Jahrgang 
2 (1850)
Seite
857-858
Einzelbild herunterladen

m

857

erweckte wahres Furore. Sgra. Fiorentini als Alice war nur theilweiſe gut; ſie ſang beide Romanzen im erſten und dritten Acte ſehr lobens⸗ werth, dagegen blieb ſie im Duett mit Bertram, ſowie im daran ſich ſchließenden Terzett ohne Begleitung ziemlich ſchwach; ja, bei der zweiten Vorſtellung der Oper verſagte ihr in dieſem Ter⸗ zett einmal die Stimme gänzlich, und es bedurfte der ganzen Unſicht des Dirigenten ſowie des Orcheſters, um die unangenehme Störung wieder in Ordnung zu bringen. Bei einer ſo anſtren⸗ genden Partie und in ſolcher Tageshitze kann leicht dem Beſten ſolch Menſchliches widerfahren, und das Publicum erkannte dies verſtändig an und rief die Sängerin mit verſtärktem Klatſchen hervor. Für den Part der Prinzeſſin iſt die Stimme der Sgra. Vigliardi nicht grandios genug, und der Bravourgeſang liegt hier nicht ſo bequem, wie er bei den Italienern zu ſein pflegt; die Sängerin kennte daher der ſchwierigen, man könnte ſagen, eigenſinnigen Forderung, die der Tonſetzer an alle ſeine Sänger macht, nicht glänzend entſprechen. Noch ſchwächer war Herr Bianchi als Bertram; das Spiel abgerechnet, welches in keinerlei Weiſe in Betracht kommen ronnte, war der muſikaliſche Vortrag ſehr unſicher und ſchwankend, auch fehlt der Stimme die dafür erforderliche Tiefe. Sgr. Labocetta ſang den Raimbaud, und es gereicht dem Ganzen natürlich zum Gewinn, wenn auch die kleinen Partieen von guten Sängern ausgeführt werden. Wir hörten dadurch wieder einmal das Duett zwiſchen Raimbaut und Bertram, das gewöhnlich hier ausgelaſſen wird und nur von Knopp einige Mal geſungen wurde;z ebenſe ward ein Duttt zwiſchen Robert und Bertram, unmittelbar nach dem Terzett, das ſonſt nie gehört wird, von den Gäſten ſehr gelungen ausgeführt. Der Chor ſang dies⸗ mal deutſch, und das Orcheſter hatte eine veränderte Stellung erfahren, die indeß ſo wenig angemeſſen war, daß ſie bereits bei der Wiederholung eine abermalige Abänderung erlitt; ganz geeignet und für alle Inſtrumente gleich befriedigend halten wir auch dieſe nicht. Die neunte Vorſtellung am Donnerstag brachte uns einzelne Scenen in bunter Auswahl, wir können aber ein für alle Mal ſolchem Potpourri unſern Beifall nicht ſchenken; auch fand das Publikum dieſerhalb ſich nicht zahlreicher ein. Doch waren die Stücke gut gewählt und ſehr gut vorgetragen. Nach der reizenden Hurerture zu»Lltaliana in Ageri« ſang Sgr. Fuicciardi eine Scene und Arie mit

Chor aus»Torquato Tasso« von Verdi ſo aus⸗

gezeichnet, daß er uns bedauern ließ, ihn ver⸗ hältnißmäßig unter allen am ſeltenſten gehört zu haben. Er beſitzt einen kräftigen, hohen, herr⸗ lichen Bariton, der zugleich ſehr kunſtfertige Bil⸗ dung zeigt. Sgra. Fiorentini ſang eine ſpaniſche Volksromanze, La Calesera genannt; Coſtüm und Vortrag waren gleich reizend, und ſie wurde da Capo begehrt; die Romanze ſelbſt iſt etwas zu monoton. Die zweite Abtbeilung bildeten Seenen aus Lltaliana in Algeri: a) Aria di Lindoro, geſungen von Sgr. Labocetta; b) Ter- zetto del papataci, vorgetragen von den Herren Laboeetia, Bianchi und Paltrinieri. Dieſe Stücke machten uns nach dem Genuſſe der ganzen Oper

S

85⁵8

noch mehr lüſtern. Es folgte nach einem pas Styrien die Arie mit Chor aus Beliſar: Trema BMantio, von Sgr. Pardini mit wahrer Meiſter⸗ ſchaft geſungen. Die dritte Abtheilung bildete der dritte Act der»Somnambula«, den wir indeß nicht abwarteten, da er außer dem Schluß nichts Beſonderes bietet. Die zehnte und Schluß⸗ vorſtellung der Geſellſchaft war am Sonnabend Lucia di Lammermoor, der noch die Calesera als Zugabe folgte. Hätten ſie mit dieſer Oper den Anfang gemacht, ſtatt ſie zur letzten zu wählen, das Reſultat ihres ganzen Gaſtſpiels wäre wahrſcheinlich ein anderes geworden;*) hier iſt ihr wahres Element, dieſe Oper unddie heim⸗ liche Ehe waren unbezweifelt die gelungenſten unter allen. Und wiederum iſt es das Enſemble, das wir hier hervorheben müſſen, und wiederum iſt es Herr Pardini, dem wir den erſten Preis zuerkennen. Sein Edgardo war bis auf die Sterbeſcene eine äußerſt treffliche Leiſtung und konnte ſich der von Roger kühn an die Seite ſtellen; die letztere ſang kürzlich erſt Herr Ander viel wirkſamer. In der Titelrolle ließ Signora Fiorentini ihre Vorzüge, aber auch ihre Schwächen, letztere namentlich in dem virtuoſen Theil der großen Scene(dritter Act) wahrnehmen, hier mußte man Manches vermiſſen, was wahre Vir⸗ tuoſität in dieſer Scene zu leiſten vermag. Sgr. Guicciardi ſang den Aſton mit zu ſtarker Stimme, ein wenig öfter piano hätte nicht ſchaden können. Sein Vortrag indeß iſt ebenfalls treff⸗ lich, und er ward ſchon nach der erſten Scene gerufen. An Anerkennung von Seiten der An⸗ weſenden, die heute ſogar ziemlich zahlreich ver⸗ ſammelt waren, fehlte es überhaupt nicht, und auch wir wollen nicht verfehlen, ihnen hier unſern beſten Dank für die bielen genußreichen Abende auszuſprechen, die ſie uns boten, und mit unſeren herzlichſten Wünſchen ſie zu begleiten.

Daß das Drama während dieſer Zeit in den Hintergrund treten mußte, war ſehr natürlich. Ein Fräul. Vilatta, die im Fach der muntern Rollen debutirte, war nicht geeignet, beſondere Aufmerkſamkeit in dieſer ſo ungünſtigen Jahres⸗ zeit ſehr auf ſich zu ziehen. In dem guten Glauben, daß ſie bereits engagirt ſei, beeilten wir uns nicht, ſie zu ſehen; nur in dem kleinen Luſtſpiel von Bauernfeld:Großjährig, konnten wir vorübergehend ihre Bekanntſchaft machen; hier erſchien ſie uns als eine recht hoffnungsvolle Anfängerin, für welche Mutter Natur das Ihrige wohl gethan hatz auch mag immer der gute Anfang gelten, doch mehr als Anfang iſt es nicht. Die erſte Unfreiheit und Befangenheit iſt noch nicht überwunden, ſelbſt in der Sprache nicht, und die obige Bemerkung über Wahl der Rollen abſeiten der Gäſte und Debutanten mögte bei Frl. Vi⸗ latta eine Beſtätigung mehr finden. Das Bauern⸗ feld'ſche Luſtſpiel iſt übrigens ſo ſchlecht, daß nicht eine einzige Rolle(von Characteren läßt ſich gar nicht reden) uns intereſſiren konnte. Der Erfolg ihrer übrigen Rollen ſcheint ebenfalls nicht der Art geweſen zu ſein, um ihr Engagement zu veranlaſſen.

*) Wirklich iſt dieſelbe Vorſtellung noch einmal am Dienstage auf vielſeitiges Begehren() erfolgt.