(ORRESPOMDEhA
Wien. Ende December.
Betrachtungen am Schluß des Jahres. Herr M. G. Saphir.
Somit hätten wir denn ein Jahr ziemlich ruhig verlebt, d. h. ohne Crawall, ohne Sturm⸗ petition, ohne Barrikaden, ohne Katzenmuſik und demagogiſchen Tumult! Was wir überſtanden haben, wiſſen wir; was uns im Jahre des Heils oder Unheils 1850 bevorſteht, mögen die Götter und die Herren Demokraten wiſſen, die ſchon ziemlich keck zu werden anfangen. Tauſende von Familien ſitzen heute im traulichen Kreiſe bei⸗ ſammen und auf tauſend Lippen ſchwebt die von tiefer Beſorgniß begleitete Frage: Was werden wir im neuen Jahre erleben, wie wird es uns ergehen!22— Viele wagen es, dieſe Fragen ſehr unerquicklich zu beantworten; man prophezeiht Unruhen, Stürme und blutige Auftritte. Leider hat dieſe traurige Prophezeiung viel Wahrſchein⸗ lichkeit für ſich, denn die Erſchelnungen des Tages ſind die nämlichen, wie wir ſie vor dem Oktober 1848 erlebten. Mangel an Energie, unzeitige Nachgiebigkeit, übelverſtandener Liberalismus wer⸗ den die nämlichen Scenen heraufbeſchwören, die wir 1848 zu ſehen bekamen, nur dürften ſie dies⸗ mal blutiger ausfallen als früher. Ich weiß in der That nicht— iſt es Mangel an Einſicht oder die ſträflichſte Sorgloſigkeit, die unſere Macht⸗ Alles im roſigſten Lichte erblicken und keine
efahr ahnen läßt. Faktiſch iſt es aber, daß ſie durch die traurigſten Erfahrungen nicht belehrt wurden, indem ſie die Uebelſtände, welche 1818 alles Unheil über Wien brachten, jetzt nicht be⸗ ſeitigen und ſo den Brand nicht dämpfen, deſſen verheerende Flamme endlich furchtbar ausbrechen wird. In keiner Stadt Europa's iſt es leichter, die blutigſte Revolution anzuzetteln, als in Wien, denn der unteren Volksklaſſe fehlt es an Bildung, Beurtheilung und eigenem vernünftigen Willen. Man braucht dieſem Volke nur durch zwei Mo⸗ nate täglich in den ſchmutzigen Straßenblättern Mord, Straßenraub und Brandlegung als Tu⸗ genden zu erklären, und es wird ſich mit der tieſſten, innerſten Ueberzeugung zu Allem herbei⸗ laſſen, weil es ſchwarz auf weiß zu leſen war. Viele, die ſich an dem Morde Latours betheilig⸗ ten, die wie Hyänen Alles morden wollten, wiſſen es heute noch nicht, warum ſie es wollten; ſie
gehen und ahnen nichts Arges.
eunitlleton.
kennen keinen andern Grund als den, daß man in den Schandblättern den Mord Latours pre⸗ digte. Das wiſſen denn doch unſere Machthaber genau, weil ſolche Ausſagen bei den kriegsrecht⸗ lichen Unterſuchungen wohl hundert Mal vorka⸗ men, aber ſie achten es nicht. Wir haben im Augenblicke Schandblätter in Wien, die jenen vom Jahre 1848 nichts nachgeben. Pasquille, Verläumdungen, Verdächtigungen ſind an der Tagesordnung, das Volk wird vorläufig gegen die conſervativen Schriſtſteller aufgehetzt uud be⸗ reits ſo bearbeitet, daß der nächſte Auſſtand wohl mehreren dieſer Schriftſteller das Leben koſten wird. Unſere Machthaber laſſen es ruhig hin⸗ Ein ſolches Schandblatt äußerte ſich am 3. Oktober 1848, daß es unbegreiflich ſei, wie man einen Latour noch frei auf der Gaſſe herumgehen laſſen könne; am 6. Oktober wurde er grauſam ermordet. Jeder, der nur halbwegs denken gelernt hat, merkte ſich dieſes Hiſtörchen, nur unſere Macht⸗ haber haben keine Lehre daraus gehogen. Be⸗ greifen es denn dieſe Herren gar nicht, daß man nach Aufhebung des Belagerungszuſtandes mit eben jener Frechheit, mit der man jetzt einzelne Private angreift, die Miniſterien, den Kaiſer und jeden Andern angreifen wird, den man aus dem Wege wird räumen wollen 22 Oder verlaſſen ſich dieſe Herren etwa auf das Geſchwornenge⸗ richt, von dem jede Intelligedz ausgeſchloſſen iſt, und nur der Abhub radikaler Schuſter, Schnei⸗ Dder uud Vorkoſthändler zu urtheilen hat?? Ich gratulire! Blutige Scenen können und werden nicht ausbleiben; im März oder April werden wir ſie ſicher erleben. Wir werden uns aber dann ebenſo der Ueberzeugung hingeben, wie jetzt, daß nur Fahrläſſigkeit und Mangel an Energie dieſelben hervorrief. Warum ſah man ruhig zu, wie das Volk durch freche, wühleriſche Schandbuben ſyſtematiſch verdorben wurde, warum unterlicß man es, mit Kraft und Vernunft ein⸗ zuſchreiten!!?— Ueberall nur halbe Maßregeln, überall nur den Namen und nicht die Sache! Unſer Belagerungszuſtand iſt aus lauter unzeiti⸗ gem, übelverſtandenem Liberalismus das voll⸗ kommenſte Pasguill auf Jene geworden, die ihn verhängt haben. Schenken und Kaffeehäuſer, Schnappsbuden und verdächtige Kneipen bleiben bis tief in die Nacht offen, während ſie in an⸗ deren Städten, wo noch nie der Belagerungszu⸗ ſtand herrſchte, um dieſe Zeit lange ſchon ge⸗ ſchloſſen ſind; wir haben die verruchteſten Schand⸗ bläiter; in unſeren Buchhandlungen werden die ſchändlichſten Pasquille auf die erſten Männer Oeſterreichs und die Dynaſtie verkauft.— Der Kladeradatſch⸗Kalender von Kaliſch— eine pas⸗ guillante Miſerabilität, die wohl ihres Gleichen
nit ho ro


