„Zwei alte Freunde Ihres verſtorbenen Gatten?“ höhnte Alick, indem er die alte Lady mit ſeinen Augen faſt durchbohrte.
„Nenne die Summe,“ ſprach Lady Neßby,„und ich werde ſie dir baar ausbezahlen.“
„Ich ahnte es, ich ahnte es,“ ſchrie jetzt Alick, „und nun weiß ich es gewiß. Karl Eduard ſelbſt iſt da unten verborgen!“
Er riß die Leuchte an ſich, welche ſeine Tante mitgebracht hatte, und ſtürzte vorwärts, um den geheimen Gang zu betreten. Aber die alte Dame war behender, als es möglich ſchien, und warf ſich ihm mit Blitzesſchnelligkeit in den Weg.
„Alick,“ rief ſie,„du biſt der Sohn meines Bru⸗
ders, und daſſelbe Blut fließt in deinen Adern, wie
in den meinen. Nur diesmal laß' dich erbitten. Nenne eine Summe, und ſo hoch ſie auch ſei, ſie ſoll dir werden, wenn du ſchwörſt, dies Geheimniß nicht ergründen zu wollen.“
Alick ſchwieg, aber er bewegte ſich nicht von der Stelle.
„Der engliſche Staatsrath hat dreißigtauſend Pfund Sterling auf ſeine Auslieferung ausgeſetzt,“ fuhr die alte Lady fort,„ich will dir ſie ſchaffen.“
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gleich morgen ſoll vor Zeugen das betreffende Do⸗ cument ausgefertigt werden. Ja, ich will dir ſie bei Lebzeiten übergeben, wenn du dies Eine Mal nachgibſt!“
Ein Blitz des unendlichſten Triumphes flog über ſein Geſicht. Er ſah nun endlich das Ziel vor ſich, für deſſen Erreichung ihm kein Verbrechen zu groß geweſen war.
„Ich will es thun,“ flüſterte er mit glühenden
Wangen,„aber unter Einer Bedingung, und von
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„Das iſt Alles?“ entgegnete Alick, ſich dem Ein⸗
gang abermals nähernd. jedenfalls werden.“ Aber die Lady machte noch einen Verſuch. warf ſich ihm zu Füßen und umklammerte ſeinen Arm.„Alick,“ ſchrie ſie,„du haſt von jeher dar⸗ nach getrachtet, mein Erbe zu werden; dein ganzes Sinnen und Denken ging dahin, die Grafſchaft Neßby die deinige zu nennen. Du ſollſt ſie haben,
„Dieſe Summe muß mir
dieſer ſchwöre ich nicht abzulaſſen.“
„Nenne ſie, und wenn es im Bereiche der Mög— lichkeit liegt, ſie zu erfüllen, ſo ſoll ſie erfüllt wer— den,“ rief die Gräfin.-
„Alice werde mein Weib!“ ſprach er.
„Nie, nie!“ ſchrie Lady Neßby.„Sie würde lieber den Satan umarmen!“
„So ſei verflucht, alte Närrin,“ tobte Alick Camp⸗ bell, und ſtieß die Lady mit einem Fußtritt zurück, daß ſie der Länge nach zu Boden fiel. Ein Schritt, und er hatte die Oeffnung des geheimen Ganges erreicht; noch ein Schritt und er ſtand in dieſem; ein dritter Schritt und die eiſerne Platte wich unter ihm!
h Er ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, als der Boden ſich unter ihm ſenkte! Noch zweimal wieder⸗
holte ſich der Schrei, aber immer entfernter und
Sie
entfernter! Dann hörte man nichts mehr, auch nicht einen einzigen Laut! Er war in der gräßlichen Tiefe verſchwunden, vielleicht in hundert Stücke zer⸗ ſchmettert!
Die Gräfin Neßby lag in tiefer Ohnmacht.
(Schluß folgt.)
Angenſtein und Iſtein.
Eine Volksſage, erzählt von Dr. Eiſenfels.
Von den beiden Flüſſen, welche der Rhein bei Baſel liebevoll in ſeine weiten Arme aufnimmt, hat Hebel, der Lieblingsdichter des badiſchen Volkes, die Wieſe ſo herrlich beſungen, während noch kein Dich— ter ſich der Birs erbarmt, und dieſen gewiß ebenſo ſchönen Fluß zum Gegenſtand ſeiner Muſe gemacht hat. Und doch wurde an ihren Ufern die denkwür⸗ dige Schlacht bei St. Jakob geſchlagen; es miſchten ſich ihre Wogen mit dem Herzblute der tapferen Eidgenoſſen, und erzählen ſich noch heute die Um⸗ wohner in der feierlichen Stille der Nacht von dem Heldenmuthe und der Tapferkeit ſchweizeriſcher Män⸗ ner.*.
Aber ehe die Birs an dieſem geheiligten Schlacht⸗ felde vorüberfließen darf, muß ſie, einem ſtillen Keſſel des Münſterthales entſprungen, einen Weg ſich bahnen durch Felſen und Klüfte, und muß ſich trotz ihrer Jugend bequemen, den Eiſenhammer in den großen Hochöfen von Roche und Court zu heben; immer ernſter wird ihr Gebahren, und trauernd ſcheidet ſie bei den Mauern des Schloſſes Angen⸗ ſtein von ihrem lieben Heimaththale; ſie mäßigt ſich in ihrem Laufe, grüßt mürriſch den heiligen Nepo⸗
muk auf der Dornacher Brücke, ſchaut verächtlich hinauf nach den Ruinen von Dornach und Reichen⸗ ſtein, und bereitet ſich vor, ernſt und gravitätiſch bei St. Jakob vorbei, nach kurzer Friſt in den freundlich winkenden Rhein ſtill und unvermerkt überzugehen. 8 So durchzieht die Birs von Schloß Angenſtein an, welches mit Recht der Schlüſſel zum Münſter⸗ thal, das Göthe ſo ſchön beſchrieben, genannt wer⸗ den darf, bis an ihre Ausmündung in den grünen Rhein ein weites, fruchtbares Thal; zwei Straßen, am rechten und linken Ufer des Fluſſes, führen durch zahlreiche wohlhabende Dörfer, und berühren und vereinigen ſich bei Schloß Angenſtein.
Es ergibt ſich hieraus ſchon von ſelbſt, daß die⸗ ſes Schloß wohl an einer wichtigen Stelle und in einer herrlichen Lage ſein muß. Wenn der Wan⸗
derer die ſchönen fruchtbaren Felder des Birsthales durchzieht, und der blauen Bergkette, welche dieſelbe einfaßt, folgt, findet er an dem Vereinigungspunkte der beiden Gebirgsreihen die Burg Angenſtein, welche die gegen einander ſtrebenden Berge trennt, der Straße in das Münſterthal und dem Bette der


