Heft 
(1861) 12 12
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370 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Die unabhängigen Tſcherkeſſen.

tereſſe verloren, ſeit Schamyl in ruſſiſche Gefan⸗

Kämpfe im Kaukaſus haben für uns an In⸗ 5 genſchaft gerathen iſt. Wie die letzten Scenen O eines Trauer

ſpiels, nachdem wir den Helden haben fallen ſehen, uns kalt laſſen, ſo betrachten wir den fortdauernden Widerſtand der Tſcher⸗ keſſen, nachdem der tapfere Führer der Tſchetſchenzen von der Bühne abgetreten iſt, als ein unintereſſantes Nachſpiel. Eine weitere Bedeutung hat dieſer Wider⸗ ſtand in der That auch nicht. Schamyl hatte als Refor⸗ mator und Wiederbeleber des Islams eine geiſtige Kraft für ſich, die ihn, wenn er auch ſchließlich unterlag, zwanzig Jahre lang aufrecht erhielt. Was die heutigen Tſcher⸗ keſſen gegen die Ruſſen in die Wagſchale werfen können, iſt nichts als die Tapferkeit roher Völker. Haben ſie ſich, wie uns mitgetheilt wird, eine Art von Verfaſſung gegeben und ſich ein kleines Heer nach europäiſcher Art eingerichtet, ſo ſind das keine Momente, die einem Feinde wie Rußland gegenüber den Ausſchlag geben können. Sie werden und müſſen unterliegen, nur das Wann iſt ungewiß.

Wenn auch nicht wegen ihres hoffnungsloſen Kampfes, doch wegen ihrer Volksthümlichkeit verdienen die Tſcherkeſſen, daß wir uns mit ihnen beſchäftigen. Sie bewohnen die Küſte von Anapa, das ziemlich an der Nordgrenze des Kaukaſus liegt, bis Gagra an der Grenze von Abchaſien. Wie weit landeinwärts ſie ihre Unabhängigkeit behauptet haben, läßt ſich nicht angeben, denn die ruſſiſche Vorpoſtenkette bildet hier die ſtets wandelbare Grenze. Wollen unſere Leſer eine Kaukaſus⸗ karte zur Hand nehmen, ſo werden ſie bemerken, daß dieſes Gebiet einen leeren Raum darſtellt. Längs den Küſten ſind einige Namen verzeichnet, alles Andere iſt weiß, d. h. mit andern Worten, dieſe Gegend iſt den Geographen unbekannt. Einen Bericht über eine Reiſe in's Land der Tſcherkeſſen gibt C. Stücker, ein ehemaliger Officier der engliſch⸗deutſchen Legion, in ſeinenSitten⸗ und Charakterbilder aus der Türkei und Cſcherkeſſien.

Wie der Verfaſſer erzählt, trat er nach der Auf⸗ löſung der Legion in türkiſche Dienſte. Er war für die neue Gensdarmerie beſtimmt, aber da aus dieſer nichts wurde, ſo war er wieder geſchäftslos und ging nach Tſcherkeſſien. Der noch nicht beſetzte Theil des Landes hatte zwei Häupter. Im Norden, alſo in der Nähe von Anapa, führte Sefer Paſcha, ein verſteckter Freund der Ruſſen, das Regiment, und der Süden gehorchte Naib Paſcha, einem Vollblut⸗Tſcherkeſſen. Stücker blieb nicht viel über ein Jahr, von 1857 bis 1858, im Gebirge. Nachdem er die von den Ruſſen verlaſſenen kleinen Küſtenfeſtungen, vier an Zahl, zum Gebrauch für die Tſcherkeſſen eingerichtet und einige Abtheilungen Fuß⸗ volk eingeübt hatte, wurde er verwundet und behielt als Nachwehen ein Fieber, von dem er in dem arztloſen Lande keine Heilung erwarten durfte, weßhalb er nach Konſtantinopel zurückging.

Die Zuſtände, die er ſchildert, haben ſich inzwiſchen

nicht geändert. Der Krieg im Kaukaſus dauert fort, und jüngſt ſollen die Ruſſen ſogar eine Niederlage er⸗ litten haben. Von Trapezunt aus wird durch Bote mit einem Segel fortwährend eine Verbindung mit den Tſcherkeſſen unterhalten. Die Eigenthümer dieſer Fahr⸗ zeuge ſind Türken, und ſie haben das Patent, unter ruſſiſcher Flagge das ſchwarze Meer, mit Ausnahme der tſcherkeſſiſchen Küſte, befahren zu dürfen. Werden ſie unterwegs von einem ruſſiſchen Patrouillenſchiff ange⸗ halten, ſo geben ſie die ſtehende Antwort, daß ſie nach Anapa ſegeln. Von dieſer ruſſiſchen und wirklich be⸗ ſetzten Feſtung aus ſtreifen täglich Patrouillenſchiffe längs der tſcherkeſſiſchen Küſte hin. Die anderen vier, nächſt Anapa gelegenen, ehemals ruſſiſchen Feſtungen (Gebiet der vier Feſtungen, von Naib Paſcha komman⸗ dirt) wurden von den Ruſſen während des Krimfeld⸗ zuges aufgegeben und ſind jetzt von den Tſcherkeſſen beſetzt. Wird demnach ein ſolches Bot nicht in der Nähe von Anapa, ſondern mehr nach der tſcherkeſſiſchen Küſte zu von dem Patrouillenſchiff angetroffen, ſo gibt es keine Entſchuldigung mehr, die Mannſchaft wird ohne Erbarmen gebunden und kann in beſonderen Fällen auf Beſuch nach Sibirien geſandt werden. Da dies Schickſal keineswegs beneidenswerth iſt, ſo⸗ ſegeln die Bote, wenn ſie ſehen, daß ſie bei Nacht die tſcher⸗ keſſiſche Küſte nicht mehr erreichen können, eiligſt zurück, um in der darauffolgenden Abenddämmerung ihr Heil zu verſuchen. Im günſtigen Falle dauert daher die Fahrt drei bis vier, bei ungünſtigem Winde acht bis zwölf Tage. Die Ladung beſteht meiſt in Kleidungsſtücken, Salz, Kaffee, Thee, Zucker, Seife u. a. und es werden dafür Mais, Weizen, Roggen, Häute u. ſ. w. einge⸗ tauſcht, denn Geld exiſtirt in Tſcherkeſſien faſt ſo viel wie nicht.

Recht anſchaulich ſchildert Stücker die Gaſtfreund⸗ ſchaft und die Lebensweiſe der Tſcherkeſſen.

In Tſcherkeſſien hat jedes Gehöft, etwa in der Mitte der Umzäunung, noch ein kleines Haus, das ſo⸗ genannte Fremdenhaus, welches von dem Reiſenden auch vielfach in Anſpruch genommen wird, denn dieſer kommt oft ſehr weit aus dem Innern des Landes, um an der Küſte ſein Getreide umzutauſchen. Bei dem höchſt geringen Grade an äußerer Kultur iſt es leicht begreiflich, daß von öffentlichen Gaſthäuſern im Lande nicht die Rede ſein kann. Da es nun dem Reiſenden unmöglich iſt, ſich für den ganzen Weg ausreichend zu verproviantiren, auch jedenfalls nicht angenehm, ſtets unter freiem Himmel zu logiren, ſo iſt er auf dieſe Gaſtfreundſchaft angewieſen, und vergilt dann im vor⸗ kommenden Falle an ſeinem eigenen Herde Gleiches mit Gleichem.

Kehrt ein Reiſender mit ſeinem Pferde bei einem ſolchen Gehöft ein, ſo erſcheint ſogleich ein Angehöriger des Beſitzers, um für das Thier zu ſorgen und es auf die Weide zu führen. Dann wird er erſt ſelbſt in das erwähnte Fremdenhaus geleitet, wo er ſich ohne weiteres nach türkiſcher Sitte auf einen Teppich niederläßt, der Dinge, die noch geſchehen ſollen, mit ruhiger Ergebenheit harrend. Jetzt kommt der Wirth, der gleich nach ſeinem