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374 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humot.
Raucher, und alle Raucher umſchlingt eine Art ſympa⸗ thetiſches Band.
So weit war der Herr Prälat im Reinen. Was war aber die Abſicht, die den Landgeiſtlichen in die Reſidenz führte?
Der Herr Pfarrer trug unter dem Arme ein klei⸗ nes in Papier eingewickeltes Päckchen.
Das Päckchen war an der einen Ecke aufgegangen und aus der Oeffnung ſchaute der Zipfel eines ſchwar⸗ zen Frackes heraus und betrachtete ſich neugierig die Gegend.
Jetzt war dem Herrn Prälaten Alles klar. Ein armer Landpfarrer, der mit einem ſchwarzen Fracke unter dem Arme gegen Karlsruhe marſchirt, der kann keine andere Abſicht haben, als ihm dem Prälaten ſelbſt, einen Beſuch zu machen.
Das Reſultat ſeiner Beobachtungen ergötzte den Herrn Prälaten ganz ungemein, und ein gemüthliches Lächeln auf den Lippen beeilte er ſich, ſeinen Vorgänger einzuholen.
Er grüßte freundlich, und mit der ihm eigenen Leichtigkeit hatte er mit dem Fremden bald ein inter⸗ eſſantes Geſpräch angeknüpft.
Der Pfarrer war ein noch junger Mann, ein wohlwollendes und verſtändiges Geſicht, dem aber Kummer und Sorgen ihre Stempel aufgedrückt hatten. Dabei ein Mann von Charakter und Grundſätzen und geſunder Lebensanſchauung, wie Hebel bald heraus⸗ gefunden hatte, und ein Mann von tüchtigem Wiſſen, denn Hebel pochte im Laufe der Unterhaltung an ver⸗ ſchiedenen Thüren an und überall ward ihm aufge⸗ than, er berührte verſchiedene Felder der Viſſenſchaft und überall hielt ihm der Landpfarrer tüchtig Stand. Der Fremde ſelber ſchien eine große Freude zu haben an dem Geſpräche und noch eine größere an ſeinem freundlichen Begleiter.
Auf einmal blieb Hebel ſtehen und ſagte:
„Und nun, Herr Pfarrer, erlauben Sie mir eine Frage:“
„Sie wollen den Prälaten Hebel beſuchen?“
Der Pfarrer ſah überraſcht auf.
„Woher wiſſen Sie?“
Hebel lächelte.„Genug, ich weiß.“
„Und wollen ſich bei dem Prälaten um eine beſſere Pfarrei bewerben?“
„Ich bin erſtaunt,“ ſagte der Pfarrer und warf einen mißtrauiſchen Blick auf ſeinen Begleiter,„wie können Sie meine Geheimniſſe errathen?“
Hebel verſuchte ein ernſtes Geſicht zu machen und erwiederte:
„Herr Pfarrer, vor der Polizei gibt es keine Ge⸗ heimniſſe.“
„Alſo ſind Sie bei der Polizei?“ fragte der Pfarrer mit ungeheucheltem Erſtaunen. Doch Hebel, ohne über dieſen Punkt Aufklärung zu geben, examinirte in dem Tone eines Inquiſitors fort:„Kennen Sie den Prälaten?“
„Nein,“ erwiederte der Andere, und vergrößerte
unwillkürlich den Raum zwiſchen ſich und dem ver⸗
meintlichen Polizeimann,„nein, den Prälaten kenne ich nicht, aber Hebel kenne ich. Wer kennt Hebel nicht?“
Hebel zuckte die Achſeln und lächelte:„Sie meinen wegen ſeinem Kalender und ſeiner Versmacherei? Pahl fades Zeug. Hätte man ſollen von der Polizei verbieten.“
„Wie, mein Herr?“ rief der Pfarrer mit wahr⸗ haftem Entſetzen.
Doch Hebelfuhr mit unerſchütterlicher Ruhe fort:
„Welcher Gedanke, in einer Sprache zu dichten, die kein gebildeter Menſch verſteht! Und dann der Ka⸗ lender! Wie unpaſſend für einen Geiſtlichen, Spitz⸗ bubengeſchichten zu ſchreiben!“
„Mein Herr,“ rief der Pfarrer mit großer Wärme, „hier ſind mit mir noch viele Tauſende ganz anderer Anſicht. Hebel iſt ein Mann des Volkes und wird von dem Volke vergöttert. Hebel hat durch ſeine Schriften die Gemüther gehoben, die Herzen erwärmt und erfreut, und hat mehr guten Samen geſäet, als— Sie ver⸗ zeihen— die Polizei jemals... Doch, was ereifere ich mich.
„Hebel iſt ein großer, ein edler Mann!“
„Hebel iſt ein Prälat,“ rief der vermeintliche Polizeibeamte, ebenfalls in Eifer gerathend,„und zwar ein Prälat, der Kalendergeſchichten ſchreibt und welr⸗ liche Lieder dichtet, und damit iſt Alles geſagt. Man hat ihn verdorben durch die Lobhudeleien, die man ihm ims Geſicht wirft und er iſt ſtolz, eitel, er iſt..
„Halt,“ rief der Pfarrer mit glühendem Geſichte und erhobener Hand,„halt, mein Herr! Ich habe mich in Ihnen geirrt. Sie läſtern den Charakter eines braven Mannes und eines Abweſenden. Unſere Wege gehen nicht zuſammen. Gott befohlen!“ und damit wendete ſich der erzürnte Pfarrer kurz ab und bog mit ſeinem Päckchen unter dem Arme in einen Seitenweg des Hard⸗ waldes ein.
Ueber Hebels Geſicht zuckte es wie Rührung. „Ein prächtiger Trotzkopf,“ murmelte er, dann rief er dem forteilenden Pfarrer nach:
„Wenn Sie den Prälaten beſuchen wollen, kommen Sie morgen Früh vor acht Uhr!“
Der Pfarrer wendete noch einmal den Kopf, dann eilte er aus dem Bereiche des verleumderiſchen Polizei⸗ mannes zu kommen.
Am andern Morgen Schlag acht Uhr ſtand der Herr Pfarrer im ſchwarzen Fracke und weißer Halsbinde vor Hebels Thüre. Er war ſönſt ein muthiger Mann, jetzt aber pochte ſein Herz, denn der Polizeibeamte von geſtern hatte ihm über ſeinen Empfang bei Hebel doch ängſtliche Zweifel erregt. Endlich aber faßte er Muth und klopfte an.
„Herein!“ rief eine wohltönende Stimme. Dem Herrn Pfarrer wars gerade, als hätte er die Stimme ſchon gehört. Er öffnete die Thür und— blieb über⸗ raſcht auf der Schwelle ſtehen, denn in dem Zimmer ſelbſt, an einem gedeckten Frühſtücktiſche, im Schlaf⸗


