Jahrgang 
1861
Seite
162
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es iſt rein unmöglich, daran zu denken, daß wir der Gefangenſchaft auf andere Weiſe entgehen könnten. Der Zufluchtsort dagegen auf Schloß Neßby iſt ſo ſicher, daß wir wenigſtens einige Tage lang dort gut aufgehoben ſind, und während dieſer Zeit wird vielleicht die Luft reiner und es eröffnet ſich uns eher ein Ausweg.

Lange widerſtand Karl Eduard, aber endlich als

er ſah, daß es keine andere Möglichkeit gab, willigte auch er ein. Dagegen machte er die Bedingung, daß Lady Neßby von dieſem ihrem Schritte nicht benachrichtigt werden dürfe,denn, ſagte er,wenn

wir das Unglück hätten, entdeckt und verhaftet zu l 1 in das Plaid der Schottländer gekleidet waren!

werden, ſo ſoll Lady Neßby beweiſen können, daß wir uns ohne ihren Willen und ohne ihr Vorwiſſen in die Burg eingeſchlichen haben.

Sie traten alſo den Rückweg an, und da Allan

gut Beſcheid wußte, ſo kamen ſie ungefährdet in

einem dichten Gebüſche, das ſich bis auf die Ent⸗ fernung von etwa einer halben Stunde gegen das Schloß Neßby hinzog, an. Hier ward Halt gemacht, denn es wollte ihnen bedünken, als ob es auch hier herum von Feinden wimmle, und ſomit erlaubte es ihnen die Vorſicht nicht, die Kapelle, welche etwa zwanzig Minuten von ihrem jetzigen Zufluchtsorte

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beſchäftigen, ehe ſie uns überwältigen, ſo ſeid ihr heil und gerettet.

Ulrik begriff augenblicklich, daß es der Plan Allans ſei, unter allen Umſtänden wenigſtens den Prinzen zu ſichern, und ſtellte ſich alſo hart an ſeine Seite, während Glaschelles mit Karl Eduard, den er an der Hand mit ſich fortriß, das Gebüſch quer durchſchnitt und auf dem kürzeſten Wege der Kapelle zuſtürzte. Es war übrigens keine Sekunde Zeit zu verlieren, denn ſchon ſtürmten die Feinde heran, und zwar von zwei Seiten zugleich. Merkwürdig aber, die Einen trugen die Uniform der Dragoner des Herzogs von Cumberland, während die Andern

In einem Augenblicke ſahen ſich die Flüchtlinge umringt, und von einer Möglichkeit des Sieges konnte bei einer ſolchen Ueberzahl natürlich nicht die Rede ſein. Allein es handelte ſich nur allein darum, die Feinde von einer Verfolgung des Prinzen und ſeines Führers abzuhalten, und ſomit ſtellten ſich Allan und Ulrik, wie ſie ſchon einmal gethan, Rücken gegen Rücken, um es ſo ihren Feinden unmöglich zu machen, ſie zu umringen. Auch glückte ihnen dieſes Manöver ſo gut, daß bereits mehrere ihrer

Angreifer mit blutenden Köpfen zurückwichen, wäh⸗

ſtand, und unter deren Altare der geheime Eingang

in das unterirdiſche Gewölbe vom Thurme Kenneth des Starken begann, am hellen Tage zu betreten.

Hier laßt uns die Dunkelheit abwarten, flü⸗ ſterte Allan Glencairn,und mit ihrer Hülfe wer⸗ den wir unſeren geheimen Zufluchtsort erreichen. Zum Glück ſind wir mit Mundvorrath hinlänglich verſehen, und vermögen es alſo, unſerer Feinde zu ſpotten.

Er glaubte ſo leiſe geſprochen zu haben, daß er nur von ſeinen Genoſſen gehört werden könnte, allein plötzlich raſchelte es hinter ihnen im Gebüſche und ſie hörten deutlich die Tritte eines Mannes, der in raſchem Laufe dahinflog.

Hierher, hierher, Zeit,hier innen im Gebüſche ſind Flüchtlinge ver⸗ borgen.

Vorwärts, Glaschelles, flüſterte Allan Glen cairn dem alten Laird in furchtbarer Aufregung zu. Vorwärts mit dem Prinzen nach der Kapelle, wäh⸗

ſchrie derſelbe zu gleicher

rend ſie ſelbſt noch unverletzt waren.

Gebt Raum, ſchrie jetzt der Anführer der Dra⸗ goner,daß wir dem Gefecht mit ein paar Schüſſen ein Ende machen.

Nein, beim Himmel, entgegnete der Anführer der Schotten.Ihr ſollt ſie nicht wie Hunde nie⸗ derſchießen! Ergebt euch lieber, rief er den beiden Flüchtlingen zu,ergebt euch lieber freiwillig an uns, eure Landsleute, und ich verſpreche euch im Namen Maccullamores, ihr ſollt mit der Rückſicht behandelt werden, welche tapferen Männern geziemt.

Ihr gehört zu den Leuten Macculamores? rief Allan Glencairn mit faſt freudiger Stimme. Dann gebe ich ſogleich allen Widerſtand auf!

Mit dieſen Worten überreichte er dem Anführer der Schotten ſeinen Degen, und daſſelbe that auch Ulrik Crawford.

Sie waren Gefangene! Allein damit der Leſer begreifen kann, wie es gekommen iſt, daß Schotten

und engliſche Dragoner zugleich die Umgebung von

rend Ulrik und ich den Anſtürmenden Stand halten. Gelingt es uns, ſie auch nur drei Minuten lang zu

Schloß Neßby bewachten, müſſen wir auf ein paar Stunden in unſerer Geſchichte zurückgehen. (Fortſetzung auf S. 177.)

Der gehetzte Hirſch.

(Taf. 12.)

Auf dem angefügten Holzſchnitte geben wir eine Copie nach dem berühmten Bilde des engliſchen Malers und Kupferſtechers Edwin Landſeer.

Derſelbe ward geboren zu London im Jahre 1798. Er bildete ſich theils durch die älteren Mei⸗ ſter, namentlich Weenix, theils und vorzüglich durch das Studium der Natur, und brachte es im Genre,

in Landſchaften, in Porträts, in Stillleben, insbe⸗ ſondere aber in der Thiermalerei zur höchſten Vir⸗

tuoſität, indem er einzig daſteht in der Auffaſſung der Eigenthümlichkeiten des Thierlebens, ſowohl in Abſicht auf die humoriſtiſchen als die rührenden Auftritte in demſelben. Dabei iſt ſeine Farben⸗ gebung wahr und klar, ſein Pinſel geiſtreich und leicht. In ſeinem Bilde, die geſpießte Fiſchotter mit Graf Aberdeens Otterhunden, brachte er ſieben⸗ undzwanzig Hunde derſelben Raſſe, und zwar jeden einzelnen durchaus verſchieden zur Anſchauung. Sein