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(1861) 12 12
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362 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

kosnüſſen, Paradiesfeigen, Kürbiſſen, Fiſchen und Schild⸗ kröten erlangen konnten, herzutrugen. Leider fühlte ſich Folky's Gemüth unter dieſen

Ereigniſſen ungemein angegriffen und ſeine Kräfte nah-

men ab. Die ungeſunden Ausdünſtungen der Niede⸗ rung mochten das Ihre dazu beitragen. Hier zeigte ſich die ganze Standhaftigkeit des braunen Mädchens; ob⸗ wohl der Tochter des Häuptlings Mangel und Entbeh⸗ rung bis dahin fremd geweſen waren, ſo trug ſie doch jedes Ungemach ohne Murren, ſie ſchwieg über das Schwinden ihrer eigenen Kräfte, ja ſie war es, die den troſtloſen Geliebten aufzurichten ſich bemühte, ſie, die ihn aufheiterte und mit ihm ſcherzte, wenn er auf Augenblicke ſeines Elends vergaß, ſie, die mit ihm weinte, wenn das Uebermaß des Schmerzes Seufzer aus ſeiner Bruſt preßte.

Im Kummer über ihre Verlaſſenheit, deren Ende ſich nicht abſehen ließ, gewahrte Andreas kaum, wie ſeine Begleiterin zuſehends ſchwächer und hinfälliger wurde; erſt da ſie kaum noch im Stande war, ſich von ihrem Lager zu erheben, da öffneten ſich ſeine Augen für die mit ihr vorgegangene Veränderung, und er be⸗ gann zu begreifen, wie entſetzlich ihr Verluſt für ihn, dem ſie ihr Leben und ihr Alles zum Opfer gebracht, ſein würde. Er wagte kaum für ſie zu hoffen. Ohne Mittel, dem Uebel Einhalt zu thun, und gegen die Krankheit, an welcher die Arme litt, hat noch kein Arzt eines gefunden, mußte ſie von Tag zu Tage kraftloſer werden, und eben, da ſeit lange zum Erſtenmale wieder ein Schein von Hoffnung auf Geneſung in ihm aufzu⸗ dämmern begann, da warf ſie ſich in ſeine Arme und hauchte an ſeiner Bruſt ihren letzten Seufzer aus.

Sie verſchied im dreizehnten Monat ihres Wüſten⸗ aufenthaltes, nachdem alle Verſuche, das fliehende Leben aufzuhalten, fruchtlos geweſen waren.

War Jolky ſchon vorher trübſinnig geweſen, jetzt erfaßte ihn wilde Verzweiflung. Die aufopfernde Liebe des Mädchens, ihre kindliche Heiterkeit hatten ihn Man⸗ ches ertragen machen, was er ohne ſie vielleicht kaum ertragen haben würde. Jetzt ſah er ſich plötzlich verein⸗ ſamt und der Schmerz um ihren Verluſt drang über⸗ wältigend auf ihn ein.

Die zwei Waddahs trauerten mit ihm; ſie boten Alles auf, ihn zu tröſten, und da nichts ihn von der ge⸗ liebten Leiche fortbringen konnte, ſtanden ſie im Begriff ohne Zweifel dabei einer Sitte ihres Volkes folgend ihm den Leichnam als Mahlzeit zuzubereiten. Nur mit Mühe konnte ſie JFolky davon zurückhalten, und faſt noch ſchwerer wurde es ihm, ſie zu bewegen, die Ueberreſte der Verſtorbenen der Erde zu übergeben.

Jolkys Sehnſucht, die Wüſte zu verlaſſen und wieder unter Europäer zu kommen, regte ſich ſchon ſeit lange gewaltig, jetzt wurde ihm der Aufenthalt in die⸗ ſer Abgeſchiedenheit geradezu unerträglich. Er verließ ſeine Hütte und das Grab der Häuptlingstochter und baute mit Hilfe ſeiner zwei Gefährten eine andere in der Nähe des Meeres. Tag für Tag ließ er ſein Auge über die unbegrenzte Waſſerfläche ſtreifen, daß es faſt erblindete von dem Glanze, aber kein Fahrzeug wollte ſich ſeinem Blicke zeigen.

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Eines Morgens, als er eben trübſinnig am Mee⸗ resſtrande auf und ab ging, entdeckte er er glaubte ſeinen Augen kaum zu trauen in weiter Ferne einen ſchwarzen Punkt; er kam näher und ward größer es war eine chineſiſche Dſchonke. Seine Kniee zitterten, das Herz wollte ihm faſt brechen vor übergroßer Freude. So ſollte alſo doch ſein Verlangen, wieder unter Menſchen zu leben, nicht unerfüllt bleiben. In aller Eile wand er Piſangblätter an eine Stange und bewegte ſie in der

Luft; er war überzeugt, daß man ihn bemerken müſſe,

aber das Fahrzeug folgte gemächlich ſeinem Cours. Mit voller Bruſt begann er zu rufen, immer heftiger ſchwenkte er ſeine Stange, und ſiehe da, die Chineſen wurden end⸗ lich auf ihn aufmerkſam, er ſah wenigſtens, wie ein Bot gelöſt wurde und wie ſich dieſes, von zwei Ruderern ge⸗ führt, nach dem Geſtade zu bewegte. Da verließ ihn das Bewußtſein und er erwachte erſt wieder, da er mit den beiden Waddahs der Oſchonke zuſegelte.

Er fand nebſt ſeinen Begleitern die menſchen⸗ freundlichſte Aufnahme, die liebevollſte Pflege, und welche Freude war es ihm zu hören, daß das Fahrzeug, welches von Ternate kam, direkt nach Batavia ſteuerte. Die Vorſehung hatte ihn in ihren Schutz genom⸗ men, ſchneller und früher als er zu hoffen gewagt,- herte er ſich der Stadt, die ihm eine zweite Heimat ge⸗ worden war, und wo ſein Weib lebte, das ihn ſicher todt glaubte. Welche Gefühle bewegten ſeine Bruſt, als er Batavia, die ſchönſte Stadt der Welt, die Perle des Orients, wie ſie damals noch genannt wurde, mit ihrer Häuſermaſſe und ihren dreimalhunderttauſend Einwoh⸗ nern ſich aus dem Meere langſam erheben ſah.

Schon auf dem chineſiſchen Fahrzeuge erfuhr er, daß ſein früherer Gönner,vonder Parra, der Vorſteher der oſtindiſchen Handelsgeſellſchaft, jetzt Oberſtatthalter von Batavia geworden war. Ihm mußte ſein erſter Gang gelten. Und kaum hatte er den Fuß auf feſten Boden geſetzt, ſo eilte er auch nach dem Regierungspa⸗ laſte und warf ſich ſeinem Gönner zu Füßen. Von der Parra erkannte ſeinen ehemaligen Schützling trotz der in der Zwiſchenzeit mit ihm vorgegangenen Verände⸗ rung ſogleich wieder, und mit Thränen in den Augen hob er ihn vom Boden auf. Aufmerkſam und voller Theilnahme hörte er die Erzählung ſeiner Schickſale an. und nun erfuhr Jolky, daß in allen holländiſchen Landſchaften ihm und ſeinen Gefährten nachgeforſche worden ſei, ohne daß man etwas zuverläſſiges über ſie habe erfahren können. Auch über ſeine Familie wur⸗

den ihm tröſtliche Nachrichten mitgetheilt, und er ver⸗

ließ endlich den Palaſt des Statthalters mit der erfreu⸗ lichen Zuſicherung, daß er für ſeine Mühſeligkeiten ent⸗ ſchädigt werden ſolle.

Ohne Verzug wendete ſich Andreas nunmehr dem Hauſe ſeines Schwiegervaters zu und umarmte mit dem

Entzücken des Wiederſehens nach langer Trennung ſeine Gattin und die kleine Tochter, die ſie ihm nach ſeiner

Abreiſe geboren. Sie Alle hatten ſchon ſeit lange die Hoffnung aufgegeben, ihn je zurückkehren zu ſehen, und ihn als todt beweint. 4

Das Unglück ſchien endlich müde geworden zu