den kalten Nordwind gar nicht in's Haus herein— kommen ließ?
Die Wohnung alſo war ſchon recht und ſogar mehr als recht; allein mit dem Uebrigen ſtand's leider nicht ganz auf die gleiche Weiſe. Der Ehe— gatte Martha's war ein Holzhauer geweſen, ein wackerer, fleißiger, thätiger Mann, der von Mor— gens früh bis Abends ſpät keinen anderen Gedanken gehegt hatte, als für ſeine Familie zu ſorgen, und der es durch dieſe ſeine Unermüdlichkeit auch wirklich dahin brachte, daß er das kleine Anweſen— das Häuschen mit den paar Kartoffel- und Gerſtenäckern, die um daſſelbe herumlagen— nach den erſten ſechs Jahren ſeiner Ehe beinahe vollſtändig abbezahlt hatte. Wie fröhlich brachte damals Martha ihre Tage hin, trotz der vielen Entbehrungen, die mit dem Leben einer armen Holzhauersfamilie, ſo wie mit dem Aufenthalt im Innern des Waldes ſtets verbunden ſind! Wie ſorgenlos ſah ſie damals der Zukunft entgegen, die ihr ja durch den raſtlos wir— kenden und doch immer froh geſinnten Gatten ge— ſichert ſchien! Doch„der Menſch denkt und Gott lenkt“. Der Holzhauer, ein ſo überaus ſehnigter Burſche, daß ſich jede Krankheit vor ihm hätte fürch⸗ ten ſollen, legte ſich eines Tages, nachdem gerade ſein jüngſtes Kind geboren worden war, nieder um nicht wieder aufzuſtehen. Eine Woche darauf be⸗ grub man ihn, und nun ſtand ſeine Wittwe allein und verlaſſen mit ihren drei kleinen Kindern, von denen das älteſte damals kaum ſechs Jahre alt war. Das war ein harter Schlag und Martha glaubte kaum, ihn überwinden zu können; denn wie ſollte ſie, die einſame Wittib, die nichts ihr eigen nannte, als das kleine Häuschen und die paar Feldſtücke um daſſelbe herum(dieſe waren aber noch nicht ein— mal ganz ſchuldenfrei), und die noch dazuhin nichts gelernt hatte, als ſpinnen und ſtricken, wie faſt alle Bewohnerinnen des Schwarzwaldes,— wie ſollte ſie die Ernährung und Erziehung ihrer drei Kinder in's Werk zu ſetzen im Stande ſein? Und doch war ſie's im Stande, und doch überwand ſie jenen har⸗ ten Schlag! Aber freilich das„Wie“ iſt eine andere Frage.
Die armen Kinder mußten viel entbehren, noch mehr Entbehrung aber legte ſich die Mutter frei⸗ willig auf. Die Bebauung des wenigen Feldes, das ihr gehörte, lag ihr natürlich allein ob, und dies nahm neben der Vorſorge für ihre Kinder, ſo wie für die Haushaltung überhaupt ſchon eine geraume Zeit in Anſpruch; allein damit begnügte ſie ſich kei⸗ neswegs, denn wo ſollte denn das Geld herkommen, um nur das„Allernothwendigſte“ zu beſtreiten? Die Güterſtückchen gaben allerdings die nöthigen Kar— toffeln, aber man mußte doch auch Salz dazu haben und hie und da ein Stückchen Brod und etwas Schmalz und Butter und dergleichen mehr. Ueber⸗ dies war auch der Zins aus dem Ziele, das noch auf dem Anweſen laſtete, zu bezahlen, und zwar Janz regelmäßig zu bezahlen, da ja ſonſt am Ende das Kapital aufgekündet worden wäre. Somit mußte um jeden Preis Geld erworben werden! Allein das Allertheuerſte haben wir noch nicht ein— mal benannt, obgleich es etwas ganz Unentbehrliches
der und Schuhe; denn wenn Mutter Martha auch
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für ſich ſelbſt nichts Neues anſchaffte, ſondern das Alte immer und ewig wieder zuſammenſtoppte, ſo konnten doch die armen Würmlein nicht ſo in der Welt herumgehen, wie ſie Mutter Natur erſchaffen hatte. Sie mußten doch wenigſtens einen Anzug haben, der ſie als menſchliche Weſen erſcheinen ließ und zugleich vor Wind und Wetter ſchützte, obwohl, wie man ſich leicht denken kann, kein Staatskleid angeſchafft wurde! Somit waren die Ausgaben nicht gering, wenn man auch nur das Allernothwendigſte in Anſchlag brachte. Wie nun aber konnte da ge⸗ holfen werden? Mutter Martha kannte nur Einen Weg und dieſen ſchlug ſie ſogleich ein. Sie ſetzte ſich nämlich in jeder Stunde, die ſie erübrigen konnte, an ihren Spinnrocken und verwandelte ein Pfund Flachs nach dem andern in dünne Fäden und feines Geſpinnſt, wie es die Frauen der Reichen und Vornehmen gerne ſehen. Ein Glück aber war's, daß es an Abſatz nicht fehlte, denn nicht nur gab ihr die Frau Bürgermeiſterin in Bühl unten, wel— cher ſie ſchon von ihrer Ingendzeit her bekannt war, für ſie ſelbſt und ihre eigene Familie Beſchäftigung, ſondern ſie empfahl ſie auch an andere Frauen der Stadt, ſo daß Frau Martha bald mehr Aufträge bekam, als ſie trotz ihres Fleißes und trotzdem ſie die langen Wintermonate hindurch von Morgens
früh bis Abends ſpät gar nicht mehr von der Kun⸗
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.. 8 kel aufſtand, nur fertig bringen konnte. Das gab⸗f
doch wenigſtens im Frühjahr ein Stückchen Geld, woßn auch der Verdienſt an ſich noch ſo gering war und in einem ganzen Tag nicht mehr eintrug, als der Herr Bürgermeiſter vielleicht für ein einmaliges Eintunken ſeiner Feder berechnete!
So gingen die Jahre ſchnell vorüber, ſchneller als Mutter Martha es nur für möglich gehalten hätte. Die Kinder wuchſen heran gleich Tannen⸗ ſchößlingen, und gediehen wie junge Eichbäume. War doch der älteſte, der jetzt ſeiner Konfirmation entgegenging, ſchon ein recht feſter und ſtrammer Burſche, während das Mädchen(das Jüngſte wie wir wiſſen) wenigſtens„aus dem Aergſten heraus war“, wie man ſich auf dem Lande auszudrücken pflegt. Somit hatte die Mutter bereits manche Hülfe, denn nicht nur konnten die beiden Knaben die Sommerabende und den Herbſt über in's Holz gehen und die Wintervorräthe ſammeln, nicht nur war der Aelteſte ſtark genug, um im Frühjahr bei der Bebauung der Kartoffeläcker mitzuhelfen, ſondern auch der kleinen Marie, dem Ebenbilde der Mutter, wurde, trotzdem ſie erſt ſieben Jahre zählte, ihre Beſchäftigung angewieſen, indem ſie den Anderen die Strümpfe zu ſtricken hatte. Aber dennoch, trotz allem dem wollte es nicht immer reichen, nicht ein— mal bei der allerärgſten Sparſamkeit, und darum erklärte der Aelteſte, der Chriſtoph(er hieß ſo ſei— nem Vater nach), eines Tages in allem Ernſte Schuhe und Strümpfe für einen Luxus. Auch ging
er in der That von da an immer, die ſtrengſte Win⸗
terszeit ausgenommen, barfuß, ſo wie er überhaupt in Allem der Mutter jede Ausgabe zu erſparen ſuchte. War er doch ein Burſche voll Gutmüthigkeit und Aufopferungsluſt, dabei aber auch voll That⸗
kraft und Energie, ſo daß er nicht blos vor keinem war. Wir meinen nämlich das Geld für die Klei⸗
Hinderniß zurückbebte, ſondern auch alle Entbehrun⸗
gen, die er ſich auferlegte, mit einem Humor trug,
geno ihm niſſe lich
Tha wert umm


