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4 S„ Sealiget, der Seſuit in Prigsberg Eine hiſtoriſche Movelle von gl. Boſenheyn.
Bin ſeltſamer Page. (Fortſetzung.)
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nna war in Danzig geboren und er⸗ zogen. Sie war ein Mädchen von 18 Jahren, welches einem Maler zum Modell einer rei⸗ zenden deutſchen Jungfrau aus dem Mittel⸗ alter dienen konnte; doch ſchien bei ihr deut⸗ ſche und italieniſche Natur verwebt, indem
ſtatt der blonden Haare und blauen Augen
unſerer deutſchen Mädchen, dunkle Locken ihr zartes Geſicht verſchönten und ein ſchwarzes Augenpaar der Liebe Sehnen und Schmerz
in's Herz flammte; Staliger hatte is dem
Hauſe ihres Vaters, des Kaufherrn und Bür⸗ ger Benedikt Sogen, gaſtliche Aufnahme gefunden, da er ihm von einem Freunde em⸗ pfohlen war. Eine Unpäßlichkeit hielt ihn mehre Wochen daſelbſt zurück, und Anna, das einzige Kind des betagten Wittwers, war ſeine treue Pflegerin. Die ſeltene Bildung, die feine Sitte und die mancherlei glänzenden Eigenſchaftes des Gaſtes, welcher ihre Pflege und Aufmerkſamkeit mit dem wärmſten Danke anerkannte, machten auf das Herz des Mäd⸗ chens einen unbeſiegbaren Eindruck. Auch Scaliger blieb von der Neigung des reizenden Aennchens nicht unberührt, und bald genug ſagte ihr ſein beredter Blick, ſein warmer Händedruck, daß ihr Gefühl nicht unerwidert
wäre.— Scaliger, ein Mann von höchſt
Jahreszeiten I.(Nro. 2. Den 9. Januar.)
ehrgeizigem Charakter, hatte jedoch nicht im Sinne, die Pläne von Ehre und Macht, welche ſein Herz erfüllten und ihm eine glän⸗ zende Laufbahn in der Ferne zeigten, um der Liebe zu einem einfachen Bürgermädchen willen aufzugeben; daher ſuchte er dieſe Neigung gewaltſam zu unterdrücken. Die Stunde des Abſchieds nahte; er befand ſich mit Anna allein im Zimmer, welches die ſchon ſchei⸗ dende Sonne mit ihren letzten Strahlen ver⸗ goldete und gleichſam eine Glorie um das liebliche Geſicht des holden Mädchens ver⸗ breitete, die erröthend— eine Thräne perlte in ihrem ſchönen dunkelblauen Auge— vor ihm ſtand. Als er nun ſelbſt verwirrt ſeinen Dank ſtammelte, und die zitternde Hand der Geliebten zum Abſchied erfaßte, wurden beide von ihren Gefühlen überwältigt, ſanken ein⸗ ander herzlich in die Arme, und ein inniger Kuß ſprach beredter, als tauſend Worte das Geſtändniß gegenſeitiger Liebe aus. Einige Augenblicke ſtanden ſie Herz an Herz bei⸗ ſammen, die ganze Welt im Austauſch ihrer Gefühle um ſich her vergeſſend; aber nicht lange, ſo zeigte ſich die vorgezeichnete Lauf⸗ bahn dem Geiſte des Mannes; die Wünſche und Pläne, welche dieſe Liebe zertrümmern konnten, erhoben ſich zürnend wider ihn; er
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