Jahrgang 
1861
Seite
160
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ihr Recht geltend! War dies doch die erſte Mahl zeit, welche den Halbverhungerten nach vierzehn ſchrecklichen Tagen der Entbehrung zu Theil wurde!

Drei von ihnen waren bald geſättigt, Allan Glencairn, welcher die Hände Alicens in den ſeini⸗ gen hielt, Ulrik Crawford, welcher in die Augen Conſtanzens ſah, und der Prinz, welcher träumeriſch vor ſich niederblickte. Nur der Laird von Glas⸗ chelles fuhr fort, den Speiſen zuzuſprechen und die ſelben mit dem dargereichten Weine zu würzen.

Auf, mein Prinz, ſagte die Lady Neßby,es kann noch Alles gut werden.

Was mich betrifft, erwiederte der Laird von Glaschelles,ſo glaube ich, daß es mir in meinem Leben noch nie ſo gut geworden iſt, als eben jetzt.

Der alte Laird hatte ſeinen Humor ſelbſt in die ſem bedenklichen Augenblicke nicht verloren! Aber das Wort war doch an ſeinem Platze, denn ſelbſt die Lippen Karl Eduards umſpielte ein Lächeln, als er nun den alten Herrn anſah, welcher ſich in ſeinem Appetite durchaus nicht ſtören ließ. Bald ward hiedurch ein trauliches Zuſammenſein veranlaßt, und eine gewiſſe Behaglichkeit, deren ſie ſich durchaus

nicht erwehren konnten, durchwärmte ihre Körper. den Augen,daß ich ihm, dem Alick, nimmermehr

Das Geſpräch lenkte ſich nun auf die Vergangenheit wie auf die Zukunft.

Wir werden Ihre Gaſtfreundſchaft nur für wenige Stunden in Anſpruch nehmen, ſagte der Prinz,denn es blinkt uns die Hoffnung, daß wir an einer gewiſſen Stelle ein Schiff finden, das uns an die Ufer Frankreichs in Sicherheit bringt. Wir müſſen daher morgen in aller Frühe aufbrechen, um die Küſte zu erreichen, ehe die Horden des ſchreck⸗ lichen Cumberland das Land überſchwemmen und uns die Wege abſchneiden.

Das hätten wir alles viel bequemer haben kön⸗ nen, verſetzte der Laird von Glaschelles,wenn Allan nicht ſo gar großmüthig geweſen wäre. Den⸗ ken Sie nur, er hatte die Prinzeſſin von Wales nebſt ihrem Sohne in der Hand, und ließ ſie frei ausgehen, blos weil es eine Dame war. Hätte er die Beiden als Geißel behalten, wir dürften uns jetzt nicht wie Diebe durch das Land ſchleichen!

Und doch hatte mein Freund Allan Recht, er⸗ wiederte der Prinz,aber ich muß Ihnen den Fall erzählen, da er Ihnen noch wahrſcheinlich ganz un⸗ bekannt iſt.

Er erzählte und verſäumte auch nicht zu erwäh⸗ nen, daß es ſich erſt nachher herausgeſtellt habe, wer die Dame nebſt ihrem Sohne geweſen ſei. Allein, wenn er auch gewußt hätte, wer die Dame geweſen iſt, ſetzte er hinzu,ſo würde ich ihm

doch für ſeinen Edelmuth meinen Beifall nicht ver

ſagt haben. Aus ſolchem Unfalle Vortheil zu ziehen, wäre eines Ritters nicht würdig geweſen.

Die alte Lady ſaß in tiefes Nachdenken verſun⸗ ken.Wie war es, Allan? fuhr ſie plötzlich auf. In dem Anführer der Wegelagerer erkannteſt du Alick Campbell? 3

Ich könnte darauf ſchwören, erwiederte Allan, trotz ſeiner Vermummung und Schwärzung!

Er war es, rief die alte Lady mit Beſtimmt heit.Und weißt du, warum er es war? Weil er der Vertraute des Herzogs von Cumberland iſt, und weil zwiſchen dem Herzoge und dem Thron nur Ein

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Hinderniß ſteht, das Leben des jungen Georg, des Sohnes der Prinzeſſin von Wales. Nie, nie gab es einen ſo durchtriebenen Böſewicht, als dieſen Alick Campbell.

Kaum hatte ſie dieſe Worte geſagt, ſo ſchmet terten laute Trompetentöne vor dem Thore, und man hörte, wie ſcheltende Stimmen herriſch Einlaß begehrten. Erſchrocken fuhren Alle von ihren Sitzen auf, nur allein Lady Neßby blieb vollkommen uner⸗ ſchüttert.

Bleibt ſitzen, ihr Mädchen, bleibt ſitzen, befahl ſie,und ihr Herren tretet auf einen Augenblick in's Nebenzimmer, denn mein Intendant wird in der Minute hier ſein.

In der That erſchien der, von dem die Rede war, faſt im ſelbigen Augenblicke.

Wer iſt es, André? rief ihm die Gräfin un⸗ geduldig entgegen.Wer begehrt Einlaß?

Oberſtlieutenant Alick Campbell, meldete der Intendant,mit einem kleinen Detachement Reiter. Er ſagte, er komme, um für den nachrückenden Her⸗ zog von Cumberland Quartier zu machen.

So erkläre ihm, rief die Gräfin mit flammen⸗

freiwillig Quartier gebe; erkläre ihm, daß ich ihn

einem Dieb und Räuber gleich achte; erkläre ihm, . Aber, nein, halt, unterbrach ſie ſich ſelbſt,ich

will ihm dies Alles beſſer in eigener Perſon ſagen.

Folge mir, André Moggers.

Mit raſchen Schritten ging ſie voran, und zwei Kerzen ergreifend eilte ihr der Intendant nach. Ihr Ziel war der Balkon oder vielmehr die Bruſtwehr

des Eckthurms, deſſen vorſpringende Maſſen man von dem Zimmer aus, in welchem das Nachteſſen ſtattgefunden hatte, überſehen konnte, denn von die

ſer Bruſtwehr herab hatte man einen Ueberblick über Alles, was außerhalb des Thores und der Zugbrücke vorging. Die Nacht war zwar dunkel und der Himmel mit Sturmwolken überzogen, aber im Schloßhofe brannten mächtige Holzfackeln, ſo daß es nicht unſchwer war, die außen haltenden Reiter zu erkennen.

Wer verlangt zu ſo ſpäter Nachtſtunde Einlaß auf Schloß Neßby? fragte die alte Dame mit lau⸗ ter vernehmlicher Stimme.

Ich bin's, ich Alick Campbell, den Sie wohl kennen werden, entgegnete der Neffe der Lady, mit ſeinem Roſſe bis hart an den Brückengraben vor⸗ ſprengend.Ich verlange Einlaß im Namen des Herzogs von Cumberland, der mir mit ſeinem Stabe unmittelbar nachfolgt.

Wenn der Herzog von Cumberland mir die Ehre erweist, mein Schloß zu ſeinem Quartier auszuerſehen, ſprach die Dame,ſo wird ſich eine

getreue Unterthanin-König Georgs II., wie ich bin,

übertreten.

beſonders glücklich ſchätzen. Nie aber ſollſt du, Alick Campbell, mit meinem Willen meine Schwelle Ich traue dir nicht, Alick Campbel, entarteter Sohn deines Vaters, ich traue dir nicht und glaube nimmermehr, daß eines Königs Sohn, wie der Herzog von Cumberland, einen Chrloſen, wie dich, als ſeinen Boten vorausſenden würde. Raub und Diebſtahl iſt dein Handwerk, und einem

Räuber und Diebe gleich kommſt du bei Nacht und

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