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will mich bedünken, als meldete man mir, daß Sie das Schloßthor vor meinem Adjutanten, der doch in
meinem Namen kam, verſchloſſen gehalten hätten!“ „Man meldete Eurer Hoheit die volle Wahr⸗ heit,“ erwiederte die alte Lady mit großer Feſtigkeit.
„Nie wird der ſchurkiſche Räuber meiner Adoptiv⸗
tochter in Schloß Neßby aufgenommen werden, er
müßte denn nur, wie jetzt, ſchamlos genug ſein,
Unter dem Schutze eines Höheren, deſſen Willen ich mich fügen muß, ſich einzuſchleichen.“
„Mein Herr Herzog,“ ſagte jetzt der Lord Bin— ton vortretend,„ich fühle mich gedrungen, zu be⸗ zeugen, daß Lady Neßby die vollſtändige Wahrheit
ſagt, wenn ſie behauptet, Alick Campbell habe ihr
Fräulein Alice gewaltſam geſtohlen. Ich war dabei, wo er genöthigt wurde, deren Freigebung unter Um⸗ ſtänden anzuordnen, die für ihn nicht beſonders ehren⸗ werth ausfielen.“
„Nein,“ ſchrie Alick Campbell wüthend,„ich
wurde als Gefangener des Prätendenten zu der Herausgabe gezwungen, weil dieſe alte heuchleriſche Lady ihre rebelliſche Huldigung von dieſer Bedin⸗ gung abhängig machte. Oder wollen Sie vielleicht auch beſtreiten, daß Lady Neßby dem Prätendenten auf Holyrood ihre Aufwartung gemacht und ihm den Eid der Treue geſchworen hat?“ „pPfui über die freche Lüge!“ rief der Lord mit tiefer Entrüſtung.„Wiſſen Sie, meine Herren,“ fuhr er fort, indem er ſich an alle Verſammelten wandte,„wiſſen Sie, wer die aufopfernde Güte hatte, mich, als die Uebergabe von Edinburg uns lberraſchte, vor den Aufwieglern in ihrem eigenen Palaſte zu verbergen? Die Lady Neßby war's, die⸗ ſelbe Lady Neßby, welche jetzt der leibliche Neffe ſo verläumderiſch verklagt. Wiſſen Sie aber auch, wer der ganzen Unterredung der Lady mit dem Präten⸗ denten beiwohnte? Ich war's, ich Lord Binton, den die Lady ausdrücklich darum gebeten hatte, weil ſie wohl wußte, daß die Verläumdung nicht ausbleiben würde!“
Der Herzog biß ſich abermals auf die Lippen und ſchwieg; aber man ſah ihm wohl an, wie un⸗ gemein ihn dieſes Dazwiſchentreten des Lords Binton erzürnte.
Mittlerweile ging das Feſteſſen ſeinen Gang fort und wurde für die nächſten zehn Minuten durch nichts mehr unterbrochen, als durch das Hin⸗ und Hereilen von einigen Offizieren, welche dem Herzoge leiſe Rapport machten und ebenſo leiſe ihre Gegen— befehle erhielten. Plötzlich jedoch ſah man durch die Fenſter eine helle Röthe, welche ſich mehr und mehr ausbreitete, und in dieſem Augenblicke trat der Intendant der Gräfin eiligen Schrittes hinter ihren Stuhl und flüſterte ihr einige Worte in's Ohr. Die Lady wurde bleich wie der Tod, aber es war nicht die Bläſſe der Angſt, ſondern die des Zorns, denn ihre Augen funkelten, wie zwei hellleuchtende Sterne.
„Mein Herr Herzog,“ ſprach ſie, ſich mit furcht— barem Ernſt von ihrem Stuhle erhebend.„Man meldet mir ſo eben, daß zwei meiner Pächterswoh⸗ nungen in hellen Flammen ſtehen, und die Bewoh— ner derſelben an den davor ſtehenden Bäumen auf⸗ gehängt worden ſind. Ich frage Sie, iſt dies auf Ihren Befehl geſchehen oder nicht?“
„In dieſer Frage liegt eine Frechheit ſonder Gleichen,“ ſchrie der Herzog wüthend.„Iſt es nicht notoriſch, daß Ihr Clan es mit dem Prätendenten gehalten hat? Notoriſch, daß Einer Ihrer nächſten Verwandten, Allan Glencairn, einer der Vertrauten des Prätendenten war?“
„Wenn mein Vetter, Allan Glencairn,“ fuhr die alte Dame mit funkelnden Augen fort,„die Fahne der Rebellion erhoben hat, ſo bin ich dafür ſo we⸗ nig verantwortlich, als für die Niederträchtigkeiten meines andern Vetters, Alick Campbell, welcher der Buſenfreund von Eurer Königlichen Hoheit iſt. Aber hier handelt es ſich nicht von Aufrührern, ſondern von friedlichen Unterthanen meiner Herr⸗
ſchaft, welche mit kaltem Blute, als wären ſie gleich dem Wild des Waldes, ermordet worden ſind. Ich
frage Sie, Herzog von Cumberland, ſind Sie dieſes Mords geſtändig oder nicht?“
„Höll' und Teufel,“ fluchte der Herzog, ſeinen Offizieren einen Wink gebend.„Iſt das die Sprache einer Unterthanin? Sie ſind verhaftet, Lady Neßby, verhaftet wegen Hochverraths. Man bemächtige ſich ihrer auf der Stelle.“
„Ich verhaftet?“ rief die alte Lady, ſich zu ihrer vollen Höhe aufrichtend.„Ich in meinem eigenen Schloſſe verhaftet? André Moggers, ſtoße in dein Horn, verſammle den Clan; ſchaart euch um mich, meine Leute, wir wollen ſehen, ob eine Mörder⸗ bande in Schottland Geſetze vorſchreiben kann, oder ob noch Recht und Gerechtigkeit auf der Welt re⸗ giert.“
MNun entſtand eine furchtbare Scene der Verwir⸗ rung. In einem Momente hatte ſich der Saal mit bewaffneten Clanleuten der Gräfin gefüllt, welche ihre Gebieterin umringten, und nur ihres Zeichens harrten, um ſich auf den Herzog von Cumberland und ſeine Offiziere zu ſtürzen. Umgekehrt aber waren dieſe ebenfalls aufgeſprungen und ſchaarten ſich, ihre Säbel ſchwingend, um ihren Anführer. Nur allein die Lords Derby und Binton ſuchten zu vermitteln, indem ſich der Eine an die Seite des Herzogs, der Andere an die der Gräfin drängte. Doch mußte man ſchon den nächſten Augenblick ge⸗ wärtig ſein, daß der Kampf beginnen und ein Blut⸗ vergießen zur Folge haben werde, deſſen Größe vielleicht noch nie in der Geſchichte Schottlands übertroffen worden wäre. In dieſem Momente, als gerade die Aufregung den höchſten Grad erreicht hatte, und in Folge deſſen jene peinliche Stille ein⸗ getreten war, welche dem tobenden Sturme voran⸗ zugehen pflegt, ertönte eine durchdringend ſchrille Pfeife, welche in aller Anweſenden Herzen einen Widerhall fand.—
Man kannte ſie nämlich wohl, dieſe ſchrille Pfeife, und eben ſo gut kannte man die wilde Melodie, welche ſie pfiff! Es war die Kriegsmelodie des Stammes der Campbells, die Kriegsmelodie ihres Clanherrn, des Herzogs von Argyle, den eman ge⸗ wöhnlich den Maccullamore nannte! Dieſer große
Clanherr, nach deſſen Wort ſich halb Schottland richtete— er war, wie wir wiſſen, der Bruder der Lady Neßby—,, hatte ſich, obwohl vielleicht in ſei— nem Herzen gut Stuartiſch geſinnt, aus politiſchen Gründen der Rebellion nicht angeſchloſſen, ſondern war dem Könzig Georg treu geblieben, und nur


