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Mit unaus ſprechlichem Seelenſchmerzs hatte Lohmayr während der Hinrichtung, nicht fern dem geiſtlichen Henker Kapiſtrano, deſſen Züge eine heimliche Freude durchzitterte, welche gar ſeltſam und unheimlich aus den grauen kleinen Augen leuchtete, geſtanden und ganz unwill⸗ xührlich zuckte ſeine Hand zum Dolche, welcher von dem Gürtel in prächtiger goldener Scheide herabhing, als er darauf hörte, wie die hei⸗ ligſten Lehren der erlöſenden Liebe von dem bigotten Mönche verdreht wurden, um die Blutthat zu vertheidigen und als einen Akt der göttlichen Gerechtigkeit darzuſtellen. Voll unüberwindlichem Abſchen gegen die religiöſe Richtung ſeiner Zeit und gegen ſeinen eigenen Beruf, war in Lohmayr's Seele der Entſchluß gereift, ſeine Stelle niederzulegen und mit Judith Breslau auf immer zu verlaſſen. Er wandte deshalb, ſobald es die Achtung gegen ſeine Obern erlaubte, der ſchrecklichen Scene und dem geiſtlichen Galimathias des eifernden Mönches den Rücken, um Judith zu beſuchen, deren Zuſtaud in der That jetzt jammervoll war. Zwar hatte Lohmayr des Vaters Selbſtmord der Tochter ſorgfältig verſchwie⸗ gen, aber das krankhafte Ahnungsgefühl der Gereizten ließ ſie das Gräßlichſte fürchten. Tief gebeugt— denn leicht trägt das ſtarke, einer höhern Welkleitung vertrauende Gemüth der eignen Bruſt Rieſenſchmerz, während das fremde Leid eines unſchuldigen, geliebten Weſens es zu erdrücken droht— und rathlos, wie er nun, ſelbſt troſtesbaar, das geliebte Mädchen tröſten ſolle, bog er in die Straße ein, wo Judith wohnte, als athemlos und mit dem Zeichen des Schreckens Judith's Wirthin ihm entgegenſtürzte und ihn bat, eiligſt zu des Rabbi Tochter zu kommen, welche ſeit einer Stunde mit dem Tode ringe. Beſtürzt fragte Lohmayr nach der Urſache dieſer plötzlichen Veränderung und erfuhr nun, während ſich ſein Haar emporſträubte, daß Judith wahr⸗ ſcheinlich Gift bekommen habe. Vor einer Stunde nämlich ſei Schwabau in das Haus gekommen und habe, theilweiſe unter dem Vorwande eines freundlichen Beſuches, theil⸗
weiſe kraft ſeines Amtes, Einlaß begehrt. Die erſchrockene Wirthin habe ihn hinaufge⸗ geführt, und das Mädchen ſei, als nun Schwabau mit hämiſcher Freude und den kleinſten Umſtänden ihr des Vaters Selbſi⸗ mord und der Glaubensbrüder Hinrichtung erzählt habe, ohnmächtig hingeſunken. Sie zu erwecken, habe der Schändliche dann der Jungfrau ein Pulver gereicht, worauf ſie ſich zwar erholt, aber ſeit jenem Augenblicke mit dem Tode ringe. Ihr Verdacht, jenes Pulver ſei Gift geweſen, gebe daraus hervor, daß der Polizeihäſcher ihr einen heiligen Eid ab⸗ gefordert habe, dem Stadtſchreiber von ſeinem Beſuche nichts zu ſagen.
Keine Thräne hatte Lohmayr für ſeinen Schmerz, aber mit gepreßten blauen Lippen und vor Zorn blutloſen Wangen trat er in Judith's Zimmer und ſtürzte mit einem lauten Schrei über das Bett, als der erſte Blick auf das bleiche lächelnde Todesgeſicht ihm ſagte, ſie habe vollendet. Stumm lag er ſo über die Leiche hingeſtreckt, und der hinter ihm ſtehenden, jammernden Wirthin wurde endlich bange für des lieben Jünglings Ver⸗ ſtand. Sie rief ihn daher mit den freund⸗ lichſten Namen und bat ihn, ſich zu faſſen. Da erhob er ſich endlich, und indem er in einem leiſen Gebete unter mildem Lächeln das halbgeöffnete Auge der Dulderin zudrückte, erſchrak die Matrone vor des Freundes geiſter⸗ bleichen Zügen.
Stumm wandte ſich Lohmayr dann zur Thüre und ſchritt mit gebrochenem Herzen vom Grabe ſeiner Hoffuung und Liebe.
Still bewegte ſich am andern Morgen um 10 Uhr ein Leichenzug zum Schweidnitzer Thore auf den jüdiſchen Gottesacker hinaus. Niemand begleitete den einſamen Trauerwagen, deſſen Führer ſich ſchüchtern und furchtſam umblickte, kein Auge der Liebe weinte der Frühgeopferten nach; nur in der Ferne ritt hinten nach Lohmayr, welcher ſeine Stelle als Stadtſchreiber aufgegeben hatte und mit
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