Jahrgang 
1 (1850)
Seite
809-810
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er bittend, mit der ganzen Weichheit ſeiner wohltönenden Stimme:

O, meine geliebte Judith, wendeſt Du Dich auch von Deinem einzigen Freunde? Haſt Du keinen Blick für mich?

Die Jungfrau ſtarrte ihn mit ſtierem, geiſterhaftem Auge an, daß es ſein Mark erkältend durchſchauerte, als wollte ſie ſich auf ſein Bild beſinnen und verharrte in ſtillem Hinbrüten.

Da übermannte ihn der Schmerz, als er ſah, wie der Jungfrau Sinn verwirrt war, und die Hände vor den feuchten Blicken ge⸗ faltet, rief er, als Judith wieder in ihre vorige Theilnahmloſigkeit verſunken war:Wehe⸗ Wehe denen, welche ſolch fluchenswerthes Elend über ihre Brüder brachten und die Lehre der Liebe verkehren zu ſchändlicher Ketzerwuth!

Durch dieſe lauten Worte aufgeſchreckt, ſprang plötzlich Judith auf und, indem ſie ſich in den fernſten Winkel furchtſam zurück⸗ zog, tönte es von ihren bebenden Lippen:

Kommt Ihr mich zu holen, Ihr Männer des Krieges? Was haben die Töchter Euch gethan, daß Ihr Euren Grimm wider ſie ausfahren laſſet! Zurück!

Aber kennſt Du mich denn nicht, meine geliebte Judith? Ich bringe Dir Grüße vom Vater und ſeinen Segen.

Der wohlbekannte Name brachte die arme Irrende zurück, und wie erwachend aus einem langen Traume, fragte ſie:

Wie, ſeid Ihr es, edler Herr? Ver⸗ zeiht, meine Seele war abweſend und mein Sinn gefangen durch die Banden des Schmerzes. Sprecht, was macht mein Vater? Wandelt er noch umher oder iſt er ſchon hinabgeſtiegen

zu den Vätern?

Er lebt, geliebte Judith, er lebt und iſt ſo wohl, als es ſein Zuſtand erlaubt. Hofft und vertraut auf mich. Morgen Nacht erlöſe ich ihn aus ſeinem Gefängniſſe und zwei ſichere Saumroſſe geleiten Dich und ihn gen Krakau, wohin ich Euch bald zu folgen gedenke!

Freundlich wie ein Kind, wenn man ihm

S

81⁰ der tröſtenden Rede die Juugfrau gelächelt; als Lohmayr aber geendet, ſchüttelte ſie un⸗ gläubig das Haupt mit den Worten:

Ich habe ein Geſicht geſehen im Traume,

und das Geſicht hat mir der Herr geſandt;

und ich ſah das Blut des Gerechten fließen

aus den Thoren ſeines Herzens, die die Schärfe

des Schwertes geſchlagen hatte, und ich habe

geſehen ſeine Spur vertilgt und ſein Haupt

im Staube.

Heftiger Fieberfroſt ſchüttelte hier das

Mädchen, ihre Bruſt hob ſich krampfhaft und

Leichenbläſſe bedeckten Bruſt und Stirn. Sie

ſank beſinnungslos in Lohmayr's Arme und

redete irre. Dieſer geleitete ſie auf das Bette und holte, voll zarter Achtung der Weiblich⸗ keit, die Wirthin herbei, welche mit mütter⸗ licher Sorgfalt, aus Liebe zu ihrem Ver⸗ wandten, Alles anwandte, um die Jungfrau wie der zu erwecken und zu pflegen. Lohmahr aber ſchritt voll trüber Sorgen in das Stadt⸗ gefängniß(Stock genannt), wo Rabbi Jakob und ſeine Glaubensbrüder feſtgehalten wurden. Schon hatte er alles vorbereitet; die Stock⸗ knechte, welche in der zur Flucht beſtimmten Nacht die Wache hatten, waren von ihm ge⸗ wonnen und in ſeine Dienſte genommen wor⸗ den; Saumroſſe ſtanden im Rothbretſcham, auf dem Wege gen Krakau, bereit und es fehlte nichts, als die Einwilligung des hals⸗ ſtarrigen Alten, welchen er, trotz der eindring⸗ lichſten Bitte, bei ſeinem wiederholten Beſuche nicht hatte bewegen können, ſich durch die Flucht dem Schickſale ſeiner Glaubensgenoſſen zu entziehen. Es war aber die höchſte Zeit, denn in zwei Tagen lief die dem Stadtſchreiber von Kapiſtrano bewilligte Friſt zum Verhöre des Rabbi ab. Wurde Ben Aaron nicht vor dieſer Zeit gerettet, ſo war er der ge⸗ ſteigerten Glaubenswuth und willkührlichen Strafe des grauſamen Mönches verfallen. Zwar hatte ſich jetzt ein neues Hinderniß der Flucht in der Krankheit Judiths entgegenge⸗ ſtellt, doch hoffte der Liebende, des Vaters Anblick und die Gewißheit der Freiheit würde

die gebetene Gabe verheißt, hatte während

wohlthätiger auf ſie wirken, als alle Aerzte,