Jahrgang 
1861
Seite
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ſein Hütlein in der Rechten, das Mädchen, die Stirne auf des Bruders Achſel legend und ſtill wei nend. Es war ein wirklich ergreifendes Bild!

Damals, als die Mutter ſtarb, zählte der Knabe vielleicht zwei, das Mädchen kaum ein Jahr. Da⸗ mals kannten ſie ihren Verluſt noch gar nicht, denn ſie waren noch nicht fähig, zu denken! Jetzt aber, jetzt nach drei Jahren, verſtanden ſie ihn, und wer konnte ihnen dieſes Verſtändniß beigebracht haben, als nur allein der Vater? So dachte ich, und das Bild war mir nun doppelt ergreifend!

Auf dieſe Art hat er's die ganzen drei Jahre her gehalten, flüſterte mir mein Nachbar zu,Und ich ſtehe Ihnen dafür, er hält's ſo bis an ſeines Lebens Ende. Sehen Sie nun, daß der Tod erſt den wahren Unterſchied unter den Menſchen zu Tage fördert?

Wohl zehn Minuten lang blieben die Drei in der gleichen Stellung. Dann wandte ſich der Vater um, und wiſchte ſich eine Thräne aus den Augen. Nun erhoben ſich auch die Kinder und das Eine hängte ſich links, das Andere rechts an ſeinen Arm. Langſam gingen ſie den Kirchhof entlang, der Ein gangsthür zu. Schnell ſprang ich auf, denn mein Entſchluß ſtand feſt. Den Mann mußte ich kennen lernen, da er wohl nicht Viele ſeines Gleichen hatte! Ich machte einen kleinen Umweg, und ſtand nach wenigen Dutzend Schritten an ſeiner Seite.

Eine Mahnung an uns ſelbſt, ſagte ich nach höflichem Gruße auf die eben im Scheiden begriffene Sonne deutend.

Eine noch deutlichere Mahnung, erwiederte er, iſt die Stätte, auf der wir ſtehen.

Sie haben wohl einen neulichen Verluſt zu be⸗

klagen? fragte ich, mir nicht merken laſſend, daß ich ihn eben erſt ſo genau beobachtet hatte.

Keinen neulichen, erwiederte er wehmüthig

lächelnd,wenigſtens nicht nach der Meinung der Leute, aber einen unerſetzlichen. Ich betraure meine theure Gattin, die Mutter dieſer zwei Kinder.

Das iſt alſo ſchon länger her? fuhr ich fort, denn ich war begierig, ſeine ganze Herzensmeinung zu erforſchen.

Seit drei Jahren, erwiederte er ſanft,aber es iſt mir gerade, als wenn es heute geſchehen wäre.

Und ſeit dieſer langen Zeit, rief ich,leben Sie einſam und haben nicht einmal daran gedacht, Ihren beiden unerzogenen Kindern eine zweite Mut⸗ ter zu geben?

Ich habe wohl daran gedacht, meinte er,und man hat mir auch oft und viel zugeſprochen, denn die Erziehung dieſer armen Halbwaiſen iſt mir wirk⸗ lich zeitweiſe ſchwer genug gefallen. Auch bot ſich manche, in geſchäftlicher und anderer Beziehung für mich vortheilhafte Gelegenheit, und Sie dürfen nicht glauben, daß ich mit vorgefaßten Meinungen gegen Stiefmütter behaftet bin. Aber, aber, ich wollte meinen Kindern das Andenken ihrer Mutter, ihrer wirklichen Mutter(dieſe Worte betonte er auf⸗ fallend) erhalten, und bin nun gewiß, daß ſie das Grab, von dem ich komme, in Ehren halten werden, auch wenn ich nicht mehr bin.

So ſchieden wir.

Nach langen Jahren erſt denn mein Beruf führte mich auf lange Zeit anderswohin beſuchte ich den Kirchhof wieder. DasGrab der Mut⸗ ter war noch in demſelben friſchen Zuſtande, wie damals, als ich es das letzte Mal geſehen!

Hatte der Todtengräber nicht recht, als er meinte, daß nur allein der Tod den wahren Unterſchied unter den Menſchen recht hervortreten laſſe?

Fr.

Ausflug in die Weſtſchweiz und weiter.

(Fortſ. von S. 9.)

i V na Chamouny, Martigny und Villeneuve.

Diwieder vereinigten Freundinnen konnten ſich 3 nicht ſchnell trennen; es gab Tage lang ſo viel zu rin man wollte auch Genf gründlicher ge⸗ nießer o beſchloßen denn die beiden Männer die ſch demAllerheiligſten des Naturtempels, wie Sauſſüre das Thal von Chamouny*) nannte, aallein zu unternehmen, und zwar nicht auf einer der Diligencen, ſondern, größerer Bequemlichkeit halber, auf einem zunächſt bis Sallanches gemietheten Wa⸗ gen. Sie bereuten das nicht; denn die Eilwägen,

denen ſie begegneten, waren buchſtäblich vollgepfropft

von Reiſenden, denen man Mißbehagen und Er⸗

d= nüdag wohl anſehen mochte.

Wir fuhren Morgens zehn Uhr aus Genf, nach

4*) Tſchudi, und nach ihm viele Reiſende, ſchreiben Cha⸗ mouny; die amtliche Behörde in Genf ſchreibt Chamounix; die 4 G nſular⸗Agentur ſignirte die Paßkarte: bon pour la France.

getroffener Abrede, an einem beſtimmten Tage und zu einer beſtimmten Stunde in Villeneuve mit unſe rer Reiſegeſellſchaſt wieder zuſammen zu treffen. Wir waren mit Allem wohl verſehen, auch mit Päſſen. Meiner Paßkarte hatte der, bei der fran⸗ zöſiſchen Geſandtſchaft angeſtellte, Bruder der lieb⸗ lichen Hortenſe eben ſo freundlich als dienſtfertig die erforderlichen Unterſchriften von Seiten des Depar⸗ tement⸗Chefs der Juſtiz und Polizei zu Genf, als des franzöſiſchen Konſuls verſchafft, da man uns bange gemacht hatte; und wir waren auch in dieſer Beziehung ſicher. Bemerkt ſei ſogleich, daß wir auf franzöſiſchem Gebiete, welches wir nach einer kleinen Stunde erreichten, nicht ein einziges Mal beläſtigt oder um eine Legitimation befragt wurden.

Ein feiner Regen ſprühete aus den Wolken, die

ſehr hoch gingen, ſo daß ſie uns die Ausſicht auf

die Bergrücken, namentlich nach franzöſiſcher Seite hin, nicht raubten. Bis zu dem großen Dorfe Chene (Chesne) und etwas weiter führt der Weg durch

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