Jahrgang 
1 (1850)
Seite
245-246
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täu⸗

24⁵ S 246

Die Munterkelt und Friſche der Darſtellung ver⸗ dient anerkennende Erwähnung.

Leipzig. Den 14. Februar. Einleitung. Kirchliche Zuſtände.

Die verehrliche Redaktion verlangt von mir Berichte über das Leben und Treiben in unſerer guten Stadt Leipzig und gern möchte ich dem freundlichen Begehren nachkommen, aber

Da ſteh' ich nun ganz demüthsvoll Und weiß nicht, was ich ſagen ſoll!

Ich habe mir die Pflichten eines getreuen und redlichen Berichterſtatters von einigen Collegen von Ruf erzählen laſſen, und habe gefunden, daß dieſelben ſehr ernſt und höchſt wichtig ſind. Zwar habe ich nebenbei geſagt, wenn ich die Be⸗ richte der Herren mit ihren Worten verglich, ge⸗ funden, daß auch hier das: Richtet Euch nach meinen Worten, aber nur allzuoft Anwen⸗ dung findet und daß kein Süppchen ſo warm ge⸗ löffelt wird, als man es kocht, aber nichts deſto weniger meine ich auch gemerkt zu haben, daß ein Berichterſtatter ein offnes Herz, offne Augen und ein offenes Wort haben, mit andern Worten daß er ehrlich und unparteiiſch ſein, er gehörig aufpaſſen muß. Das Alles denke ich, kann ich, und ſomtt habe ich denn, nachdem ich den Faſt⸗ nachtsjubel und den in leiblicher und geiſtiger Hinſicht katzenjämmerlichen Aſchermittwoch vor⸗ über gehen ließ, mein Geſicht in ernſte Falten gelegt und mich als Berichterſtatter habilitirt und bitte Sie, mit mein Geſchreibe ſo vorlieb zu nehmen. Ein Schelm giebt's heſſer als er's kann! Meinen Sie aber, daß es ſo mitgehen kann, fo will ich mehr ſchicken.

Daß ich aller Politik entfremdet, ein wahrer Eremit(wenn auch nicht der ſeiner Zeit berühmte Eremit von Gauting, dem die Politik ſicher nicht fern lag) bin, wiſſen Sie, darum passons dessus und überdem möchte ich meinen erſten Bericht nicht gern mit Ach und Weh füllen. Auch hat Leipzig eine andere Politik als andere Orte und die Fäden uud Fädchen derſelben ſind hier oft gar ſeltſam geſchlichtet und geſchloſſen, darum läßt man das Ganze lieber bei Seite, und in vieler Hinſicht iſt's hier eben wie anderswo: Jeder ſorgi für ſich und läßt Gott für uns Alle ſorgen.

In kirchlicher Hinſicht, denn ecclesia prae caeteris hat die Berufung von Harleß nach Dresden einen großen Eindruck gemacht und mancherlei, mitunter ziemlich maßloſe Erörterung in Wort und Schrift hervorgerufen, aber es iſt damit wie mit des Antonius Fiſchpredigt. Dagegen ſchreitet, allem Anſcheiu nach, die Bil⸗ dung der freien Gemeinden hier vorwärts. Wie die Hirten es waren, die dem Herrn zuerſt hul⸗ digten, ſo war es auch ein Dorf in der Nähe von Leipzig denn wir haben hier auf Büchſen⸗ ſchuß⸗ oder Zündnadelgewehrſchußweite Dörfer mit 2 3000 Einwohnern welches den erſten Anſtoß gab und einen Aufruf zur Gründung

einer freien Gemeinde erlies, und bald darauſ er⸗ ſchien auch bei uns ein ſolcher Aufruf. Daß die Sache nicht in aller Gemüthsruhe ablaufen konnte, iſt wohl klar und unſer berühmtes Tageblatt ent⸗ hielt auch bald Stimmen für und wieder, und die Angelegenheit wurde, gewiß mit Recht, ſcharf genug gegeißelt, aber die Gründung ging den⸗ noch vor ſich! Ominös iſt es, daß die erſte Ver⸗ ſammlung in der Dorfkneipe, die Leipziger aber in dem Wiener Saale, einem Vergnügungslocal minorum gentium ſtattgefunden hat.

(Schluß folgt.)

Literatur.

In dem Nachlaß des Herrn Pellenave, der den 22. Februar verkauft werden ſoll, befindet ſich folgender merkwürdige Autograph: Jo sotto scritto dichiaro d'aver ricevuto dal signore Abram Levi venticinque lire p. le quali ritiene in pegno una spada del mio padre sei camice, quattro lensoli e due tovaglie. A di, 2 di marzo 1570. Torqto. Tasso. Auf deutſch: Der Unterzeichnete erklärte, von Herrn Abraham Levi 25 Lire empfangen zu haben und giebt als Pfand einen Degen ſeines Vaters, ſechs Hemden, vier Bett⸗ und zwei Tiſchtücher. Zu der Zeit, als der berühmte Verfaſſer des befreiten Jeruſa⸗ lem dieſe ſo merkwürdigen und betrübenden Zeilen ſchrieb, war er 25 Jahre alt. Es war ein Jahr vorher, ehe der Kardinal von Eſte ihn an den Hof Karl IX. führte. Seine Armuth nöthigte ihn, jenen Degen zu verſetzen, mit dem ſein Vater im Dienſt des Herzogs von Mantua ſo heroiſch geſtritten. Fünf Jahre ſpäter veröffent⸗ lichte er ſein wunderbares Gedicht und verliebte ſich in Leonore, die Schweſter des Herzogs von Ferrara, eine Liebe, die ſo vieles Unheil über ihn brachte. Taſſo zu ſein und gezwungen zu wer⸗ den, bei einem Juden ſeine Hemden zu verſetzen, um nicht zu hungern!

Die Begierung von Toskana hat für 32,000 Livres den größten Theil der Manuſeripte der Bibliothek Rinucciniana gekauft. Unter dieſen Manuſerip⸗ ten ſind die wichtigſten die Autographen Machia⸗ vels, die Manuſcripte der heraus und nicht her⸗ ausgegebenen Werke Benedetto Vasſchi und Vin⸗ cenzo Borghini, die Originalüberſetzung des He⸗ rodot von Politian.

Folgende kranzöſiſche Bomane namhaſfter Schrift⸗ ſteller ſind ſoeben erſchienen. Der letzte Band der Musketiere von Alex. Dumas, auch unter dem Titel: der Vicomte von Bragelonne. Die kleine Fadette von George Sand. Marie Brontin von Louis Rehbaud. Die Jagd auf den Roman und eine Erbſchaft von Jules Sandeau, und endlich Clementine und Feliſe von Mad. Rehbaud.

Die von den Redakteuren der ebemaligen rheiniſchen Zeitung, Marrſen, Dronke ꝛc. von London aus redigirte, hier herausgegebene poli⸗ tiſche Monatsſchrift iſt noch nicht erſchienen. Die Herren Schuberth und Co. haben den De⸗ bit übernommen. Wie man ſagt, ſollen pekuniäre Schwierigkeiten ihr Erſcheinen verzögern.