Jahrgang 
1 (1850)
Seite
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N 528 553 503 51 589 690 77

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1, ho, m a. a. ch, g. 07,

Sealiger, der Se it

5 7 4 inigsberg.

Eine hiſtoriſche Movelle von M. Voſenheyn.

Der

achdenklich ſaß der greiſe Herzog Al⸗ brecht in einem Gemache ſeines ſtolzen Schloſſes zu Königsberg. Der Novemberſturm rüttelte an den Fenſtern und Wetterfahnen und dichte Schneeflocken fielen von dem mit grauem Gewölk bedeckten Himmel nieder, die jedoch ſchnell wieder zu Waſſer verronnen, ſobald ſie die Erde berührten. Im Zimmer herrſchte eine behagliche Wärme, die gegen das Toſen des Sturmes ein um ſo wohlthuenderes Ge⸗ fühl erweckte. Das Gemach theilte noch mit ihm ſeine Gemahlin, eine junge liebenswür⸗

dige Dame, Anna Marie, Tochter des Her⸗

zogs von Braunſchweig, welche er nach dem

Tode ſeiner erſten Gattin, Anna Dorothea,

1550 zur Ehe gewählt hatte.

Mit zärtlichem Blick ſchaute die jugend⸗ liche Frau auf den greiſen Gatten und wagte nicht, ſein Nachdenken zu unterbrechen. End⸗ lich ſtand er von ſeinem Seſſel auf, nahte ſich ihr und fragte:

Darf ich hoffen, daß meine liebe Anna jetzt ſich vollkommen wohl fühlt?

Ich bin gänzlich von meiner kleinen Un⸗ päßlichkeit geneſen, mein verehrter Herr und Gemahl, und freue mich ob Eurer Rüſtigkeit.

Ja, entgegnete der Herzog,ich fühle zwar noch nicht die drückenden Beſchwerden des Alters; aber dennoch iſt bei ſo manchen

Kümmerniſſen meines Lebens uns ein Mann Jahreszeiten 1.(Nro. 1. Den 2. Januar.)

I.

Sauherring.

nöthig, dem wir unſer volles Vertrauen ſchen⸗ ken könnten. Einen ſolchen glaub' ich gefun⸗ den zu haben und erwarte ihn dieſer Tage. Seine Geſellſchaft ſoll uns die langweiligen Winterabende verkürzen und auf ſeine rüſti⸗ gen Schultern hoff' ich einen Theil meiner Regierungslaſt bürden zu können.

Möge das Vertrauen meines Herrn nicht getäuſcht werden, entgegnete freundlich die Fürſtin,und wenn der erwartete Gaſt Euern Wünſchen entſpricht, wird er auch in Anna eine Beſchützerin und Freundin finden.

Aber ſagt mir, mein trauter Gemahl, wes⸗ halb ſcheint jener Ring an Euerm Finger, den Ihr mit ſo ausdrucksvollem Auge öſters be⸗ trachtet, einen ſolchen Werth für Euch zu haben? Sollte jedoch meine Frage ein zartes Geheimniß betreffen, was mir nicht zu wiſſen frommt, bann nehmt dieſelbe für un⸗ geſchehen an.

Keineswegs iſt an dieſen Ring eine Be⸗ gebenheit geknüpft, die ich Euch verſchweigen müßte, erwiederte der Gefragte,und gern will ich ſie Euch freundlich, liebe Gemahlin, mittheilen.

Mit dieſen Worten rückte der Herzog

ſeinen Seſſel ihr näher und begann alſo:

An dieſen Ring knüpft ſich die Erinne⸗ rung unſerer frühen Jugendzeit, und es iſt uns angenehm, die Blätter aus dem Tage⸗

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