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Stück Brod flehte,“ verſetzte der Keſſelfflicker. „Meine Annelieſe hat der junge Graf ge⸗ ſchwängert und obendrein verſpottet, als ſie ihn um ein paar Thaler bat zur Kindtaufe,“ fügte ein Anderer dieſer Chronique scanda- leuse des gräflichen Hauſes hinzu.
„Das kann nimmer ſo Kleiben!“ ſchrie mit funkelnden Augen Jörg, ein herunterge⸗ kommener Bauer.—„Ja, was ſoll man thun?“ warf der Keſſelflicker ein,„die hohen Herren bei Hofe beſchützen doch die Reichen und laſſen ſolch einen Lumpen wie uns von ihren goldbetreßten Dienern binausſchmeißen.“ „Feige Brut!“ murmelte Paul, indem er ſeinen Krug leerte und aufſtand.
So fuhren die Proletarier noch eine Zeit⸗ lang fort, auf die Machthabenden zu ſchimpfen und ihre Schandthaten vorzutragen, während Paul mit verſchränkten Armen auf⸗ und ab⸗ ging. Endlich ergriff er mit einem derben Fluch ſeine Flinte und wollte fortgehen, als die Thür plötzlich aufgeriſſen wurde und Max bleich und zitternd hineinſtürzte. Blutige Striemen durchkreuzten ſein Geſicht und ſeine nackten Arme und Füße und ſein ganzer Körper war von Schlägen entſtellt.„Hül fe! Hülfe!“ ſchrie der Knabe, rettet mich vor den Jägern!“—„Hier biſt Du ſicher,“ ſagte Paul,„und nun erzähle, was Dir begegnet iſt! Wo haſt Du meinen Rehbock?“—„Ach, lieber Paul, ſchlage mich nicht,“ winſelte Max, „ich konnte es wahrhaftig nicht hindern!“— „Nun, wird's bald?“ antwortete dieſer, wäh⸗ rend ſeine buſchigen Augenbrauen ſich ver⸗ zogen,„wo haſt Du ihn gelaſſen und wer hat Dich geſchlagen?“— Gebt dem Jungen erſt einen Schluck Bier!“ ſagte Jörg zum Wirthe.
Nachdem der Knabe mit innigem Wohl⸗ gefallen getrunken hatte, erzählte er weinend: „Als Du mich fortſchickteſt, Paul, ging ich vorſichtig durch den dunkeln Wald, um un⸗
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ſgeſehen nach Heilbronn zu gelangen; ich war ſchon bei dem Tannengrunde, als ich plötzlich Hundegebell vernahm. Schnell warf ich den Rehbock hinter eine Tanne, und die Jäger wären vorüber gegangen, ohne mich zu be⸗ merken, wenn nicht die Hunde das Wild ge⸗ funden und mich verrathen hätten. Da ich nicht geſtehen wollte, wer es geſchoſſen, ſchlu⸗ gen ſie mich, daß ich vor Schmerz laut auf⸗ ſchreien mußte, und führten mich mit ſich fort. Zuletzt entſprang ich ihnen doch, aber die Jäger und Hunde verfolgten mich und ein großer Hund biß mich in's Bein. Ich ergriff einen abgefallenen Baumaſt und ſchlug ihn auf den Kopf, daß er losließ; aber nun ſchoſſen ſie auf mich und nur die Finſterniß war Schuld, daß ſie fehlten. Nun müſſen ſie aber gleich hier ſein, wo ſoll ich mich verſtecken?“
„Bleib' Du ruhig hier!“ ſagte Paul, indem er höhniſch lachte und neues Pulver auf die Pfanne ſchüttete.—„O, ich werde ſchwiewelig!“ ſtöhnte der Knabe und ſank auf einen Stuhl.
Während die Anweſenden noch damit beſchäftigt waren, den ohnmächtigen Max ins Leben zurückzurufen, ſchlugen die Hunde draußen an und gleich darauf traten drei Jägerburſchen ein. Sie behielten trotzig den Hut auf dem Kopfe und ſagten ohne die Geſellſchaft zu grüßen, ſie auf Max hinwieſen:„Der da iſt ein Wilddieb, er muß mit uns aufs Schloß!“—„Eher ſollt Ihr mir das Herz aus dem Leibe reißen, als Ihr den da fortführen werdet!“ trotzte ihnen Paul, indem er ſeine Flinte erhob.—„Nieder mit den Hunden!“ ſchrie der Keſſelflicker, der durch das Vertrauen auf die Uebermacht ſeiner Kameraden Muth faßte, und Alle
griffen raſch zu den Waffen, die ihnen am
6 nächſten lagen.
(Fortſetzung folgt.)


