Jahrgang 
2 (1850)
Seite
851-852
Einzelbild herunterladen

85⁵¹

ſieht es in demſelben auch ziemlich traurig aus. Die Beſtechlichkeit und der Gelddurſt haben ihn im hohen Grade entſittlicht und um alle Achtung gebracht, ja, manche Individualitäten ſind zu Allem eher geeignet als zu dem Amte, welchem ſie vorſtehen. Es gibt gewiſſe Grenzorte in Frankreich, wo man ſich von den Polizei⸗Kom⸗ miſſären um 2 Franken einen beliebigen Paß kaufen kann, mehre deutſche Flüchtlinge wiſſen hievon gewiß zu erzählen und in ihrem und ihrer etwa nachfolgenden Collegen Intereſſe, wollen wir auch Ort und Namen verſchweigen. Das Militär endlich iſt in Frankreich ein Inſtitut, welches von jenem in Deutſchland ganz ver⸗ ſchieden iſt. Der Offizier nimmt hier nicht die exeluſive Stellung ein, welche nur zur Erreichung gewiſſer Zwecke vergeſſen wird und einer Art ge⸗ heuchelter Popularität Platz macht, welche dann nach dem Gelingen ihre rauhe Seite wieder herauskehrt. Der franzöſiſche Offizier iſt zwar im Dienſte ſehr ſtreng, ohne brutal und roh zu ſein; außer Dienſt aber trennt ihn keine Schranke von den Soldaten, er beſucht mit dieſen das nämliche Caſé und das gleiche Table d'hote und in ihrer Unterhaltung iſt von einem Rangunterſchiede nichts zu bemerken. Wie würde mancher unſerer Prätorianer die Naſe gerümpft

haben, wenn er, wie ich, vor einigen Tagen in

einem Café zwei Unteroffiziere geſehen hätte, bei deren Billardparthie zwei Offiziere unter Scherzen und Lachen die Marquere machten! Ebenſo kümmern ſich in der Regel die niederen Offiziere wenig um die politiſche Meinung ihrer Unter⸗ gebenen, inſofern nämlich ſolche nicht mit dem Dienſte in Conflicte geräth. In der Stunde der Gefahr wird aber auch die franzoſiſche Armee ihre Pflicht thun, ohne Unterſchied der politiſchen Partheien, denn ſie beſitzt das Bewußtſein, daß ſie nicht der Spielball eines Einzelnen oder einer Partei ſein darf, ſondern die kräftige Wehre für das Vater⸗ land, wenn demſelben von Außen Gefahr drohen ſollte. Die Legitimiſten ſehen dieſe Gefahr durch die tägliche Vermehrung der Rothen immer mehr heranſchreiten, aber im Grunde genommen ſind dieſelben bis jetzt nicht gar ſo gefährlich als man meint, und ſo lange die äußerſte Partei ſich noch in Bierhausdemonſtrationen bei Sang und Klang gefällt und der Thrannei bei vollen Schoppen den Untergang ſchwört, iſt für dieeuropäiſche Ordnung nicht viel zu fürchten. Dieſes Treiben macht ſich beſonders hier im Elſaſſe bemerkbar, und obgleich es polizeilich verboten iſt,roth⸗ republikaniſche Lieder zu ſingen, ſo durchziehen dennoch alle Abend Schaaren von Arbeitern die Straßen, welche die drohendſten gereimten Hy⸗ perbeln gegen den jetzigen Zuſtand in Frankreich brüllen und von der Polizei darin durchaus nicht gehindert werden, da man ſonſt allabendlich be⸗ müſſiget wäre, Verhaftungen in Maſſe vorzu⸗ nehmen, was weit früher zu Conflicten Anlaß geben könnte, als die an und für ſich ſonſt harm⸗ loſen»Chansons des Socialistes«. Die Polizei iſt in dieſer Beziehung zu vernünftig, um einzu⸗ ſchreiten, und läßt daher den Sängern ungeſtört ihr Vergnügen, wendet aber dagegen mit doppelter Aufmerkſamkeit ihr Argusauge der geheimen ſozia⸗ liſtiſchen Propaganda zu und verſolgt dieſelbe

S

85²

mit äußerſter Strenge und unermüdlicher Spio⸗ nerie. Beſonders hat ſie es auf die Looſe der ſogenannten europäiſchen demokratiſchen Völker⸗ Lotterie, welche ſich in Genf unter dem Vorſitze der Herren Röſinger und Galéer etablirt hat abgeſehen und fahndet auf allen Wegen und Stegen mit merkwürdiger Hartnäckigkeit nach dieſem ſozialiſtiſchen Papiergeld. Erſt vor eini⸗ gen Tagen wurde in dem franzöſiſchen Grenz⸗ orte St. Louis der Maſchinführer des Straß⸗ burger Zuges viſitirt und 6000 Stück ſolcher Looſe bei ihm gefunden. Nachdem er von zwei Gensd'armen nach der Präfektur escortirt wurde, geſchah ſofort ſeine Verhaftung, und das Urtheil, welches wahrhaft drakoniſch ausfiel, ließ nicht lange auf ſich warten. Es lautete auf 2000 Fr. Buße, einmonatlichem Gefängniß und Entlaſſung aus dem Dienſte! Man ſieht alſo, daß in Frankreich nur ein Sibirien fehlt, um mit den ruſſiſchen Strafanſtalten gleichen Schritt zu halten. Indeſſen vernahm ich von ſonſt gutunterrichteten Verſonen, daß die Looſe allein keine ſo üblichen Folgen nach ſich gezogen hätten, würde man bei ihm nicht auch eine große Anzahl der hier ſtrenge verpönten Galéer'ſchen Zeitſchrift:»L'Alliance des peuples«, welche gleichfalls in Genf erſcheint, gefunden haben. Ich war, aufrichtig geſagt, auf das Programm dieſer vielbeſprochenen Zeitſchrift ſehr neugierig, um ſo mehr, da man Mazzini als den eigentlichen Redacteur vermuthete und Galéer nur als Figurant gegenüber der ſchwei⸗ zeriſchen Regierung gelten follte. Allein mit dem Erſcheinen des Prospectus und der erſten Nummer hat ſich dieſe Vermuthung nicht beſtätigt, ſondern derVölkerbund ſtellt ſich vielmehr als ein Organ der Herren Galéer, Heinzen und Struve heraus, welche aber mit ihren ſozialiſtiſchen Tiraden weder in Frankreich wo ſie ganz unbekannt ſind noch viel weniger in Deutſchland beſondere Ge⸗ ſchäfte machen dürften. Man legt alſo ohne Zweifel dieſer Schrift eine Wichtigkeit bei, welche ſie gar nicht verdient, und die franzöſiſche Polizei beehrt ſie daher mit einer viel zu großen Auf⸗ merkſamkeit. Viel wichtiger iſt eine Flugſchriſt, welche ſeit einiger Zeit in zahlreichen Exemplaren hier zirkulirt und die Elſäſſer mit kräftigen, ein⸗ dringlichen Worten an ihr deutſches Vaterland erinnert und ihnen ihre lächerliche, verächtliche Franzöſelei mit Bitterkeit vorwirft.Wir wiſſen es ſehr wohl, heißt es darin,daß es euch unter der franzöſiſchen Regierung beſſer als uns unter der eigenen deutſchen erging, allein dies iſt noch kein Grund, ſeine Nationalität zu vergeſſen und ſich zum gefügigen Knechte des Fremden zu er⸗ niedrigen. Eine andere Nation von Ehre würde es für die größte Schmach halten, den unter⸗ thänigen Diener des fremden Bedrückers zu ſpielen, und ihr Elſaſſer gefallt euch darin! In dieſem Tone fährt der Verfaſſer der genannten Flugſchrift fort, und man kann nicht umhin, dem⸗ ſelben faſt durchgehends Recht zu geben. Welchen Lärmen, und das mit Recht, würde nicht eine andere Nation erheben, wenn man es verſuchen möchte, ihr eine ganz fremde Verwaltungsſprache,

eine fremde Literatur, Sitte und Geſetze aufzu⸗

zwingen?!! Der Deutſche, welcher aber in Allem eine Schafsgeduld und eine Selbſtver⸗

Fi iſt Ho

heſt No in ſe

me Ar

ju

ebe