Jahrgang 
1 (1850)
Seite
243-244
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Feuilleton.

Correſpondenz.

Berlin. Den 15. Februar.

Conſtitutioneller Abſolutismus. Der Stenerver⸗ weigerer Prozeß. Lucile Grahn. Der Genius nund die Geſellſchaft. Mödinger,die Macht des Goldes.

Es gehört gegenwärtig einige Ueberwindung dazu, ſich mit den politiſchen Tagesereigniſſen ausführlich zu befaſſen. Wer nicht eben zu der Partei der Kreuzzeitung gehört, die die Rede des Königs bei der Verfaſſungsbeſchwörung mit dem Ausruf, ſie wäre ihr wiefriſcher Morgenthau wohlthuend auf's Herz gefallen, begrüßt, den muß die Zukunft mit ernſter Beſorgniß erfüllen. Das Miniſterium ſchreitet immer weiter vor auf dem Pfade des conſtitutionellen Abſolutismus, ja die Regierung ſtellt ſich bei vielen Anläſſen ihrem eigenen Volke feindlich gegenüber. Die Verle⸗ gung des Bergamts von Brieg nach Breslau iſt in dieſer Beziehung bezeichnend. Aus wohlwol⸗ lenden Abſichten für die Stadt Brieg, welche auf den Sitz einer Provinzialbehörde großen Werth legte, hatte das Oberbergamt für Schleſien ſeinen Sitz in Brieg erhalten.Gegenwärtig kann dieſe Rückſicht nicht mehr durchgreifen, heißt es in dem Erlaß der Regierung.Die Wiederer⸗ wählung eines Mannes, welcher wegen geſtänd⸗ licher Theilnahme an den Märzvereinen und an dem von dieſen erlaſſenen Aufrufe an das deut⸗ ſche Volk durch ehrengerichtliches Erkenntniß mit Entfernung aus dem Offizierſtande beſtraft iſt, um Bürgermeiſter von Brieg und die Art und

eiſe, in welcher der Magiſtrat und die Stadt⸗ verordneten dieſer Stadt von ihrer Befugniß zur

Ertheilung des Ehrenbürgerrechts in neueſter Zeit

Gebrauch gemacht haben, laſſen das bisherige

Eingehen auf die Wünſche der Stadt Brieg,

gegenüber den entgegenſtehenden adminiſtrativen

Rückſichten, fernerhin nicht mehr als motivirt er⸗

ſcheinen. Hier iſt ganz unumwunden ausge⸗

ſprochen, daß es ſich um eine Rache handle für

die Wahl Goltzens zum Bürgermeiſter ſowohl, als für das Waldeck ertheilte Ehrenbürgerrecht, Waldeck, den das Gericht freiſprechen mußte, dem die Regierung nicht das Geringſte anhaben kann und den ſie doch in dem Vorſiehenden mit ſelt⸗ ſamer Offenheit als ihren Feind erklärt. Die Brieger Deputation wurde von Herrn von Man⸗ teuffel ſchnöde behandelt.

Daß ſolche Zuſtände nicht von langer Dauer ſein können, iſt ehen nicht ſchwer vorauszuſehen. Solche klägliche Demonſtrationen, wie zum Bei⸗ ſpiel neulich die Ertheilung des Ehrenbürgerrechts oer Stadt Berlin an die Miniſter Brandenburg und Manteuffel eine war, vermögen über die

allgemeine Stimmung des Landes nicht zu täu⸗ ſchen. Noch dazu iſt nicht leicht ein ſolcher Be⸗ ſchluß jemals mit mehr Mühe, Intriguen und Inſinuationen aller Art zu Stande gekommen, welchen 63 Stadtverordnete im Namen der großen Geſammtheit zu faſſen ſich nicht ſcheuten.

Mit allgemeiner Spannung ſieht man dem bevorſtehenden Schluß des Steuerverweigererpro⸗ zeſſes entgegen. Die ſchönen Reden Buchers, Schulze⸗Delitſch's und mehrer Anderer, die glän⸗ zenden Vertheidigungsreden Dorn's und Volk⸗ mar's erregten ſichtlichen Eindruck. Dagegen hat ſich die Staatsanwaltſchaft durch die Behauptung, daß Preußen im Jahre 1848 noch ein abſoluti⸗ ſtiſcher Staat geweſen ſei, auf's neue eine em⸗ pfindliche Blöße gegeben. Mit Recht ſagt dar⸗ über dieAbendpoſt:Sie erklärt damit, daß alle Verheißungen des März, alle offiziellen Ver⸗ ſicherungen des Miniſteriums Camphauſen, daß der König ernſtlich entſchloſſen ſei, die Bahn des Conſtitutionalismus zu wandeln, auf Sand ge⸗ baut geweſen ſind, und reine Phraſen enthalten.

Geſtern hat Fräul. Lucile Grahn als Beatrix imhübſchen Mädchen von Gent ihre letzte Gaſtrolle vor ihrer Abreiſe nach Dresden gege⸗ ben und wurde mit Blumen und Kränzen ent⸗ laſſen. Sie tanzte vortrefflich, mit der ihr eige⸗ nen Schwungkraft und Kühnheit. Vor allem war der ſchöne ſpaniſche Nationaltanz von größ⸗ ter Wirkung. Das ganze Ballet, eine ſeltſame Bearbeitung und Umformung der feſſelnden No⸗ velle der Sand, Leone Leoni, nimmt ſich hübſch aus und iſt mit allem möglichen Luxus ausge⸗ ſtattet:Der Genius und die Geſellſchaft iſt nach den vier gewaltſam auf einander folgenden Malen vom Repertoire verſchwunden, was die Verfaſſerin in die wunderbarſte und namenloſeſte Wuth verſetzt haben muß, denn nur die Wuth kann ihr die Anzeige dictirt haben, welche ſie geſtern in der Spenerſchen Zeitung veröffentlichte. Sie macht darin den Tagesſchriftſtellern über die ihrem Stück zu Theil gewordene Behandlung, die ſiewie Meuchelmord erdulden müſſe, Vor⸗ würfe, die allen Anſtand und jede Form über⸗ ſchreiten, und in verwilderter und verzerrter Aus⸗ drucksweiſe womöglich denGenius und die Ge⸗ ſellſchaft noch übertreffen. Im Friedrich⸗ Wilhelmſtädtiſchen Theater macht eine Zauberpoſſe von MödingerDie Macht des Goldes großes Glück und wird jeden Abend wiederholt. Es ſind auch wirklich viele glückliche Situationen darin und die Schickſale eines braven Rehbergers der mit ſammt ſeiner Juſte von Frau Fortuna nach Californien verſetzt wird, um ſich Schätze zu ſammeln, können nicht verfehlen zu intereſſiren. Tauſend ächt berlinriſche Beziehungen und An⸗ ſpielungen vergrößern ſicher noch den Reiz des Ganzen für jedes berliniſch fühlende Herz.

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