„Sie ſind alſo mit einverſtanden, dieſelben vor das Martialgericht in Edinburg zu ſtellen?“ fragte der General nochmals. „es liegt mir viel daran, jedes auch nur denkbare Zerwürfniß mit Euren Herzoglichen Gnaden zu ver⸗ meiden.“
Der Herzog war über ſo viel Zuvorkommenheit erſtaunt, und wollte eben ſeine Zuſtimmung noch— mals wiederholen, als die Thür des Zimmers un⸗ geſtüm aufgeriſſen wurde, und ein Offtzier ſeines Clans hereinſtürzte. Der Mann war roth vor Zorn, und wie er den General Gueſt bemerkte, ſo wurde er noch röther. Merkwürdigerweiſe kam der Gene⸗ ral ebenfalls in keine geringe Affektion, aber bei ihm war es mehr Verlegenheit und Schamgefühl, als Zorn, als der Offizier den Herzog in einer Sprache, welche er nicht verſtand, in der hochländiſch⸗gäliſchen nämlich, anredete, und als in Folge dieſer Anrede der Herzog ſelbſt in eine Aufregung gerieth, die er ſich nicht einmal die Mühe nahm, zu verbergen.
„Wie ſoll ich das verſtehen, Herr General,“ nahm der Letztere das Wort, als der Offizier mit ſeinem Berichte zu Ende war, und der Ernſt, mit dem er ſprach, weiſſagte nichts Gutes.„Wie ſoll ich das verſtehen, daß Sie mir ſagen, Ihre Leute
hätten ein paar Rebellen eingebracht, während mir
mein Mann hier ſagt: er mit ſeinen Leuten habe die Rebellen gefangen? Wie erklären Sie mir dieſen Widerſpruch?“
„Es iſt eigentlich kein Widerſpruch, Herr Her⸗ augenblicklich vor ein Kriegsgericht ſtellt und dort
zog,“ ſtotterte der General,„denn es war ſo zu ſagen ein gemeinſchaftlicher Fang, welchen die Camp⸗ bells mit den Dragonern machten. Wenigſtens wurde ich ſo berichtet.“
„Dann wurden Sie falſch berichtet,“ erwiederte
der Offizier kühnlich,„und Ihre Leute haben wiſſent⸗
lich gelogen. Mir allein übergaben die beiden Lairds ihre Schwerter, und zwar unter der ausdrücklichen Bedingung, die Kriegsgefangenen des Maccullamore zu ſein und nicht der Sachſen.“
„Ha!“ rief der Herzog ſeinen Zorn nur noch
mühſam unterdrückend.„Es muß Ihnen viel an den Gefangenen liegen, General, daß Sie es mit Ihrer Ehre vereinbar hielten, mir meine Einwilli— gung zu deren Abführung vor das Martialgericht in Edinburg durch eine Fälſchung abzuli⸗ ſten!“
Die letzten Worte ſprach er überaus langſam und mit äußerſt ſorgfältiger Betonung. Auch fühlte der General Gueſt die furchtbare Beleidigung wohl, denn er wurde ſo weiß wie Kreide.
„Herr Herzog,“ ſprach er, ſeine Hand an den Degen legend.„Für dieſes Wort werden Sie mir Rede ſtehen.“
„Ich weiß, was ich ſage,“ rief der Herzog noch ſtrenger als zuvor.„Oder wie? Wäre es um ein Jota anders? Hat man es nicht vielmehr verſucht, meinen Leuten die Gefangenen mit Gewalt abzu⸗ nehmen, und iſt es nicht, wie mir mein Offtzier rapportirte, darüber faſt zu Blutvergießen gekom⸗ men? Hat man nicht nachher eben dieſen meinen Offizier auf alle Weiſe zurückgehalten, daß er mir Bericht abſtatten könnte, als bis man mich iſtet hätte? Beim Himmel, das müſſen wunder⸗
„Sie fehen,“ lächelte er,
und dieſes Schamgefühl mehrte ſich noch,
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bar wichtige Gefangene ſein, daß man ſich ſolcher
Mittel bedient, um ſie mir aus der Hand zu win⸗ den! Darf man vielleicht ihre Namen wiſſen?“
„Ich wollte,“ erwiederte der General, der ſich inzwiſchen wieder vollſtändig gefaßt hatte, mit ſicht⸗ lichem Hohne;„ich wollte Eurer Herzoglichen Gnaden die Schande erſparen, einen leiblichen Verwandten dem Gerichte übergeben zu müſſen, und hierin lag auch der Hauptgrund, warum ich die Gefangenen für mich in Anſpruch nahm. Die Namen derſelben ſind Allan Glencairn und Ulrik Crawford.“
Kaum hatte er dieſe zwei Namen genannt, ſo erſchollen im Nebenzimmer ein paar ſo furchtbare Schreie, daß ſie jedes Herz erbeben machen mußten. Auch der Herzog erblaßte und war im Begriff, in das Nebenzimmer zu eilen; aber plötzlich nahm er ſich gewaltſam zuſammen und blieb unverrückt ſtehen.
„Ich werde die beiden Gefangenen unter meiner Obhut behalten und ſie ſelbſt dem zuſtändigen Ge⸗ richte übergeben,“ ſagte er kalt.„Davon mögen Sie Notiz nehmen, und keine weiteren Verſuche machen, ſie in Ihre Hände zu bekommen.“
„Und darf man wiſſen, welchem Gerichte* fragte der General. 1
„Der großen Unterſuchungskommiſſion don,“ entgegnete der Herzog.
„Ich dachte mir's,“ rief General Gueſt, der nun ſeine wahren Gefühle nicht länger barg,„einem Verwandten, wie Allan Glencairn, obwohl er ein- anerkannter Rebelle und ſogar ein Preis auf ſeinen
Kopf geſetzt iſt, muß man, ſtatt daß man ihn
in Lon⸗
aburtheilen läßt, die Ausſicht geben, durch allerlei Advokatenkniffe und ſonſtige Einflüſſe, wie ſie bei Civilgerichten vorzukommen pflegen, ſein Urtheil zu verzögern oder am Ende gar einen Gnadenakt aus⸗ zuwirken! Verſteht ſich, das muß man, denn Allan Glencairn iſt zwar des Hochverraths ſchuldig und
hat ſeinen Kopf verwirkt, allein er iſt der Vetter
Seiner Gnaden, des Herzogs von Argyle!“ „Still,“ donnerte der Herzog und ſeine Augen ſchoſſen Blitze.„Stille, Mann, daß ich mich nicht vergeſſe. Oder wiſſen Sie nicht, vor wem Sie ſtehen? Maccullamore iſt nicht der Mann, der ſich von verwandtſchaftlichen Einflüſſen beherrſchen ließe,
acber ſeit ich weiß, wie eure Martialgerichte hauſen;“
ſeit ich mich überzeugt habe, daß ſie nichts ſind als Blutgerichte, deren einziges Ziel Morden iſt; ſeit⸗ dem die Herren in London dies ſelbſt eingeſehen haben, und deshalb die große Kommiſſion, welche aus Civilrichtern beſteht, als Hauptunterſuchungs⸗ depot eingeſetzt haben; ſeitdem kann es nur Einem, der einen Gefangenen um jeden Preis tödten will, einfallen, ihn vor eines eurer Militärgerichte zu ſtellen! Nun kennen Sie meine Geſinnung, Herr, und mögen Sie höheren Orts denunciren. Ich werde übrigens morgenden Tages ſelbſt nach London reiſen, um dem Staatsrathe dieſe meine Ueberzeu⸗ gung vorzutragen.“
„Sie ſelbſt?“ rief der General Gueſt, den dieſer Entſchluß ſehr unangenehm zu berühren ſchien.
„Ich ſelbſt und zwar ſogleich, nachdem ich mei⸗ nem Sohne, den ich jede Stunde erwarte, das Kom⸗ mando uͤber meine Truppen übergeben haben werde,“ erwiederte der Herzog.„Machen Sie ſich alſo keine
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