II. Win ſellſamer Page.
Als nun Skaliger, vergnügt über die günſtige Aufnahme, die ihm beim alten Her⸗ zoge wiederfahren war, nach ſeiner Herberge zurückkehrte, empfing ihn vor der Thüre ein niedlicher Page, den er im Gemache unter vier Augen zärtlich in ſeine Arme ſchloß und manchen heißen Kuß auf ſeine Purpurlippen drückte. Aus dieſem Willkomm wird der günſtige Leſer leicht errathen, daß der aller⸗ liebſte Junge— man konnte ſich keinen hüb⸗ ſchern denken— ein verkleidetes Mädchen war.„Nun, Paul,“ begann der Page, nach⸗ dem er noch einmal den geliebten Freund an die wogende Bruſt gedrückt hatte,„wie biſt Du von dem Fürſten aufgenommen?— Ich war ſchon beſorgt um Dein langes Ausblei⸗ ben, und meine Ungeduld ließ mich nicht in meinem Kämmerchen, wie Du's geboten hat⸗ teſt, Deiner harren.“—„Ich danke Dir, meine Anna, für Deine zärtliche Sorge um mich,“ erwiederte Stala, ſtrich der lieblichen Dirne die dunkeln Locken aus dem Geſichte und ſchaute ihr liebevoll in's roſige Antlitz. „Sowohl der Herzog wie ſeine liebenswürdige Gemahlin behandelten mich mit vieler Huld, und ich hoffe, daß mein Plan, der aber nur Dir anvertraut iſt und in dieſem Lande tief vor jedes Menſchen Auge verborgen bleiben muß, in Erfüllung gehen könnte. Gelingt
mir mein Streben, dann bin ich des höchſten Lohns gewiß und Macht und Ehre breitet
ſich zu meinen Füßen aus. Ja, Anna!“— rief der ehrgeizige Mann begeiſterungsvoll aus und ſein Körper hob ſich ſtolz in die Höhe, ſein dunkles Auge flammte von einem düſtern Feuer—„ich ſtehe an der Grenze einer großen Zukunft. Entweder erreiche ich des Berges ſtolze Höhe, oder ich ſtürze in den dunkeln Abgrund hinab. Mag's auch; iſt's doch eines großen Geiſtes würdig, ſelbſt nach dem Höchſten nur geſtrebt zu haben, wenn er auch das Ziel nicht erreicht.“—„Böſer Mann!“— rief Anna ſchmerzhaft lächelnd, und eine Thräne ſtahl ſich ihr unbewußt aus dem ſchönen Auge,—„Du ſchwelgſt in den ſtolzen Träumen von Ruhm und Größe, ſiehſt Dich ſchon auf einem Fürſtenthrone ſitzen, welchen Dein kühner Unternehmungsgeiſt Dir gewonnen, und bedenkſt nicht, daß jede Stufe des Ruhms eine tiefere Kluft zwiſchen Dir und mir ſpaltet und uns immer unvereinba⸗ rer von einander ſcheidet. O, daß mein ſchwaches Herz mir befahl, Dir zu folgen,— daß ich mich von Dir losreißen könnte!— Aber nein, ich vermag es nicht; nur wenn Deine Liebe einer Andern zu Theil würde oder der Tod mir naht, kann und will ich von Dir ſcheiden!“— Scaliger ſchloß das liebe Mädchen in ſeine Arme, und unter trau⸗ lichem Geſpräch verging ein Stündchen, bis anderweitige Geſchäfte die Liebenden trennten. (Fortſetzung folgt.)
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