Jahrgang 
1861
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fällt es z. B. in einer größeren Stadt ein, ſich nach dem Bellen eines Hundes umzuſchauen; aber hier in dieſer Einſamkeit, wo man im Winter vielleicht kaum alle Monate einen fremden Menſchen ſah, war ſolch' eine Erſcheinung ein Ereigniß. Sie lauſchten daher alle Drei aufmerkſam, die Mutter, wie die beiden Kinder.

Ich kenne den Hund an ſeiner Stimme, rief jetzt plötzlich der kleine Martin aufſpringend und der Stubenthür zueilend,es iſt der Waldmann des Pathen von der Windeck, und wenn der Hund kommt, ſo wird der Pathe ſelbſt auch nicht weit ſein.

Er eilte hinaus, kehrte aber nach wenigen Mi⸗ nuten ſchon wieder zurück, freilich nicht allein, ſon dern mit einem älteren Manne, den er ganz ſtolz an der Hand führte; der Letztere war ganz wie ein Jäger gekleidet und war wohl auch ein ſolcher, denn er führte Büchſe, Hirſchfänger und Waidmannstaſche bei ſich und hatte ein Geſicht, wie ein Mann, der gewohnt iſt, Wind und Wetter zu trotzen. Uebri gens ſchien er im Hauſe gar wohl bekannt zu ſein, denn der Hund ſprang wedelnd und bellend ſowohl an Martin als auch an Frau Martha und dem klei nen Mariechen empor.

Siehſt du Mutter, daß ich recht hatte, rief Martin fröhlich,als ich ſagte, ich kenne die Stimme des Waldmann? Da iſt der Herr Förſter von der Windeck, unſer Pathe, den wir nun ſchon eine ganze Ewigkeit nicht geſehen haben.

»Na, na, Bube, entgegnete der Förſter treu herzig, indem er zugleich der Frau Martha die Hand hinſtreckte, um ſie freundlich zu grüßen,ſo lange iſt's gerade nicht, aber ein paar Monate her mag's immerhin ſein, daß ich nicht mehr hier einſprach. Das macht, ich komme nicht oft auf dieſe Seite des Gebirges, denn das Wild wird da herum immer ſeltener, und der Graf jagt daher meiſt in der um gekehrten Richtung. Aber gedacht habe ich deswegen während des langen und ſtrengen Winters doch oft an euch, und zum Beweis deſſen, da, Martin, nimm mir einmal den Büchſenranzen ab und hilf deiner Mutter, ſeinen Inhalt auszuleeren.

Frau Martha war aufgeſtanden und hatte den treuherzigen Gruß des Förſters halb vertraulich, halb demüthig erwiedert, wie es Landleute zu thun pflegen, wenn ſie Einem über ihnen Stehenden, von dem ſie wiſſen, daß er es gut mit ihnen meint, be gegnen; denn natürlich, ihres Gleichen war der För⸗ ſter ja doch nicht, wenn er gleich die Pathenſtelle für alle ihre drei Kinder übernommen hatte! Die⸗ ſes Letztere kam aber einfach daher, daß Frau Mar⸗ tha, die ſchon ſehr frühe elternlos geworden war, gleich nach ihrem zehnten Jahre als Kindsmädchen in die Färſterei gekommen und dort bis zu ihrer Verheirathung in Dienſt geblieben war. So hatte ſie ſich wohl ein Herz faſſen dürfen, den Herrn För⸗

ſter zum Gevatter ihrer Kinder zu gewinnen, da ſie

ja gewiſſermaßen ein Mitglied ſeiner Familie ge⸗ worden war. Auch ſtand ſie, wie wir bereits ge⸗ merkt haben, ſowohl bei ihm als auch bei ſeiner Gattin immer noch im beſten Angedenken. Deſſen⸗ ungeachtet war die arme Frau ſichtlich genirt, als der Herr Gevatter ihr befahl, nach den in der Waidmannstaſche mitgebrachten Sachen zu ſehen oder

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vielmehr ſie auszupacken und als Eigenthum zu ſich zu nehmen.

»Nun, Martha, fuhr der Förſter fort, als er dies bemerkte,warum greifſt nicht zu? Mach' doch keine thörichten Umſtände, denn's iſt in der That nicht viel und ſoll dir nur zeigen, daß meine Frau dich eben ſo wenig vergeſſen hat, als ich.

Frau Martha that nun, wie ihr geheißen war; aber wie ſie die Taſche öffnete und den Inhalt ſah, fuhr ſie halb erſchrocken, halb freudig zurück, denn es war doch mehr, als ſie glaubte annehmen zu dürfen.

Ach, Herr Gevatter, rief ſie, indem ihr die hellen Thränen über die Wangen liefen,wo denken Sie hin? Das iſt ja ein wahrer Reichthum und die arme Martha kann es in ihrem Leben nicht mehr gut machen. 3

Dummheiten, Schnick⸗ſchnack, entgegnete der Förſter, ſich bequem auf die Bank am Ofen nieder⸗ laſſend.Was iſt da viel daran? Ein Stück Zeug für dich zu einem Rock und dann noch eine Kleinig⸗ keit für die Kinder und ein paar Pfund geräucher⸗ ten Speck, daß du deine Kartoffeln mit ſchmälzen kannſt, das iſt der ganze Witz. Wollte, ich könnte

mehr thun, aber du weißt, wir gehören auch nicht

unter die Wohlhabenden, und mein Dienſt trägt kaum ſo viel, als wir nothwendig brauchen. Doch jetzt kein Wort weiter von der Sache. Sag' mir lieber, wie ihr den Winter zugebracht habt, deun der war lang und hart genug. Haben die Karkoffeln ausgereicht und das Holz, und war ſonſt nicht ge⸗ rade Mangel? Du weißt, gegenüber von mir brauchſt du kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Gott ſei Dank, Herr Gevatter, erwiederte Frau Martha mit einem dankbaren Blick gen Him⸗ mel,Gott ſei Dank, wir ſind recht ordentlich durch⸗ gekommen. In den Kartoffeln ſteckte ein wahrer Segen, denn wir haben daran noch bis in den Som mer hinein. Nur das Holz iſt arg zuſammengeſchmol⸗ zen, ſo groß auch der Vorrath war, allein wie ließ ſich dies bei einem Winter von ſolcher Länge und Härte auch anders erwarten! 1

Aber warum iſt denn der Chriſtoph nicht in den Wald gegangen, um neue Vorräthe zu holen? meinte der Förſter kopfſchüttelnd.Der Sturm hat doch gar manchen Aſt abgeriſſen, ſo daß es dürres Holz genug gibt, und daß euch der Herr Graf die Erlaubniß gegeben hat, in ſeinen Waldun⸗ gen Holz zu ſammeln, das wißt ihr ja auch. Alſo iſt es rein eure Schuld oder vielmehr die Schuld des Chriſtoph, wenn euch eine warme Stube abgeht, ohne die doch ſonſt ein Schwarzwälder nicht leben kann..

Ach, Herr Gevatter, rief jetzt Mutter Martha eifrig,werfen Sie doch dem Chriſtoph keine Träg⸗ heit vor. Ich darf ja nur ein Wort ſagen, ſo ruht er nicht, als bis der Holzſtall wieder voll iſt; aber ich hab' abſichtlich bis jetzt nichts geſagt, weil ich den fleißigen Buben nicht von ſeinen andern Arbei⸗ ten abhalten wollte. Ach, wenn Sie wüßten, wie der ſich Mühe gibt, um es zu Etwas zu bringen, ja, wahr und wahrhaftig unſägliche Mühe, denn er hat ſich's nun einmal in den Kopf geſetzt, daß was Rechtes aus ihm werden ſoll. Drum geht er wirk⸗ lich alle drei Tage nach Bühl hinunter, wo ihm