ES
v. Die Geprüfte.
Finſter ſchritt Lohmayr im Zwielichte des zweiten Tages nach dem Verhör, deſſen theil⸗ nehmender Zeuge zu ſein ihn ſein Beruf ge⸗ zwungen hatte, dem Ufer der Oder entlang und ſchaute in der Wellen flüchtigen Tanz, auf welche die ſcheidende Herbſtſonne ihr rothes Gold goß. Sein hinſchreitender Fuß rauſchte in dem welken Gelb der Blätter, welche der Wind von den Bäumen getrieben hatte, und düſter, wie der regendrohende, grauumwölbte Herbſthimmel mit ſeinem blaß⸗ gelben, geiſterhaften Lichte, war es in des Jünglings Bruſt. Früh verblutete auf dem Felde der Ehre unter dem Könige Albrecht ſeines Vaters Leben, und, nach ſeiner religi⸗ öſen Ueberzeugung der neuen Lehre Hußes zugewendet, ſah er ſich ſchon als Knabe von ſeinen Zeitgenoſſen verhöhnt. Dies alles hatte dem noch jugendlichen Gemüthe zwar die friſche und ungebeugte Feſtigkeit des Willens geſtärkt, aber auch ſeiner Lebens⸗ anſicht eine düſtere Farbe verliehen, vermöge welcher er den Menſchen ſein Herz verſchloß und des Lebens Erbärmlichkeiten tief verachtete. Mit der ganzen Stärke eines unverdorbenen, freien Herzens hatte er, vom erſten Anblicke Judiths gefeſſelt, ſich dem lieblichen Mädchen genähert und, verachtend die Vorurtheile einer Zeit, welche ebenſo bigott als frivol, die mönchiſche Laſterhaftigkeit mit dem Mantel der Liebe bedeckte, den ſie von den Schultern der Andersgläubigen riß, hatte er bisher, vielleicht nicht ohne Grund, der Hoffnung Raum gegeben: nach des Rabbi bald zu fürchtendem Tode Judith in den Schvoß der Kirche zu führen; denn groß war das geiſtige Uebergewicht und die Macht der Liebe, welche er über das Mädchen ausübte. Alle dieſe Hoffnungen vernichtete nun die Anlunft des Mönches Kapiſtrano und ſeine Verfolgungen, da ſein ſcharfer Blick ihm wohl ſagte, daß dieſe Einleitungsſcenen nur der erſte Act eines blutigen Trauerſpiels ſein würden, das der
80⁸ böhmiſche König bem unruhigen Pöbel Breslaus gerne gäbe, um ſeine Aufmerkſamkeit von der neuen Lehre abzuwenden und ſie zu be⸗ ſchäftigen. So ſtand er, an eine Ulme ge⸗ lehnt, jenſeits der Oder, wo ſtatt der jetzigen neuen Vorſtadt nur aus wenigen ſchmutzigen Fiſcherhütten der dünne Rauch emporſtieg; — der rauhe Wind hob die dunkeln Locken und kühlte die glühende Wange, ohne daß er es fühlte. Da trat ein alter Fiſcher an den Sinnenden und fragte mit theilnehmender Treuherzigkeit:
„Wollt Ihr, edler Junker, wohl über den Zobtenfluß? der ferne Zobten zieht Waſſer und nicht lange wird der Sturm weilen, wo dann mein Nachen zu ſchwach ſein dürfte; oder wollt Ihr in meiner Hütte übernachten?“
Mechaniſch ſchritt Lohmahr in den Kahn, gab dem Dienſtwilligen einen Dickgroſchen und eilte, als ſei er jetzt erſt ſeines Zieles gewiß, durch das Oderthor bei der Kaiſerburg vor⸗ bei, auf den Venusberg, wo er bei einer entfernten Verwandten Judith vor den Lauer⸗ blicken Schwabaus verborgen hatte.
Mit haſtigen Schritten trat er in das Kämmerchen, das, nicht ferne dem Dache, ſein Liebſtes umſchloß und ſo gut es in der Eile möglich war, die dienſtwillige, mitleidige Wirthin wohnlich ausgerüſtet hatte. Aufge⸗ löſt hing das lange ſchwarze Haar Judiths über die blendend weißen Schultern, als das übliche Zeichen der Trauer, herab, der Kummer hatte die Roſen der Wangen in Lilien ge⸗ bleicht und wie ein Marmorbild, in deſſen Zügen der Schmerz verſteinert iſt, ſaß ſie wie in der Unthätigkeit des Wahnſinnes da. Sie bemerkte den Eintretenden nicht, und unſäg⸗ liches Weh übermannte ſelbſt das ſtärkere Gemüth Lohmahrs, als er jetzt vor Judith ſtand und das Herz der Holden, wie ſie ſo ſchön unter den Töchtern des Landes kaum zu finden war, gebrochen ſah. Nieder beugte er ſich zu ihr, daß ihr ſchwarzes Haar Beide wie einen Schleier umwallte, und ſie, die ohne eignen Willen alles mit ſich geſchehen ließ, mit beiden Armen umſchlingend, ſprach


