Jahrgang 
1861
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ziehungen äußerſt intereſſant. Den Hauenſteiner Tunnel kann wohl Niemand ohne wehmüthiges An denken an die Menſchenopfer durchfahren, welche dieſer kühne Bau gefordert hat; die anmuthigen

Thäler, die uns nach Solothurn führten, verwiſchten

1 jenen ſchmerzlichen Eindruck, den man überall auf einer Erholungsreiſe nicht feſthalten ſoll.

Der Bieler See lag bald vor uns, eine weite, grüne Ebene, von der Sonne beſchienen, welche hier einen Theil des ſchönen Spiegels mit ihrem Glanze erleuchtete, dort die kleinen Wellen glitzernd verſil

berte, die durch einen ſanften Windeshauch bewegt

wurden. Als das Dampfboot die Fluth durchfurchte und zur Rechten und Linken lange Wellen, kleine grüne Hügel mit weißen Säumen zurückließ, athme ten wir freier und froher, des gar lieblichen Sees in rechter, behaglicher Ruhe uns erfreuend. Wir, denn es iſt nun wohl Zeit, einen Blick auf die

Reiſegeſellſchaft zu werfen, welche außer dem Refe⸗

renten aus einem vielerfahrenen, Menſchen- und Län

der⸗kundigen, für jede Schönheit der Natur empfäng⸗ lichen Manne, einer würdigen, unterhaltſamen Dame

und zwei jungen Mägdlein, ihren Zöglingen, aus Demerary(Südamerika), beſtand. Alle waren heitern Gemüthes, voll Verlangens, Alles, was dieſer herr⸗ liche Theil des Schweizerlandes bietet, rein zu ge⸗ nießen; Fanny und Agnes voll jugendlicher Begeiſte rung für alles Große und Schöne, dazu ſtets bereit, wo es nur irgend anging, Vergleichungspunkte mit der fernen Heimath aufzufinden.

Die drei Seen, der Bieler, Neuchateler und Genfer, gehören gewiß zu dem ſchönſten, was dies prachtvolle Land bietet; es findet bei ihnen eine intereſſante Steigerung ſtatt; der Bieler See, 3 ½ Stunden lang und Stunden breit, mit einer Tiefe von über 200 Fuß, iſt anmuthig; die Ufer grün, mit Gehölz, Fruchtbäumen und Reben be⸗ wachſen; der Chaſſeral, faſt 5000 Fuß hoch, iſt der einzige bedeutende Berg in der Nähe; hie und da liegen kleine Ortſchaften zerſtreut, maleriſch am Ufer ſich hindehnend. Ein ſehr beſuchter Punkt iſt die Petersinſel, ein 1400 Fuß hoher, zum Theil waldiger Berg, der hier ſteiler, dort ſanfter ſich ab⸗ plattet; auf der weſtlichen Seite liegt das Häuschen, in welchem der Verfaſſer der Neuen Heloiſe nach ſeiner Verbannung aus Genf im Jahre 1765 zwei Monate hindurch ein Aſyl fand, bis die Regierung zu Bern ihn auswies. Schon die Römer hatten Anſiedelungen auf dieſer lieblichen Inſel. Der Neuenburger See hat ſchon reichere, dazu durch die Geſchichte markirte Umgebungen, und von ſeinem

ſchönen Waſſerſpiegel ſieht man, wenn gleich noch in weiter Ferne, die eiſigen Rücken und Firnen der höchſten Alpen. Der Genfer See macht den größe⸗ ſten, einen impoſanten Eindruck; nicht nur ſeines bedeutenderen Umfanges, ſondern der mächtigen, nahen Savoyiſchen Alpen wegen, welche der Mont blanc prachtvoll krönt. Der Lema n, 17 Stunden lang und 2 3 Stun⸗ den breit, mit ſeiner bald grünen, bald tiefblauen Fluth iſt mir als der ſchönſte aller Schweizeriſchen Seen erſchienen; Manche geben dem Vierwaldſtätter, Andere dem Züricher den Vorzug. Er hat in mehr⸗ facher Hinſicht Aehnlichkeit mit dem Comer See; die lieblichſten Ufer auf der nordweſtlichen, die erhaben⸗

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ſten auf der ſüdlichen Seite; jene reichbevölkert, mit maleriſch gelegenen Ortſchaften und Städten, Hafen⸗ plätzen, Villen, Weinbergen, Kaſtanienwäldern, voll regen Lebens; dieſe, zwar auch hie und da mit Städtchen beſetzt, unter denen wir nur das alte Thonon, das vielbeſuchte Evian, Meillerie und St. Gingolphe nennen, aber doch weit weniger bevölkert, zum Theil von ſteilen, wilden Felſen gebildet. Einer unſerer größeſten Dichter, wo es darauf ankommt, die Schönheit der Natur zu ſchildern, gibt ſeinem bekannten Gedichte, der Genferſee, die Ueberſchrift: Ille terrarum mihi praeter omnes angulus ridet, und, wie geſagt, ich ſtimme ihm bei; ich ſpreche mit ihm:

Es hieß, aus dieſes Chaos alter Nacht,

Der Herr, ſo weit des Lemans Fluthen wallten, Voll ſanfter Anmuth, voll erhabner Pracht, Sich zauberiſch dies Paradies entfalten:

Dies ſtolz umthürmte Land, gleich Tempe's Flur, Mit jedem Reiz der Schöpfung übergoſſen!

Dies Wunderwerk der göttlichen Natur,

Von Schönheit, wie von Glanz die Sonn', umfloſſen.

* *

Entzückend iſt's, wenn donnernd himmelan

Des Feuerberges Wogen ſich erheben,

Auf N'apels Golf, bei Nacht, im leichten Kahn, In magiſcher Beleuchtung hinzuſchweben:

Mit höh'rer Luſt ſieht auf des Lemans Fluth, Wenn Thal und Hügel ſchon in Dämm rung ſinken, Der hohen Eiswelt reine Purpurgluth

Mein Aug' aus dunkler Klarheit wiederblinken.

Nach dieſer Abſchweifung kehren wir zu dem Neuenburger See zurück, wo wir wiederum den Dampfwagen beſtiegen. Das alte Neuenburg, wun⸗ dervoll gelegen, blühend durch den Gewerbfleiß ſei⸗ ner Bewohner, mit trefflichen öffentlichen Anſtalten, milden Stiftungen, ſehr bedeutenden Sammlungen, ſelbſt einer zwar kleinen, aber werthvollen Bilder gallerie, welche unter Andern ſchöne Arbeiten von L. Robert und Calame enthält, konnte ich nicht ohne Beſchämung betrachten; das alte Schloß ragt über die zuſammengedrängten Häuſer empor und weckt manche Erinnerung. Mit andern Empfin dungen betrachtete ich Grandſon und die nach den Bergen zur Rechten ſich ausdehnende, jetzt grün und luſtig ausſehende kleine Ebene, zwiſchen Conciſe und Corcelles, auf welcher der kühne Muth der Schwei⸗ zer den Uebermuth des Herzogs von Burgund züch tigte.

Karl der Kühne hatte im Januar 1476 bei Nancy ſein prächtiges, ſtolzes Heer gemuſtert, über den Jura geführt und ſeine leichten Schaaren ſtreif⸗ ten in der Waadt, bevor die Eidgenoſſen gerüſtet waren, einem ſolchen Feinde entgegen zu gehen. Die Vorpoſten Ivigne und Orbe hatten ſie verlaſſen; Iverdun und Grandſon hielten ſie beſetzt. Das erſtere war früher genommen, unter Mord und Brand; Grandſon, von 50,000 Mann umſtellt, von einem Lager umſchloſſen, das, wie Joh. v. Müller

ſagt, den Glanz und Ueberfluß einer großen Han⸗

delsſtadt oder einer Reſidenz darſtellte, vertheidigte

ſich tapfer, bis in einem zweiten Sturme die Stadt genommen wurde; die kleine, 800 Mann ſtarke Be⸗ ſatzung gewann mit großem Verluſte unter dem

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