Die kleinen Holzſammler.
Ein Bild vom Schwarzwald.
(Taf.
Die Armuth iſt eine gar harte Schule, und wer ſie durchmachen muß, ſollte wohl das Recht haben, die Jahre, die er darin zubrachte, als dop⸗
pelte Dienſtzeit anzurechnen; wenn aber Einer gar
vollends ſein ganzes Leben in dieſer Schule zubrin— gen muß, wie ſoll man ihn für ſolch' lange Qual entſchädigen? Und doch auch die Armuth hat ihre Freuden und ſogar ihre Genüſſe, und zwar nicht ſelten größere Genüſſe und Freuden, als ſich's der Reiche nur denken kann. Schmeckt doch das doppelt und dreifach ſo gut, was man nur ausnahmsweiſe zu koſten bekommt! Erregt doch für den, der ge⸗
— wohnt iſt, Alles, auch das Nothwendigſte zu entbeh⸗ ren, die Gewährung einer Kleinigkeit eine größere 4 Luſt und eine innigere Freude, als für den
Schlemmer und Praſſer der Beſitz vom Zehntauſend⸗ fachen!
Alles dies erfuhr in vollem Maße die Wittwe Martha, die mit ihren drei Kindern, zwei Buben und einem Mädchen, in einem kleinen Häuschen tief . im Schwarzwald⸗Gebirge drin ihr Domicil hatte, in
eeiner Gegend, wo die menſchlichen Wohnungen ſchon MWmaaanfangen ſeltener zu werden. Waren es doch von da aus nur wenige fünf oder ſechs Stunden bis auf dden„Katzenkopf“ hinauf, der bekanntlich eine der böchſten Spitzen des Schwarzwaldes iſt, und konnte man doch ſogar die„Hornisgründe“ mit dem unweit davon gelegenen„wilden See“ in einem halben Tage erreichen, wenn man gut zu Fuße war! Man kann
1 ſich alſo ſchon denken, daß der Platz, an dem die
beſagte Wittwe wohnte, ſchon ziemlich in der Wild⸗ niß ſteckte, und damit der geneigte Leſer ſich noch gründlicher über die Lage deſſelben orientire, wol⸗ len wir noch hinzuſetzen, daß die nächſte größere Ortſchaft, nämlich das Städtchen Bühl, das im .„Bühler Thal“, am Fuße der alten verfallenen Burg Windeck, zu ſuchen iſt, ebenfalls mehrere Stunden weeit entfernt lag. Natürlich übrigens war das Haus der Wittwe Martha nicht das Einzige in dieſer wilden Gegend, ſondern man traf da in theils kür⸗ zeren theils größeren Entfernungen verſchiedene ähn⸗ liche vereinzelte Wohnungen, oder hie und da auch
4 einen beginnenden Thaleinſchnitt, alſo in wärmerer und fruchtbarerer Lage, größere Höfe, die ſich mit ihren verſchiedenen Anbäuen faſt wie kleine Weiler ausnahmen. Doch der Leſer kennt ja ohne Zweifel den Schwarzwald von eigener Anſchauung, oder hat er doch wenigſtens ſchon von ihm geleſen und weiß alſo, daß dort auf den Anhöhen(die Dörfer befin⸗
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Feierſtunden. 1861.
den ſich aue in den tieferen Thälern und Flußgrün⸗
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den) und beſonders im eigentlichen Walde drin nur wenige zerſtreute Wohnungen ſtehen, die meiſt ganz von Holz erbaut und zugleich ſo niedrig ſind, daß ſie weniger„Häuſern“, als vielmehr„Hütten“ glei⸗ chen, zu deren Conſtruirung die Kenntniſſe eines Baumeiſters nicht von Nöthen ſind.
Eine ſolche Hütte nun war es, welche die Wittwe Martha mit ihren Kindern bewohnte; und in der That, ein beſcheideneres Anweſen konnte man nicht leicht treffen. Beſtanden doch die ſämmtlichen Räum⸗ lichkeiten nur aus einer Stube nebſt Stubenkammer und einem Boden unter dem Dache! War doch Alles aus kaum behauenen Balken zuſammengefügt, welche man innen mit gehobelten Brettern, außen aber mit Latten und Schindeln überzogen hatte, ſo daß die Balken unter dem Ueberzuge förmlich ver⸗ ſchwanden! Dennoch, trotz ſeiner Kleinheit und Ein⸗ fachheit, fiel es der Murter⸗Martha nie ein, ſich über Mangel an Raum zu beklagen, denn ihre Kin⸗ der waren ja noch nicht erwachſen(der älteſte Bube zählte etwa dreizehn Jahre, während das Mädchen, das Jüngſte unter den Kindern, kanm die Sieben paſſirt hatte) und bedurften alſo keiner beſonderen Schlafzimmer, für die Tageszeit aber war die Wohn⸗ ſtube ſicherlich geräumig genug, ſogar wenn die
Familie aus acht ſtatt aus vier Mitgliedern beſtan⸗
den wäre. Uebrigens nicht blos geräumig war die Stube, ſondern auch freundlich trotz der rauchge⸗ ſchwärzten gedielten Wände und trotz der kleinen Fenſterchen, durch die man kaum den Oberleib ſtrecken konnte. Standen dieſe letzteren doch im Sommer ſtets weit offen und ließen ſo das grüne Reiſach der draußen in langer Reihe gepflanzten Tannenbäume hereinſchimmern, daß man glaubte in einem grünen Garten zu ſtehen! Drang doch dann durch ſie ein ſo würziger Geruch— wer kennt nicht den herrlichen Tannengeruch, welcher bekanntlich zu⸗ gleich auch eine große Heilkräftigkeit beſitzt?— herein, daß das ganze Zimmer davon erfüllt wurde und man ſich von einem förmlichen Wohlbehagen durchdrungen fühlte! Und wie freundlich war's erſt im Winter! Oder wie? wenn's draußen ſtürmte und tobte, wenn der Schnee in dichten Flocken die Schei⸗
ben bedeckte und die alten Bäume ächzend hin⸗ und herſchwankten, war's dann nicht überaus behaglich,
in der getäfelten Stube, deren großer faſt den drit⸗ ten Theil vom Raume des Zimmers einnehmender Kachelofen eine ununterbrochene Wärme verbreitete, während das auf der Wetterſeite bis auf den Erd⸗ boden herabgehende Dach die Kälte und beſonders
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