Jahrgang 
1 (1850)
Seite
209-210
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Feuilleton.

Correſpondenz.

Berlin. Den 7. Februar.

Die Verfaſſungsbeſchwörung. Die Stimmung der Bevölkerung. Der Steuerverweigerungsprozeß. Der Genius und die Geſellſchaft. Kleine Notizen.

Geſtern hat die vielfach beſprochene Verfaſſungs⸗ beſchwörung ſtattgefunden. Es war ein trübſe⸗ liger Feſttag. Daß es ein ſolcher ſein ſollte, bemerkte man beinahe nur an den Conſtabler⸗ truppen, die in noch etwas größerer Anzahl als gewöhnlich durch die Straßen zogen. Die meiſten Läden waren geöffnet; die durch das eingetretene Thauwetter ziemlich unwegſamen Straßen ſahen durchaus nicht feſtlich, ſondern recht verdrüßlich aus; der Wochenmarkt wurde abgehalten wie an jedem Werkeltage. Nur auf dem Schloßplatz und im Luſigarten ſtanden jene Neugierigen, die ſich überall einfinden, wo ein Leierkaſtenmann ein Lied ſingt, wo ein Bettler arretirt oder ein Be⸗ trunkener zur Wache gebracht wird. Abends waren einige wenige Häuſer illuminirt, die nur einen matten Strahl auf das finſtere Regenwetter warfen. Der Himmel war ſchwarz und trübe, wie die Zukunft Preußens. Von einer freudigen Bewegung des Volkes iſt nirgends eine Spur. Haben doch ſogar die Kammern die Verkündung der Verfaſſung mit tiefem Stillſchweigen vernom⸗ men, um wie viel mehr noch das Volk; es zeigte eine Gleichgültigkeit, durch die es bewies, daß es auf dieſe Verfaſſung weder das geringſte Gewicht legte, noch das geringſte Zutrauen in ſie ſetzte. Dieſe Verfaſſung entſpricht ſeltſamerweiſe nicht bloß nicht den Anforderungen der Zeit, ſondern ſie befriedigt auch keine Partei des Landes. Die Kreuzzeitungspartei ſieht darin eine Schmach für

die Regierung, eine verabſcheuungswürdige Con⸗ zeſſion.„Wer iſt befriedigt“, ruft ſie mit dem

ihr eitzenthümlichen Pathos,„und wer hat die

Abſicht, die Verfaſſung ſo wie ſie vom Gegenpart gemeint iſt, zu erfüllen? Finſter grollend ſteht die

Revolution im Hintergrund und wartet nur des rechten Angenblicks, die Kammern auf die Straße

zu verlegen; ihr iſt die Verfaſſung nichts als eine Lüge und der Verfaſſungseid nichts als ein neuer Strick um den Arm der Obrigkeit.“ Ja, die Kreuzzeitung geht ſo weit, zu ſagen, die Ver⸗

kündung der Verfaſſung ſei noch ſchlimmer, als

das Zurückziehen der Truppen am 18. Märh!— Während folchergeſtalt die Partei Gerlach ihre Stimme ertönen läßt, könneu die Conſtitutionellen ſich nicht verhehlen, daß dieſe Conſtitution ſelbſt ihre gemäßigten Wünſche nicht erfüllt und ge⸗ wiſſermaßen auf ihren Leichen auferbaut wird; Jahreßzeiten I.(Nro. 7. Den 13. Februar)

ſie haben keine Kraft zu dem mächtigen Zorn der Kreuzzeitung, ſondern nur zu leiſen, kaum ver⸗ nehmlichen Seufzern. Und die Volkspartei end⸗ lich, die hat ja gleich vom Anbeginn erklärt, daß ſie mit der Entwickelung dieſes Conſtitutionalis⸗ mus nichts zu ſchaffen habe, daß ſie zu ihm keine Hand leihe, daß die Majorität des Volks ihm fremd geblieben, ja daß er für ſie nicht bindend ſei.— Es waren alſo nur jene Leute quand- méme, jene Unvermeidlichen, deren Thpus der berühmte Mann mit der goldenen Kette, kurz jene Krämerſeelen, welche ſich aus angeborenem. Bediententhun jeder Regierung anſchließen, welche geſtern, am 6. Februar, ihre Lichter anzündeten. So ſteht dieſe Verfaſſang, wie Sie ſehen, ohne jeden Rückhalt da und mit Recht kann man ſagen, daß ihre einzige Stütze in der Gewalt der Bahonette beſteht.— Vielfaches Bedenken hat auch das Ausbleiben des Prinzen von Preußen erregt; weder er noch ſein Sohn waren bei der Ceremonie gegenwärtig; auch der Prinz Albrecht fehlte. Der König braucht alſo nur zu ſterben oder abzudanken und der alte Abſolutismus ergreift wieder unmaskirt die Zügel der Regierung.

Während alſo die voectrohirte und revidirte Verfaſſung beſchworen wurde, zu derſelben Zeit ſitzen die Mitglieder der erſten preußiſchen Na⸗ tionalverſammlung als Hochverräther auf der Anklagebank, jene Männer, die aus der Wahl des Volkes hervorgegangen, um die heißerſehnte Verfaſſung feſtzuſtellen, jene Männer, die die Kraft, Kühnheit und Hingebung beſaßen, die Rechte des Volkes unerſchütterlich zu vertheidigen und die Miniſter, welche die Verfaſſung verletz⸗ ten, anzugreifen. Wahrlich, hierin liegt eine jener ſchneidenden Sathren, in denen ſich das Schickſal zuweilen zu gefallen ſcheint! So viel aber iſt gewiß, daß das Volk mehr Intereſſe für jene ſogenannten Steuerverweigerer zeigt, als für die Ceremonien des Ritterſaales.

Am 31. Januar hat die erſte Aufführung des vielbeſprochenen Schauſpiels„Der Genius und die Geſellſchaft“ im Schauſpielhauſe ſtattge⸗ funden und eine ſehr günſtige Aufnahme erlebt. Es wurde bei den ernſt ſein ſollenden Scenen oft gelacht, die komiſch ſein ſollenden erregten Lange⸗ weile und viele Zeichen des Mißfallens wurden laut. Wieder einmal ſind die vorhergehenden Anpreiſungen alle umſonſt geweſen und vergeblich ſuchte man eine durchaus verfehlte Arbeit dem Publikum als ein Meiſterwerk aufzudringen. Als ein ſolches kann es nur von einer an Blindheit grenzenden Eingenommenheit oder von einem ver⸗ dorbenen Geſchmack angeſehen werden. Wer mit einem ſolchen Erſtlingswerk ſeine Laufbahn be⸗ ginnt, kann es allerdings noch weit bringen, aber nicht weit auf dem Pfade der Kunſt und Poeſie,

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