Jahrgang 
1861
Seite
167
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frage, wer ſind die Flüchtlinge, derentwegen Lady Neßby ſo viel auf's Spiel ſetzt? Sicherlich ihr Lieb⸗ ling, Allan Glencairn, und deſſen Buſenfreund, Ulrik Crawford, die im Stillen mit den beiden Nichten der Gräfin verlobt ſind! Allein ich gehe weiter und frage: in welchem Verhältniß ſtanden dieſe zwei jungen Männer zu dem Prätendenten Karl Eduard? Die Antwort iſt: ſie gehörten zu ſeiner vertrauteſten Umgebung! Ja, man will ſogar den flüchtigen Exregenten unmittelbar nach der Schlacht von Cul⸗ loden gerade in ihrer, und in keiner anderen Ge⸗ ſellſchaft geſehen haben, und ſehr wahrſcheinlich iſt, daß ſie auch ſpäter noch bei einander blieben! Wie nun, Königliche Hoheit, wenn nicht blos Allan Glen⸗ cairn, ſondern auch der Prätendent im Schloſſe Neßby verſteckt wäre? Wie nun, wenn es gelänge, die Flüchtigen zu entdecken? Wären dann nicht jene Beide, die Gräfin von Neßby wie der Herzog von Argyle, dieſer rohe brutale Maccullamore, ſo gut wie ver⸗ loren?

Hier ſchwieg der Verſucher, um dem Herzog von Cumberland Zeit zu laſſen, über das Geſagte nach

zudenken; aber bald las er auf deſſen Geſichte, was

er darauf zu leſen wünſchte.

Eure Hoheit, fuhr er nun fort,haben mir ſchon einmal in einer hochwichtigen Angelegenheit Vertrauen geſchenkt; ſchenken Sie mir es auch dies⸗ mal wieder. Geben Sie mir Vollmacht an den General Gueſt, und ich bringe die Sache glücklich zu Ende.

Beim Himmel, ich will, rief der Herzog ſchnell entſchloſſen.Hier, fuhr er fort, ſich einen Ring vom linken Mittelfinger abziehend und denſelben ſeinem Adjutanten reichend.Hier, nehmen Sie

und ſtecken Sie ihn an denſelben Finger, an dem

ich ihn getragen, ſo wird Gueſt wiſſen, daß er Ihnen gerade ſo zu gehorchen hat, als wäre es ich ſelbſt. Aber ſeien Sie vorſichtig und geben Sie keine Blöße, denn ſonſt, beim Himmel, wäre ich genöthigt, Ihre Vollmacht in Abrede zu ziehen. Verlaſſen ſich Eure Hoheit auf mich, entgeg

nete Alick und wandte ſein Pferd, um denſelben f

Weg zurückzuſprengen, den er ſo eben zurückgelegt hatte.

Die Fackeln auf Schloß Neßby waren erloſchen,

als Alick Campbell wieder daſelbſt anlangte, denn

die vornehmſten Gäſte der Gräfin, wie dieſe ſelbſt, V

hatten ſich, ermüdet von den letzten ſtürmiſchen Er⸗ eigniſſen, längſt zur Ruhe begeben. Alick Campbell

begnügte ſich daher mit einem Sitze in der Wacht⸗ ſtube der Dragoner, welche unter dem Oberbefehl

des General Gueſt zurückgeblieben waren. Doch

ſchaften. Dann hatte er, als es endlich Tag ge

worden war, eine lange Beſprechung mit dem Ge⸗

neral Gueſt, und die Folge davon war, daß nicht blos eine große Anzahl kleiner Detachements von Dragonern ausgeſandt wurden, um überall im Um⸗ kreis einer Stunde nach allen nur irgend Verdäch⸗ tigen zu ſtreifen und ſie gefangen einzuliefern, ſon dern die beiden Offtziere laſen auch verſchiedene einzelne als beſonders klug prädicirte Soldaten aus, welche als Spione an ſolche Stellen gelegt wurden,

von denen aus man, ſelbſt ungeſehen, alle Zugänge des Schloſſes, ſo wie deſſen ganze Umgebung im Auge behalten konnte. Die Auswahl dieſer Stellen traf Alick in eigener Perſon, wie er ſich denn über⸗ haupt unermüdlich in allen Anordnungen zeigte, welche ſein Vorhaben begünſtigen konnten. Dabei aber hütete er ſich wohl, der Lady Neßby oder ihrem Bruder, dem Herzog von Argyle, unter die Augen zu treten, und dieſe nahmen, wenn ihnen auch ſeine Anweſenheit im Schloſſe bekannt war, lediglich keine Notiz von ihm. So blieb er denn faſt den ganzen Tag auf dem Zimmer des General Gueſt, um in Gemeinſchaft mit dieſem die Rapporte der Soldaten entgegen zu nehmen, und dieſe in ihrem Dienſteifer noch dadurch anzuſpornen, daß er Jedem, der einen wichtigen Fang machen oder durch ſeine Spionerie einen ſolchen ermöglichen würde, eine bedeutende Belohnung verſprach. Umgekehrt aber konnte man von der Familie Neßby, ſo wie von dem Herzog von Argyle und ſeinen Offtzieren ebenfalls wenig ſehen, denn er ſelbſt hielt ſich meiſt in den Privatzimmern der Damen, woſelbſt auch ganz»en famille«, wie man zu ſagen pflegt, ge ſpeist wurde, auf, und ſeine Offiziere befanden ſich faſt alle auswärts, da ſie von ihm angewieſen wa⸗ ren, in der ganzen Runde, ſo weit die Herrſchaft Neßby reichte, das Eigenthum der Unterthanen ſei⸗ ner Schweſter zu ſchützen, und Alle in Verhaft zu nehmen, welche gewaltthätige Handlungen begingen, wobei ihnen übrigens aufgegeben wurde, jeden Kon⸗ flikt mit den Dragonern wo möglich zu vermeiden, und lieber alle Streitſachen vor ihn, den Herzog, zu bringen, als ſich ſelbſt gewaltthätig Recht zu nehmen. Natürlich! Maccullamore fühlte ſo gut, als der Her⸗ zog von Cumberland, daß er in der Hitze des erſten Zorns ſeine Drohungen weiter getrieben habe, als er hätte ſollen!

So verging der Vormittag und auch ein Theil des Mittags, trotz der ſtarken Reibungen, welche die Nacht zuvor ſtattgehabt hatten, ohne beſondere Störung, und es waren nicht einmal Händel zwiſchen den Campbells und den Dragonern zu ſchlichten, da dieſe Letzteren ſich aus guten Gründen vor allen Exceſſen hüteten. Etwa um drei Uhr Mittags ließ ſich General Gueſt bei dem Herzoge von Argylein Geſchäftsſachen melden. Letzterer befand ſich im Privatſalon der Damen, bei ſeiner Schweſter und ihren Nichten, und verfügte ſich alſo in das an ſtoßende Zimmer, um den General zu empfangen.

Herzogliche Gnaden, ſagte der General, den Herzog mit vieler Förmlichkeit grüßend,es ſind ſo

d eben ein paar Gefangene eingebracht worden, ein ſchon nach einigen wenigen Stunden erhob er ſich wieder, um die Runde um das ganze Schloß herum zu machen und ſeine Lokalitäten genau auszukund-

paar anerkannte Rebellen, die in der Schlacht bei Culloden mitgefochten haben, und ich wünſchte nun Ihre Genehmigung zu deren augenblicklicher Weiter⸗ beförderung nach Edinburg einzuholen. Es iſt beſſer, ſetzte er ſich höflich verbeugend hinzu,wir handeln im Einverſtändniſſe, als wir durchkreuzen gegenſeitig unſere Willensmeinungen.

Sie ſind ſehr artig, Herr General, erwiederte der Herzog;allein wenn Ihre Leute einige Auf⸗ rührer gefangen haben, ſo habe ich, wie iich von ſelbſt verſteht, keineswegs das Recht, irgend ein Wort darein zu reden, vor welches Gericht Sie die Ge⸗ fangenen ſtellen wollen.