Jahrgang 
1 (1850)
Seite
27-28
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TMEAMFR.

gamburg. Pereinigte Cheater. Auch Anſtalten und Inſtitute ſollten, wie Individuen, beim Jahreswechſel anhalten und einen prüfenden Blick auf ſich ſelbſt richten, d. h. nicht blos auf ihre äußere oder materielle Seite, was gewiß geſchieht, ſondern auch auf die inneren, geiſtigen Zuſtände, um auch hier gewiſſenhaft ſich Rechen⸗ ſchaft zu geben über Gewinn oder Verluſt, über Fortſchritt oder Rückſchritt, über Zu⸗ oder Ab⸗ nehmen, über Gedeihen oder Verkümmern des geiſtigen Lebens, zu deſſen Förderung ſie berufen ſind, deſſen Förderung auch der einzig ſichere Maaßſtab werden kann, nach welchem ſie ihre Leiſtungen, Maaßregeln und Anordnungen wer⸗ den meſſen, unterſuchen und prüfen müſſen. Auch hier, wie auf anderen Gebieten des Lebens, kann bei eines Jahres Wechſel der Gedanke fruchtbar ſich erweiſen; die Ernte iſt vorüber, der Sommer iſt dahin, ein Jahr iſt wiederum vergangen und wir iſt uns geholfen oder nicht? Wäre unſer Amt eigentlich das Kritiſiren, nicht blos das Referiren, wir würden uns in unſerm kriti⸗ ſchen Gewiſſen heute für verpflichtet halten, eine ſolche Unterſuchung anzuſtellen; auch würden wir es an Rath, Belehrung und Warnung nicht feh⸗ len laſſen, falls wir hoffen dürften, unſere Stimme werde von ſolchem Einfluſſe ſein, um an gehöri⸗ ger Stelle gehört und beherzigt zu werden. Doch da beides nicht der Fall, ſo können wir als blo⸗ ßer Reſerent in dieſen Blättern den Jahres⸗ wechſel oberflächlich nur begrüßen mit einem dankbaren Rückblick für ſo manchen labenden Genuß, für ſo manche ſüße Frucht vom Baum des Lebens, ſo wie mit unſeren beſten Wünſchen, mit unſeren unerſchütterten Hoffnungen, die den Blick in die Zukunft geleiten ſollen. Das neue Jahr liegt noch zu jung in ſeiner Wiege, um Etwas von ihm erzählen zu können; noch haben wir indeß von einem Neuen zu berichten, welches uns das alte Jahr vor ſeinem Schluſſe brachte, MoſenthalsCäcilia von Albano, dra⸗ matiſches Gedicht in fünf Aufzügen, welches Donnerstag, den 29. December zum erſten Mal gegeben wurde. Auch Moſenthal können wir zu den Dichtern zählen, die nach unſerer Meinung (ſ. letzte Nummer) die ganze Kraſt ihres Talents bei ihrer erſten Production zuſammen nehmen, dann aber bei jeder ſpätern abwärts ſchreiten. Es wird bei allen mehr oder minder der Fall ſein müſſen, deren poetiſches Talent mehr lyri⸗ ſcher als dramatiſcher Natur iſt, und deren Kraft ſich mehr in der poetiſchen Sprache oder dem Ausdruck ſubjectiver Empfindung, als in der Geſtaltung und Schöpfung poetiſcher Objectivi⸗ täten offenbaren kann. Auch dieſes neue Dich⸗ terwerk iſt, wie des Verfaſſers Deborah, in Sprache und Ausdruck reich an dichteriſchen Schönheiten, ja, mögte die Deborah noch über⸗ treffen; in dramatiſcher Hinſicht ſteht ſie ihr bei Weitem nach. Es iſt der kalte Glanz einer Winterlandſchaft, von dem wir angezogen werden; es glitzert und flimmert überall wie geſchliffener Kriſiall, aber die Wärme fehlt, es pulſirt kein rechtes Leben in der uns umgebenden Natur, und

keine Glut, vom Dichter und ſeinen Geſtalten ausgehend, vermag unſere Pulſe in Bewegung zu ſetzen. Der Stoff iſt hiſtoriſch und behandelt die Gegenkämpfe der beiden Deutſchen Kaiſer Otto und Friedrich II. und umfaßt mindeſtens einen Zeitraum von 20 Jahren(1198 1218), und dem Mangel an Einheit der Zeit entſpricht natürlich auch der Wechſel des Schauplatzes, um die Hauptmomente aus der Kaiſerzeit Otto's(denn Friedrich erſcheint nur am Schluß) vorzuführen. Dazwiſchen nun als das eigentliche Drama die Geſchichte ſeiner Liebe zu Cäcilia von Albano; in wie weit auch dieſe hiſtoriſch, wiſſen wir nicht. Wie wenig Zeit und Raum bleibt aber, wenn jene politiſchen Kämpfe auch noch ſo fragmenta⸗ riſch behandelt werden, für dieſe Liebe übrig, und wie wenig tragiſche Bedeutung und dramatiſches Intereſſe kann ſich inmitten dieſer weltgeſchicht⸗ lichen Zuſammenſtöße für ſich in Anſpruch zu neh⸗ men hoffen? Unter dieſen Umſtänden hälte nun alles Intereſſe ſie aus den beiden Helden, Otto und Cäcilia, hervorheben müſſen, was aber nicht geſchieht, weil beide Charactere keine einheitliche dramatiſche Größe und die mancherlei Ergebniſſe nirgend wie wahrhaft tragiſche Momente bilden. Zu Gunſten ſeines Helden, um ihn zu idealiſiren, kann der Dichter die Grenze der hiſtoriſchen Wahrheit überſchreiten, nicht zum Nachtheil des⸗ ſelben, wie hier offenbar geſchieht. Der hiſtori⸗ ſche Otto iſt nicht, wie ſein poetiſches Spiegel⸗ bild, ein ſchwankender, ſich ſelbſt ungetreuer Cha⸗ racter; ja, der Dichter ſelbſt läßt in der Expoſi⸗ tion ganz anderes von ihm erwarten, als er ſich zeigt. Cäcilia iſt conſequenter gehalten, aber nicht genug, um durch ſich ſelbſt ein intereſſanter, tragiſcher Character zu werden; ſie ähnelt hierin der Deborah, die aber dennoch in der Innigkeit ihrer Hingebung, durch die Gewalt der Leidenſchaft, die ſie hinreißt, ſowie in dem Ausgang ihres Ge⸗ ſchickes höher und tragiſcher erſcheint. Das eigent⸗ liche tragiſche Geſchick bildet hier eine drite, die Rö⸗ merin Lara, welche Cäcilien Otto's Siegelring vem Finger zieht und dadurch Friedrich's Befreiung aus feiner Haft bewirkt, dazu das unmotivirte Schwei⸗ gen, in welchem Cäc. Ottogegenüberüber den Grund dieſer Handlung beharrt. So können wir beiden Helden des Stückes weder unſere Bewunderung noch unſer Mitleid zollen, was doch nur die Grundlage alles dramatiſch⸗tragiſchen Intereſſes ſein kann. Gelungener ſind uns die Nebenper⸗ ſonen erſchienen; darunter am meiſten die freilich nur angedeuteten, aber doch poetiſch wohlthuenden Erſcheinungen der Beatrix von Hohenſtauſen und des Minneſängers Walther, wohl W. von der Vo⸗ gelweide, der aber auch geſchichtlich nicht Otto und deſſen Ruhme, ſondern der Hohenſtaufiſchen Partei und Friedrich Il. in Geſinnung und in der Uebung ſeiner Sangeskunſt ſich widmete. Auch Beatricens Schickſal iſt hiſtoriſch tragiſcher als das Cäciliens, da ſie ſchon wenige Tage nach ihrer Vermählung mit Otto ſtarb, wie man ſagt, durch Gift von Otto's Concubinen. Iſt dieſe hiſtoriſche Notiz gegründet, wie giebt ſie der Ver⸗ muthung Raum, es könne Cäcilia dieſe Giftmiſcherin

geweſen ſein, und wie müßte dann aller poetiſche

Nimbus, in den der Dichter ſie freilich nur ſchwach gehüllt, völlig von ihr ab und in Nichts zerfließen?