Jahrgang 
1 (1850)
Seite
819-820
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Feuil

Correſpondenz.

Köln. Den 19. Juni.

Die Stimmung am Rhein. Die Preſſe.

Stollwerkſche Theater.

Die Gier, mit welcher man vor einigen Wochen zu den franzöſiſchen und den an der Grenze er⸗ ſcheinenden Zeitungen griff, hat die Schwindſucht bekommen, da man einſieht, daß das Wahlgeſetz und alle für die Folge ſich daranreihenden Rück⸗ ſchritte den Aufſtand vorab nicht heraufbeſchwören werden. Der Eindrnck, den dieſe Ausſicht bei den extremen Fractionen zu Wege bringt, iſt antipodi⸗ ſcher Natur. Während ſich die Anbeter der Reac⸗ tion grämen, daß es nicht zum Losbruch gekommen, freut ſich die liberale Partei; denn jene halten ihre Hoffnung auf die impoſante Macht von 150,000 Mann geſetzt, dieſe ſahen den Untergang ſtets näher rücken. In der Hand Frankreichs lag das Geſchick der meiſten europäiſchen Staaten; denn gelang es der Regierung diesmal, den Fort⸗ ſchritt nieder zu ſchmettern, dann wurde derſelbe mit ſo ehernen Banden gefeſſelt, daß es ihm ſobald

Das

leton.

oder im März, in dem man dem Helden Carneval

Honneurs macht, nur können wir nicht begreifen, warum man noch keinen Proteſt vom Stapel laufen ließ! Was die liberale Preſſe anbelangt, ſo können Sie ſich denken, daß die abſonderliche Geſichter ſchneidet und in dieſen Tagen iſt unſere ganze Tagespreſſe liberal, was man ihr nicht ſehr hoch anrechnet, da ihr das die Kreuzzeitung vormachte. Die Kölner Ztg., die gerade keine Urſache hat, über das neue Geſetz zu keifen, zog zuerſt gegen daſſelbe zu Felde, welchen Artikel die deutſche Volkshalle, eine Freundin der R. Pr. Ztg., wörtlich in ihre Spalten aufnehm, wo er ſich ausnahm wie der verlorne Sohn. Was die Volkshalle durch die Aufnahme eigentlich be⸗ zwecken wollte, bleibt noch zu entziffern, wahr⸗ ſcheinlich wollte ſie ihren Leſern eine Probe von der Geſinnungstüchtigkeit der Nachbarin, gegen die ſie faſt täglich mit Löwenwuth lostanzt, geben. Es iſt der Kampf zwiſchen beiden in der That ſehr poſſirlich, über den ſich die Weſid. Ztg. luſtig macht, ohne daß es auch nur eine von jenen wagte, ſie dafür ſtrafen zu wollen. Was die Cautionen anbelangt, ſo wird hier die Weſid. die größten Kraftanſtrengungen machen müſſen, um, da ſie nur 2 oder 3 Mal die Woche zu erſcheinen gedenkt, 2500 Thlr. aufzubringen, der Kölner

nicht wieder einfallen konnte, ſein Haupt zu erhe⸗ ben und die Niederlage war faſt verbürgt. Das erklärt den Wunſch des Reactionairs vollkommen, der mit Spannung dem Kampf entgegenſah. Die andere Partei hingegen will die Schlacht mit jedem Tage weniger, da ſie, wie angedeutet, be⸗ fürchtet, was ihre Feinde hoffen. Man kommt allmählig zu der Einſicht, daß ein Putſch, ein unbeſonnenes Dareinſchlagen nicht vom Guten iſt, daß eine Revolution, wenn ſie reif iſt, über Nacht kommen muß, wie der heilige Geiſt, unber⸗ hofft. Wenn man in verſchiedenen Zeitungen

behauptet, daß das Rechtsbewußtſein in den

deutſchen Staaten in den letzten Tagen mehr

verletzt worden, wie früher, ſo irrt man nicht

wenig; manche derartige Aufſtellung, wie die

des Kölner Correſpondenten der A. Allg. Ztg.,

wo er ſagt:die deutſche Cocarde hat viel böſes

Blut gemacht, ſtreift ans Lächerliche. Wir

glauben nicht, daß das Volk jetzt in der Stimmung

iſt, wild zu werden, ſelbſt wenn Metternich zurück⸗

kehrte oder wenn die Barricadenhelden des März

vor Grericht citirt würden, was wir übrigens

nicht als unmöglich betrachiet wiſſen wollen, das Volk will einmal Ruhe, weil es müde ge⸗

worden iſt und ſchlaftrunken, zu ſchlummern mit

offenen Augen.

Auch die Publicirung des neuen Preßgeſetzes hat dieſe Stimmung nicht in eine andere Lage gebracht, namentlich in Köln, das noch gerade iſt, wie im September, dem Barricadenmonat,

Preßverein, den ſie zu dieſem Behufe ſtiftete, brachte ihr innerhalb zweier Tage nur 300 Thlr. ein.(Der Herausgeber dieſer Zeitung, Eſſer, wurde zu Monat verurtheilt und als er nur noch 5 Mal vor die Geſchworenen ſollte, da zog er es vor, das LiedIn die Ferne möcht ich ziehen! mit den Füßen zu ſingen.) Die Volks⸗ halle hat ihren Verwaltungdrath zuſammenbe⸗ rufen, der da beſchloß, es ſei Zeit, ſich nach 5000 Thlr. umzuſehen. Das Aufbringen dieſer Summe wird indeß wenig Mühe verurſachen, der Karl Barromäus⸗Verein wird wohl ſeine milde Hand aufthun. Wenig Zeitungen haben vielleicht in ſo kurzer Zeit eine ſolche Summe eingeſchoſſen, wie gerade dieſe, man ſpricht ſchon von mehr als 30,000 Thlr. Es iſt das übrigens kein Wunder, daz. B einer der Redacteure, Müller, 1500 Thlr. jährlich bezieht.

Wenn wir nicht irren, haben Sie aus unſerm Vaudeville-Theater einen der beßten Komiker, Kolditz, nach Hamburg bekommen, einen Schauſpieler, den wir ungern verloren, weil man meinte, Herr Scheele von Düſſeldorf werde denſelben nicht ſo ganz erſetzen, welche Befürchtung ſich indeß als grundlos herausſtellte.

Dieſes Theater iſt übrigens augenblicklich in einer ſehr kritiſchen Lage, man verweigerte nämlich dem Eigenthümer deſſelben, Herrn Stollwerk, die Conceſſion, nachdem derſelbe bereits zwei Jahre Vorſtellungen geben ließ, Vorſtellungen, die ſich in allen Beziehungen