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Bücherſchau.
Eine Erzählung für das Volk,
Ein Bauernſohn. aus der neueſten Zeit, von Luiſe Otto. Leipzig. A. Wienbrock. 1849.
Die geehrte Verfaſſerin hat durch das vorlie⸗ gende Buch ein neues Feld betreten, auf dem ſie ſich, wie das Anfangs immer der Fall iſt, etwas unbeholfen und linkiſch bewegt. Wir wollen nicht entmuthigen, aber wir glauben, Frl. Louiſe Otto wird hier ſchwerlich ſo glänzende Triumphe feiern, wie auf dem Felde des Romans. Wir ſahen ein Exemplar ihres Buches, in dem die Worte für das Volk ausgelöſcht waren. Auf unſer Befragen meinte der Leihbibliothekar, er habe die Worte unterdrückt,„weil ſonſt Niemand das Buch läſe.“ Charakteriſtiſch und bezeichnend. Der Held der vorliegenden Erzählung iſt ein gewiſſer Johannes, der Zeitungsſchreiber und Dichter iſt, einer jener modernen Geſtalten im ſchwarzen Sammetrock, mit langem Haar und Mundbart, deren Braut die Freiheit iſt. Er liebt ein Mädchen, das„einen dichten Roſenkranz in den goldenen Locken und ein himmelblaues Kleid von ſchillernder Seide trägt“ und den ſchwär⸗ meriſchen Namen Aurora hat. Dieſelbe erwie⸗ dert des guten Johannes Liebe, allein ſie ſtirbt und giebt ihm die Freiheit als Geliebte. Dieſer Johannes iſt eins jener phantaſtiſchen Weſen, die nur die Feder einer Dichterin ſchaffen kann. Ein Menſch wie dieſer Johannes iſt im prakti⸗ ſchen Leben ein ganz unpraktiſcher Menſch, ein Character, für den ſich Niemand begetſtern kann, als höchſtens der Schöpfer deſſelben.— Wir konnten uns eines Lächelns nicht erwehren, als man gelegentlich der Rückkehr des Johannes in ſein heimathliches Dörfchen, denſelben als einen homme illustre anſtaunt, ihn, von dem wir nichts wiſſen, als daß er Zeitungsſchreiber iſt und Ge⸗ dichte macht. Wir haben zwar ſelbſt die Ehre, dieſer Schicht der menſchlichen Geſellſchaft anzu⸗ gehören, aber wir ſind trotzdem nicht ſo einge⸗ nommen von uns und der uns anvertrauten Miſſion, um nicht über ſolche Glorification lächeln zu müſſen. Mit einem Wort, das Buch laborirt an einer an Ueberſpannung grenzenden Begeiſte⸗ rung für ein Ideal, das der Dichterin vorſchwebte und das ſie in ihrer Verzückung aufzeichnete, nicht bedenkend, daß dieſes Idealiſiren der Wahrheit, das erſte Erforderniß eines Buches, gewaltigen Eintrag thut. Dabei können wir nicht umhin, zu tadeln, daß die Verfaſſerin für ihren Helden unendlich viel, für den Zweck des Buches,„für das Volk“, ſehr wenig gethan, denn außer einigen kurzen Zwiegeſprächen iſt nichts vorhanden, was das Volk belehren und bilden könnte. Endlich zieht ſie eine mehr als langweilige Liebesgeſchichte zwiſchen dem Schulmeiſter, der bedeutend beſſer als Johannes gelungen iſt, und Suschen durch das Buch, die auch dieſem Theil des Buches nicht eben beſondern Reiz verleiht. So freudig wir
Bücher, die für das Volk beſtimmt ſind, begrüßen, wenn ſie dieſen ihren Zweck erfüllen, ſo ſehr müſſen wir uns gegen dieſen liberalen Egoismus erklären, der, indem er in excentriſcher Weiſe das Ideal einer erhitzten Phantaſie ausſchmückt, ſich ſelbſt einen Paneghrikus hält und ſein eigenes Streben heilig zu ſprechen ſucht. P6
Mezxiko und die Mexikaner, in phyſiſcher, ſocialer und politiſcher Beziehung; ein vollſtändiges Gemälde des alten und neuen Mexiko, mit Rückſicht auf die neueſte Geſchichte, nach deutſchen, franzöſiſchen, engliſchen und ame⸗ rikaniſchen Quellen dargeſtellt von Dr. A. R. Thümmel. Erlangen, Palms Verlagsbuch⸗ handlung. 1848.
Ein Auszug aus verſchiedenen über Mexiko erſchienenen Werken. Hauptſächlich hat Madame Calderon de la Barka life in Mexico dem Her⸗ ausgeber intereſſanten Stoff gegeben und ſind die Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten der Mexie kaner namentlich, vortrefflich und in pikanter Weiſe geſchildert. Politiſch und ſtatiſtiſch iſt das Buch ohne alle Bedeutung und der hiſtoriſche Theil deſſelben iſt ebenfalls ſehr ſchwach beſtellt. Der gediegenſte Aufſatz in letzterer Beziehung iſt der der Revue nouvelle entnommene Aufſatz „Zur Geſchichte der Republik Mexiko.“ Da⸗ gegen iſt das Buch allen denen, welche Unterhal⸗ tung und Belehrung zugleich ſchöpfen wollen, mit vollem Recht zu empfehlen. Es giebt uns ein getreues Spiegelbild der Mexikaner und dies ge⸗ ſchieht in höchſt anziehender Weiſe. Die vielen eingeſtreuten Anekdoten, Reiſeabenteuer ꝛc. machen die Lekture des Buches eben ſo intereſſant als pikant. Das Ganze iſt von Anfang bis Ende Conpilation, dem Herausgeber gebührt nur das Verdienſt, ein guter Compilator zu ſein, obgleich uns dieſe Art, Bücher zu ſchreiben, nicht zuſagen kann und Herr Dr. Thümmel ſich's jedenfalls ſehr bequem gemacht hat. H.
Parlaments⸗Kalender. Herausgegeben im Auf⸗ trage des Märzvereins durch A. Rösler von Oels, unter Mitwirkung der Abgeordneten Freeſe, Roßmäler und Anderer. 1849. Frankfurt a. M. Verlag von Guſtav Oehler. Gr. 4., geh. 74 Seiten.
Der Reichskanarienvogel, wie Herr Rösler in der Regel genannt wurde, hat ſich die Mühe gemacht, die verſchiedenen Voten der ci devant Nationalverſammlung aufzuzeichnen. In Wahr⸗ heit, eine höchſt unerquickliche und jetzt höchſt gleichgültige Sache, ob K. für die Auflöſung oder gegen die Auflöſung des Parlaments ſtimmte. Herr Rösler hat dadurch jedenfalls bewieſen, daß er eine literariſche und parlamentariſche Null iſt.
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