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heimen über die ſichtliche Gunſt, welche Hugo von Seiten jener ſtolzen und ſchönen Dame genoß; es war ihr ein neuer Beweis, wie ſehr ihr Geliebter geachtet und geehrt werde, welch' mächtigen Einfluß ſeine Schönheit und ſein edles Gemüth auf Alle hervorzubringen im Stande ſei. Ihr liebevolles Herz kannte keinen Zweifel in die Treue ihres Hugo, und Eiferſucht, jene fürchterliche Leidenſchaft, war ihr fern. Sie wußte ja, daß Hugo ihr oft die hei⸗ ligſte Treue gelobt hatte, daß er ſie von Herzen liebe, und daß er viel zu edel ſei, um ſein gegebe⸗ nes Wort zu brechen. Deshalb feierte ſie einen verzeihlichen Triumph, als ſie Hugo erblickte, ſtets begleitet von der Fremden, wie dieſe auffallend ſich mit ihm beſchäftigte und ihn ſichtlich verehrte und vorzog.
Doch nur zu bald ſollte ſie aus ihrem glücklichen
Wahne geriſſen werden. Als der Abend hereinbrach, trat ſie, mit einem fröhlichen Wort auf den Lippen, zu ihrem Geliebten; bei ihm wollte ſie ſich für die gehabte Mühe doppelt lohnen, er ſollte von jetzt an nur noch ihr gehören. Hugo empfing ſie kalt und zurückſtoßend, ihren freundlichen Worten begegnete er mit wegwerfendem Blick, und als ſie ihn ver— wirrt, mit leiſem Vorwurf im Auge anſah, da wandte er ſich ab, ergriff den Arm der Fremden und verließ mit ihr den Saal, indem er noch ein⸗ mal mit höhnenden Blicken nach Bertha hinüber grüßte. 1 Das war ein Wetterſchlag für Bertha. Wie feſtgebannt blieb ſie an der Stelle ſtehen und rich⸗ tete ihr ſchönes Auge ſtarr nach der Schwelle, welche ſie von ihrem Hugo trennte. Thränen ihren Blick, in ihrem Herzen wogte es ſtürmiſch auf und nieder, ſie ſchwankte zwiſchen dem höchſten Glück und der bitterſten Verzweiflung, ſie hatte das Ziel, das ſie bisher verfolgt, aus den Augen verloren, es war Alles dunkel geworden, ſie ſtand plötzlich einſam und verlaſſen.
Da erinnerte ſie ein Ausbruch der Fröhlichkeit von Seiten der Gäſte, daß ſie hier mit ihrem Schmerze nicht allein ſei; ſie verließ den Saal, ver⸗ ließ das Schloß und unwillkührlich zog es ſie nach jener Bank, wo ſie einſt ſo unendlich glücklich ge—
weſen war.
Es war eine grauſige Nacht. Es ſchien, als ob die Natur den großen Schmerz der ſo tief getroffe⸗ nen Seele fühle, als ob ſie erzürnt über den Treu⸗ bruch des Ritters von Iſtein ſei. Ein brauſender Wind fuhr durch die Wälder und über die Ebene, jagte dunkle, große Wolken am Firmamente wild durch einander, nur dann und wann blickte ein einſamer Stern herab in die finſtere Nacht, und ſelten gelang es den Mondſtrahlen, hindurch zu drin⸗ gen und einen matten Schein auf die ſich peitſchen— den Wogen der hochgehenden Birs zu werfen. Die
Doch bald umflorten
Bank aber, auf welcher ſie heute ihren gerechten, tiefen Schmerz ausweinen wollte, ſtand zur Hälfte
im Waſſer, weshalb Bertha auf den Steg, der ſich
über die Birs wölbt, ging, um hier ihren ſchmerz⸗
lichen Träumen nachhängen und hie und da einen
Blick auf die erleuchtete väterliche Burg werfen zu
können.
Da ſtand ſie denn lange, an das Geländer der zu finden; und gerade als er an das Thor kam, ſah er
Brücke gelehnt, und überdachte die letzten Tage, die
ſchönſte Zeit ihres Lebens. Sie gedachte der unend⸗ lichen Liebe, mit der ſie ſich Hugo hingegeben, ſie
ging in der Erinnerung alle mit ihm durchlebten
Stunden durch, ſie malte ſich wieder das große Glück aus, dem ſie ſo oft und ſehnlich entgegen ge⸗ ſehen hatte, mit verdoppelter Macht kehrte das Be⸗ wußtſein wieder, wie elend und kümmerlich ihr Da⸗ ſein werden müſſe, nachdem deſſen einziger Reiz, ihre Liebe zu Hugo, ſo unbarmherzig vergiftet war. Und wenn ſie hinauf ſah nach den erleuchteten Fen⸗ ſtern des Schloſſes, wenn ſie ſich die dort erſchei⸗ nenden Geſtalten als Hugo, in den Schlingen der Fremden, dachte, wenn ſie ſich den Schmerz und den Zorn des greiſen Vaters vorſtellte und ſeines gebrochenen Herzens gedachte, wenn ſie hinauf ſchaute an den mit Wolken bedeckten Himmel, und ihr von der Birs herauf das hohle Brauſen der Wellen entgegen tönte, da begriff ſie nicht, warum ſie auf dieſer Erde noch wandeln ſolle, und ſehnte ſich nach dem ſtillen Grabe, nach der ewigen Ruhe.
Müde ſenkte ſie ihr Haupt über die Lehne des Steges, immer lebhafter trat ihr die Ruhe und der Frieden des Grabes vor die Seele, die rollenden Wogen ſangen ein wunderbares, ergreifendes Lied, ſangen ſo verlockend und verlangend, und als der Mond ſchnell ſeine Strahlen über ſie ausbreitete, winkten liebliche Bilder voll Wonne und Seligkeit; Bertha neigte ſich, um ſie zu ſchauen, um ſie zu grüßen, ſie fühlte ſich zu ihnen hingezogen, ſie neigte ſich immer tiefer und tiefer, und glitt endlich leiſe hinab über die Brücke, und triumphirend ſchloſſen ſich die Wogen über ihrem Haupte und führten ihren Raub mit ſich fort.—
Droben im Schloſſe herrſchte Jubel und Freude. Ritter Kuno zechte wacker mit den älteren ſeiner Freunde. Die jüngeren Gäſte hatten ſich in den Räumen der Burg zerſtreut oder ſaßen in traulichen Kreiſen bei einander. Hugo hatte nach jener Scene mit Bertha dem Fräulein von Hochburgund erklärt, wie innig er ſie liebe. Dieſe hatte triumphirend des Ritters Schwüre entgegen genommen, und ließ ihn in zweideutigen Worten auf eine glückliche Er⸗ klärung hoffen.
Doch bald ſollte ſich Hugo von ihrer Falſchheit überzeugen; als er nach jener Unterredung die Fremde wieder aufſuchen wollte, hatte er Gelegen⸗ heit, ſie zu belauſchen, wie ſie einem der Gäſte mit höhnenden Worten ihren leichten Sieg über den ſchönen Ritter von Iſtein erzählt und ſich ihres Poſſenſpiels mit demſelben erfreute.— Rache und Wuth kochten erſt in Hugo's Herzen; bald aber er⸗ faßte ihn eine brennende Scham über ſeine Schwach⸗ heit und Veränderlichkeit; das Bild Bertha's trat in ſeiner ganzen Reinheit und Unſchuld vor ihn und zu ihr, der ſchwergekränkten Geliebten, wollte er hin, ſich von ihr Vergebung erbitten, und mit dop⸗ pelter Liebe den Fehler wieder gut machen. Aber als er ſie in ihrem Zimmer nicht fand, als ſein
Suchen nach ihr im ganzen Schloſſe ohne Erfolg
war, da erfaßte ihn eine unnennbare Angſt, eine furchtbare Ahnung ſtieg in ihm auf, er eilte hinaus, um ſie auf jener Bank, ſeiner letzten Hoffnung, noch


