Jahrgang 
2 (1850)
Seite
867-868
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Gewaltigen den Geiſt aufgeben müßt? Auf! flechtet eine Bahre von Reiſig und legt ihn darauf! Er ſoll unſerer Schaar vvraufge⸗ tragen werden. Ein von den Geißelhieben der Tyrannen zu Tode gequälter Jüngling unſer Banner! Ein von den Herren dieſer Erde zur Verzweiflung gebrachter Mann Euer Führer! Was iſt Recht? Recht war bis auf den heutigen Tag immer Gewalt. Nun, jetzt haben Wir die Gewalt und das Recht alle beide! Nieder mit den Tyrannen! Hoch die Freiheit der Bedrickten!

Durch dieſe und Uhnliche Reden gelang es ihm endlich, ſelbſt die Furchtſamſten zu überreden und mehr und mehr Zorn und Pr⸗ Allen zu entflammen. Man flocht eine Bahre von trocknen Zweigen und deckte ein weißes Tuch darüber.

Heut' Nacht iſt Alles erlaubt, ſagte Paul,plündert, ſengt, ſtehlt, ſo viel Ihr Luſt habt, und will's Gott, ſo kommt unſer Glück über Nacht, ehe wir daran denken! Haſt Du's ſo gemeint, Alter? fügte er leiſer hinzu, indem er ſich der Worte ſeines Vaters erinnerte. Dar⸗ nach zog der wilde Schwarm, von Paul geführt, den verwundeten Knaben vorange⸗ tragen, hinaus in die Nacht und immer größer ſchwoll er an, je näher ſie der Wohnung ihres Zwingherrn kamen; denn wer nur hörte, daß es gegen dieſen verhaßten Mann ging, ſchloß ſich gerne der aufgebrachten Rotte an, die mit lautem Geſchrei jetzt die Fabrik erreichte.

. Sin Weihnachtsfeſl.

Da droben aber im Schloße des reichen Grafen von Blumenthal herrſchte lauter Jubel und Fröhlichkeit. Die ganze Nobleſſe aus der Umgegend von Heilbronn und Oehringen bis nach Gaildorf hin war zum Feſte des reichen Gutsherrn geladen und zahlreich er⸗ ſchienen. Grafen, Freiherrn, Barone Alles Herren von ſo und ſo vielen Ahnen mit ihren Gemahlinnen, Söhnen und Töchtern

bewegten ſich bunt durcheinander und mit dem Glanze Rubine, Saphiere, Granaten und funkelnde Halsgeſchmeide und Diademe. Die ſeidnen Gewänder rauſchten beim Tanze wie der Tritt des Wanderers in dem welken Herbſt⸗ laub und manch ſüßes Wort flüſterten die beſternten und bebänderten Herren den jungen Schönen ins Ohr, während ſie wollüſtig ihren Leib umſchlangen und ſich im wirbelnden Tanze drehten unter den berauſchenden Tönen einer ſchallenden Muſik.

Der Graf war heute ſehr liebenswürdig und machte auf eine illuſtre Art den Wirth. Er ging von Dame zu Dame und ſagte Allen etwas Artiges.Er iſt ſuperbe! flüſterten die alten Gräfinnen ſich in's Ohr, wenn er der Einen geſagt hatte, ſie ſei noch ſchön für ihre 65 Jahre, der Andern, ihre Tochter ſei das aimableſte Fräulein auf dem Balle, der Dritten einbilden wollte, ihre

Wangen blühten wie die Roſen des Frih lings, weil dieſelben durch dickaufgetragene

Schminke entſtellt waren, und was der Redens⸗ arten mehr ſind, die, ſo lügenhaft und nichts⸗ ſagend ſie ſein mögen, doch alten Coquetten ſehr ſchmeicheln. Auch an Erfriſchungen ließ es Graf Blumenthal nicht fehlen. Jäger und Heiducken in glänzend geſtickten Livreen reichten geſchäftig Eis, Crémes, Limonaden

und die ausgeſuchteſten Weine umher und

kunſtvolle Confituren erregten die Bewunderung der angeſehenen Gäſte.

Von denen, welche nicht tanzten, hatte ſich ein Theil an den Spieltiſch geſetzt und Haufen Goldes ſchwanden und nahmen zu, je nachdem die unbeſtändige Fortuna dem Einen lächelte, dem Andern den Rücken zu⸗ kehrte. Ein dritter Theil der Geſellſchaft

unter dieſen beſonders diejenige Hälfte des

weiblichen Geſchlechts, welcher der Reiz der

Jugend ſchon lange entſchwunden war hatte ſich in verſchiedene Gruppen nertheilt 18

und bewegte ſich in einer mediſirenden Unter⸗ haltung. Nur Wenige

der Diamanten wetteiferten

entgingen ihrer moquanten Kritik; da wurde der Schnitt

ein ſti