Jahrgang 
1 (1850)
Seite
823-824
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Finſterniß. Wir kommen jetzt zu Titel, die der Revolution unmittelbar entlehnt ſind: Das Ber⸗ liner Großmaul, die Morgenbarricade, der Rinn⸗ ſtein, der democratiſche Raiſonneur, der Straßen⸗ junge, die Katzenmuſik, der Stürmer, die rothe Kappe, der Ohnehos, der politiſche Eſel und der Narrenthurm. Der nun folgende Theil iſt dem Teufel dedicirt; zuerſt kommt der Teufel ſelbſt ohne allen Appendix, dann der reiſende Teufel, der entfeſſelte Teufel, der Kirchenteufel, Mephi⸗ ſtopheles, der hinkende Teufel, der verfolgende Teuſel und der Revolutionsteufel. Daß Punch und Charivari nicht fehlen, verſteht ſich von ſelbſt. Endlich kommt noch eine Partie Blätter, deren Benennung ſogenannte termini technici ſind, als: Das Reibeiſen, Kladderadaiſch, Kladeradratſch, Klitſch⸗Klatſch⸗Pumpernickel, Juchhetraſſaſa, Kuddelmuddel und Grobian. Wahchaſtig, eine ſpätere Generation, die dieſe Titel lieſ't, wird an die totale Verrücktheit der Jahre 1848 bis 1850 glauben.

Die Times über Fedru-Bollins jüngſtes Buch. Auch die Times bringt jetzt eine vernichtende Kritik des Ledru⸗Rollin'ſchen Buches über den Verfall Englands. Die Times meint ſchließlich: was in dieſem Buche Wahres ſei, ſei wenigſtens ſchon ein Jahrhundert alt, was daran originell ſei, ſei voll von Täuſchung, Uecbertriebenheit und factiſchen Irrthümern. Galignanis Meſſenger druckt dieſe Kritik ab und erwahnt dann in einer Anmerkung, Daniel O'Cennel, der einmal bei ſeinen Repealbeſtrebungen mit Ledru⸗Rollin in oberflächliche Berührung gekommen, habe ihn in möglichſter Kürze mit den Worten charakteriſirt: Ledru Bollin is a humbug. So ſchlecht ubrigens, wie die engliſchen Zeitungen es machen, wird Ledru⸗Rollins Buch keinenfalls ſein, wenn auch nicht viel beſſer.

Der Schriftſteller W. G. Punder hat ſeine koſtſpielige, fur die Zeitgeſchichte wichtige und reichhaltige Sammlung von Proclamationen, Manifeſten, Erläſſen, Placaten, Flugſchrirten aller Art, welche in der Pertode des Jahres 1848 in Wien und in den Kronländern gedruckt worden ſind, der Wiener k. k. Hofbibliothek unentgeltlich gewidmet. Derſelbe erhielt in Folge ſeiner literari⸗ ſchen Leiſtungen von dem Könige ven Schweden und Norwegen die große geldene Ehren-Medaille, von der großh. heſſiſchen Ludwigs⸗Untverſität das Diplom als Doctor der Philoſophie, und von Mayimilian, Herzog in Baiern, eine goldene Medaille mit deſſen Bildniß als Andenken.

Pir Weſerzeitung über Mar Wadau.O dieſe Zeit! iſt der Titel einerCanzone von Max Waldau.(Hamburg, Heffmann u. Campe.) Die pelitiſche Poſie beginnu ſich wieder zu regen, und je ähnlicher unſere Verhältniſſe denen vor 1818 in manchen Bezichungen werden, um ſo häufiger werden die Pocten Gelegenbeit nehmen, ihrem Groll über die Reaction in Verſen Luft zu machen. Max Waldau hat ſeit etwa zwei Jahren einen guten Namen, der neuerdings durch ſein BuchNach der Natur ein berühmter zu werden verſpricht. Gr iſt eineintereſſante literartſche Erſche inung; ein demokratiſcher Ari⸗ ſtokrat verbirgt ſich hinter dem Schleier dieſes

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Man erfährt, daß ein ſchle⸗

einfachen Namens. ſiſcher Gutöbeſitzer der Verfaſſer jenes Buches iſt, das bei der hohen Ariſtokratie ebenſo beliebt iſt,

wie bei der Demokratie. Wäre der Ausdruck nicht ſo abſcheulich verbraucht, wir würden ihn einen gemäßigten Demokraten nennen. Als ſolcher zeigt ſich Max Waldau auch in dieſer Canzone, die, wie ſchon der Titel mit dem Aus⸗ rufungszeichen verräth, ein Klaglied über die politiſchen Verhältniſſe Deutſchlands iſt. In ſchöner, gewandter Form ergießen ſich ſeine Klagen über die ſchmählich vereitelte deutſche Einheit, die Reaction, gegen die er mit zorner⸗ fülltem Herzen zu Felde zieht. Waldaus De⸗ mokratie hat einen ſtarken Beigeſchmack von jener ſublimen Schwärmerei, die ſo manchen Talenten dieſer Partei eigen iſt; ſie verführt ihn auch hier zu Ueberſchwänglichkeiten, Uebertreibungen und Ungerechtigkeiten, die den im Allgemeinen großen und ſchönen Eindruck ſeines Gedichtes beein⸗ trächtigen. Uebrigens iſt Waldau nicht einſeitig in ſeinem Tadel der Seite, die er angreift, auch der ſeinigen tadelt er vielfach. Er ſchwärmt für das Volk und ſeine Rechte, aber er giebt zu, daß die vielen Fehler des Volkes ihm den Vollgenuß deſſelben nicht weniger vorenthalten haben, als die Angriffe der Reaction. Noch beiden Seiten hin fallen ſcharfe Schläge, mit edlem Zorn geißelt er namentlich die öſterreichiſche Politik; ungerecht wird er, wenn er auf den jungen Kaiſer Vorwürfe häuft, die nicht ihm, ſondern ſeinem Miniſterium zur Laſt fallen. Aber freilich! der junge Kaiſer mit der Habsburger Krone auf dem Haupte iſt poetiſcher, als ein verantwortliches Miniſterium. Faſt ſchöner als das Gedicht ſelbſt, das gern geleſen werden wird, und dem wir viele Leſer beider Parteien wünſchen, iſt die Widmung an Freiligrath.

Der bekannte Schriftſteller Herr Oelsner- Wonmerque beſchäftigt ſich mit der Bearbeitung der Regierungsgeſchichte Friedrich Wilhelms W. von ſeiner Thronbeſteigung an, bis zu den letzt⸗ erlaſſenen Preßgeſetzen.

Der Soldat von Dignano. DerOſtdeutſchen Poſt iſt die Aufforderung zugegangen, eine Ein⸗ ladung auf einen Band wehmüthiger Gedichte zu unterſtützen, der, 15 Bogen ſtark, aus Dig⸗ nano, einem kleinen Orte Iſtriens, bervorgehen ſoll.Der Verfaſſer, fügt das genannte Blatt hinzu,an den jüngſten politiſchen Ereigniſſen becheiligt, ſcheint jetzt als gemeiner Soldat zu dienen. Die Muſe mag ihm wohl das ein⸗ ſormige Garniſensleben ausſchmücken, fährt die genannte Zeitung fort,und erheitern, aber er ſieht ſich gezwungen, an ſie auch die Forderung zu ſtellen, ihm zu helfen, eine alte Mutter, die in der fernen Heimath lebt, und eine junge Gattin, die er in noch fernerer Fremde hat zurücklaſſen müſſen, zu unteiſtützen. Deshalb richtet er ſeine Pränumerationseinladung an alle Dichter⸗- und Gedichtfreunde und an alle Menſchen⸗ freunde überhaupt, die nicht geradezu erklärte Verächter der Muſen ſind. Der Verfaſſer hat ſeiner Aufforderung Proben beigefügt und die Oſideutſche Poſt druck einige Veiſe daraus ab, für deren Auswahl wir ihr dankbar ſind. Die

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