839
Wetter, der Föhn brauſt gewaltig durch den Odenwald und peitſcht den Sand empor vom Grunde des Teiches. Ich hoffe, daß der Herr uns dieſe Nacht einen guten Fang beſcheert, wenn die Fiſche nur nicht bei der gräßlichen Kälte erfrieren.“
„Klägliches Volk!“ ſchimpfte Paul in ſich hinein,„Keiner, der was verdiénen kann, ich allein ſoll al' dieſe ewig hungernden Ratten füttern bis an ihr ſeliges Ende! Und doch bin ich noch ein junger Mann, der ſein Leben genießen will und nicht Luſt hat, ſich länger für Euch undankbare Brut aufzuopfeen!“— „Seht zu, wo Ihr Euer Brod ſelbſt ver⸗ dient!“ ſagte er laut,„ich gehe unter die Soldaten.“
„Paul! Paul, verlaß uns nicht!“ ſchrieen Alle.—„Ach, was ſoll aus uns werden, wenn Du fortgehſt?“ bat ſein Weib.
„Was ſcheert's mich?“ verſetzte Paul, „ſeht denn einmal zu, ob Euer lieber Herr⸗ gott, auf den Ihr immer vertraut, Euch Wein und Braten ins Maul fliegen läßt, wenn die Menſchen Euch verlaſſen. Ihr ſollt ſehen, er wird die Lippen nicht öffnen, um das eine Wort auszuſprechen, daß Euch alle reich machen könnte! Und das iſt doch ein jämmerlicher Tyrann, der verſteht Höllen⸗ qualen auf Erden zu erſinnen, der Euch allen dies elende, nackte Leben gab, ohne die Mittel es zu friſten!“
„Laͤſtere nicht!“ warnte ihn der Alte, „denn der Herr laͤßt Sein nicht ſpotten. Wunderbar ſind ſeine Wege und unerforſchlich ſein Rath. Dein Glück kann kommen über Nacht, ehe Du daran denkſt.“
„Ueber Nacht, ehe Du daran denkſt?“ wiederholte Paul finſter;„ja, Du haſt Recht, alter Graukopf, mein und Euer aller Glück ſoll kommen über Nacht, ehe Ihr daran denkt!“ Damit griff er nach ſeiner Flinte, unterſuchte ſie beim Scheine des Feuers und ſchüttete Pulver auf die Pfanne.
„Paul!“ ſchrie ſein Weib ängſtlich und wurde noch bläſſer als zuvor,„was willſt
4
S
1
8⁴⁰
Du beginnen? Gott! Du willſt doch kein Straßenräuber, kein Mörder ſein?“
„Was ich will, iſt meine Sache, was ich thue, haben ich und meine Flinte zu verant⸗ worten, die beide noch niemals ihr Ziel ver⸗ fehlten,“ lautete die Antwort.
„Verſprich mir nur das Eine, daß Du keinen Menſchen mordeſt,“ flehte Chriſtine, indem ſie ihn mit krampfhafter Anſtrengung zurückhielt.
„Laß mich, kindiſches Weib!“ rief Paul, indem er ihre Hand preßte, daß ſie ſchmerz⸗ haft aufſchrie, und riß ſich dann gewaltſam los.
„Ich fluche Dir, wenn Du einen Mord begehſt!“ rief ihm der alte Fiſcher nach, während Jener hinauseilte in die blinkende Schneemaſſe, die durch ihren eignen Schimmer ſeinen dunklen Pfad beleuchtete.
„Herr Gott, erbarme Dich Seiner!“ beteten der Fiſcher und ſeine Schwiegertochter, als Paul fort war.
II. Das Mwlelariat.
Der Mond hatte ſich wieder hinter einer dicken Wolkenſchicht verborgen, nur hie und da funkelte noch ein einzelner Stern mit zit⸗ terndem Lichte am Himmel und der Schnee fiel in immer dichtern Flocken herab.
Paul ſtand zweifelnd und unſchlüſſig ſtill, als er einige Schritte vom väterlichen Hauſe entfernt war und der kalte Hauch der Nacht⸗ luft ihn eiſig anwehte, und ſtarrte hinauf zu den erhellten Fenſtern des Schloſſes, wo man die buntgeputzten geſpenſterhaft vorübergleiten ſah und von wo eine rauſchende Muſik herabklang. Jedesmal, wenn eine Tänzerin vorüberſchwebte, blitzten und funkel⸗ ten die Diamanten mit weithin ſtrahlendem Scheine und ſchürten den Funken des Haſſes und der Habſucht in Paul's Seele mehr und mehr an.„Ein einziger dieſer Edelſteine könnte einen armen Teufel wie mich glücklich machen,“ rief er aus,„aber Ihr denkt nicht
des Wurmes, der zu Euren Füßen kriecht, Ihr gönnt uns Stiefkindern der Geſelſſchaft


