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löſte ſanft die Umarmung, führte Anna zu einem Seſſel, nahm ihr gegenüber Platz, und indem er ihre Hand in der ſeinigen drückte, ſprach er tief Odem holend alſo:„Was helfen alle Entſchlüſſe und unſer feſtes Wollen gegen das Gebot der Liebe und die Stimme der Leidenſchaft!— Ja, holde Anna, ich hatte mir feſt vorgenommen, Dir meine Liebe nicht zu geſtehen und meine Neigung zu Dir gewaltſam zu unterdrücken: denn mein Beruf verträgt ſich nicht mit dem Zauber der Liebe. Wie der Adler nur auf Felſenſpitzen horſtet und kühn der Sonne zufliegt, ſo ſtrebt auch mein Geiſt nach Größe und Ruhm, und mein Rang und Stand erlaubt mir nicht, durch die Verbindung mit einem Bürgermädchen, meinen Hoffnungen und Ausſichten zu ent⸗ ſagen. Vergiß, mein geliebtes Mädchen, dieſe Augenblicke, welche Dir mein Herz verriethen, und denke an ſie zurück, wie an einen holden Traum, der uns beſeligte.“
„Nimmermehr,“ rief Anna mit dem hef⸗ tigſten Feuer der Leidenſchaft aus,„kann ich die Neigung zu Euch, mein hoher Herr, aus meinem Herzen reißen, da mir nun die ſelige Ueberzeugung geworden iſt, daß Ihr meine Gefühle theilt. Ja, ich fühle es in der in⸗ nerſten Tiefe meiner Seele, daß ich ohne Eure Nähe vergehen muß, wie eine Blume ohne das allbelebende Licht der Sonne. Verſtoßt mich nicht, Scaliger; laßt mich mit Euch zie⸗ hen und Euch als Magd dienen.“
Vergeblich waren die Gegenvorſtellungen Scaliger's, der ſie auf ihren guten Ruf, auf die Meinung der Welt aufmerkſam machte. Sie erwiederte ihm, daß ihr Unſchuld und ihr reines Selbſtbewußtſein das Schild wä⸗ ren, an dem die Pfeile des böſen Leumunds abprallen ſollten, und daß keine Macht der Welt ſie vom Pfade der Tugend führen und der Selbſtverachtung Preis geben ſollte.— Ebenſo vergeblich waren die Thränen und Bitten des greiſen Vaters, der dem einzigen Kinde ſchon von früher Jugend auf zu ſehr den Willen gelaſſen hatte, das ſich in ſeinem einſamen Kloſet, ohne Geſchwiſter und Ge⸗
ſpielen, eine eigne Anſicht von der Welt ge⸗ bildet hatte und nicht gewohnt war, dem Willen des Vaters in Allem zu folgen. Der Geliebte war kein Wetter von Stralen, wie ihn Kleiſt uns in ſeinem„Käthchen von Heil⸗ bronn“ ſchildert, der es nach ſeinen Grund⸗ ſätzen von Rechtlichkeit vermocht hatte, eine ſo aufopfernde innige Liebe ſtreng und hart zurückzuweiſen; als daher alle Bitten und Ueberredungen an dem Eigenwillen des Mäd⸗ chens ſcheiterten, ſo erlaubte der alte Bene⸗ dikt Sogen mit ſchwerem Herzen, daß ſein einziges Töchterlein den Ritter begleiten möge, nachdem er Beiden noch manche Lehren und wohlgemeinte Ermahnung gegeben hatte. Um die Nachrede und alles Aufſehen zu vermei⸗ den, fuhr Scaliger nach Elbing voran, wo⸗ hin ihm Anna mit ihrem Vater folgte, und ſich in einen zierlichen Pagen verwandelt hatte, der ſeinem Herrn mit der größten Liebe und Treue ergeben war.
SScaliger
Von Tage zu Tage hatte ſich Secaliger mehr und mehr in das Vertrauen und die Liebe des greiſen Fürſten eingeniſtet, nachdem er vor wenigen Monaten als ſein vermeint⸗ licher Verwandter und um der Religion willen verfolgter Freund in ber Hofburg zu Königs⸗ berg vor ihm erſchienen war. In dieſem Alter traten bei Albrecht, deſſen Ruhm un⸗ vergänglich blühen wird, zwei Schwachheiten beſonders hervor: erſtens, ein blindes Ver⸗ trauen gegen unwürdige und meiſt fremde Günſtlinge, welche ſein Ohr gegen die ver⸗ traulichen Aeußerungen und beſcheidenen Be⸗ ſchwerden der wahren Vaterlandsfreunde taub machten; und zweitens, ſein Hang zu magi⸗ ſchen Künſten. Wer nun einmal den alten Herrn für ſich eingenommen und gefeſſelt hatte, der war für immer ſein Herr und Meiſter.
Beide Schwachheiten wußte Scaliger treff⸗ lich zu ſeinem Vortheil zu benutzen, indem


