern beſaß, aber keinem auch nur im Ge⸗ ringſten ein Zeichen ihrer Gunſt zu Theil werden ließ, weshalb ſie gewöhnlich für kalt und gleichgültig gehalten wurde. Dunkel⸗

braunes ſeidnes Haar ringelte ſich in unge⸗ künſtelten Locken auf die lieblich gerundeten

Schultern herab und hob noch mehr den

ſchwanenweißen Hals und die blaſſe Geſichts⸗

farbe hervor, die nur mit einem leichten,

faſt ätheriſchen Anſtrich von Roth überflogen

war. Die vollen dunklen Augenbraunen be⸗

ſchatteten ein Paar glänzender, tiefblauer

Augen, die gleich zwei wunderbaren Zauber⸗

ſeen den Blick feſſelten, der in ſie hinein⸗

ſchaute und in die ſich zu verſenken Wonne

und Seligkeit über das Herz ausſtrömte.

Unter der ächtgriechiſch geformten Naſe zog

ſich der ſchmale und feine Mund mit den

purpurrothen Lippen hin, die gewöhnlich

halbgeöffnet ſtanden und ihr einen träumeriſchen

Ausdruck verliehen, zumal wenn ſie allein

war und ihre Augen feſt auf einen Punkt

richtete, ohne doch eigentlich einen beſtimmten

Gegenſtand zu erfaſſen. In ſolchen Augen⸗ blicken ſchien es, als verſenke ſie ſich ganz in ihr eigenes Innere und vergäße ganz der ſie umgebenden Außenwelt. So konnte ihr Vater manchmal minutenlang an ihrer Seite ſtehen, ohne von ihr bemerkt zu werden und wenn er ſie dann endlich anredete, blickte ſie ihn ſo fremd an, als werde ſie plötzlich mit Unwillen aus einer andern und ſchönern Welt ins proſaiſche Alltagsleben zurückgeriſſen. In ihrer Jugend hatte ſie viele Romane geleſen und ſich vielſeitig mit der poetiſchen Literatur Deutſchlands abgegeben, auch dichtete ſie ſelbſt manchmal tiefgefühlte Lieder, die ſie aber Niemandem mittheilte. Höchſtens ſang ſie dieſelben einmal in ſtillen Abendſtunden wenn ihr Vater in ſeine gewöhnlichen Geſellſchaften gegangen war, auf ihrem einſamen Zimmer und accompagnirte den Geſang ihrer lieb⸗ lichen Stimme mit wenigen Griffen auf der Guitarre oder dem Klavier, welche beiden ſie meiſterhaft ſpielte.

(Fortſetzung folgt.)

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