Emil Dietze: Ein Abenteurer wider Willen. 361
Beſatzung eines kleinen abgelegenen Forts verſtoßen ſah, und einen Auftrag erhielt, der ſein Leben neuen Mühſeligkeiten, neuen Gefahren ausſetzte.
Die Holländer hatten nämlich mit dem König von Condy einen Vertrag abgeſchloſſen, demzufolge nur an ſie allein die einzig auf dieſer Inſel erzeugten Gewürz⸗ nelken verkauft werden durften, nur wurden leider ſolche Maſſen davon erzeugt, daß man ſich wieder dahin einigte, daß alle überflüſſigen Bäume, gegen eine Ent⸗ ſchädigung von zwölf Gulden für den Stamm, ausge⸗ rodet werden ſollten. Die Vollziehung dieſes Vertrages zu überwachen, wurden vierundzwanzig Holländer und hundert vierzig Cingaleſen abgeordnet.
Von da an gab es für Jolky kein anderes Ob⸗ dach als die Bäume des Waldes und kein anderes Bett als den Raſen am Lagerfeuer, keine andere Nahrung als Reis.
Woche nach Woche durchzogen ſie unter der Lei⸗ tung von Eingebornen die Wildniſſe; die Elephanten, die hier hauſten, beunruhigten ſie kaum, und wenn ſie nach ihnen ſchoſſen, flohen ſie. Der Trupp war ſchon ein gutes Stück vorgerückt, als ſie ſich plötzlich auf allen Seiten umſtellt und angegriffen ſahen. Mit Schrecken erkannten ſie, daß ſie in Folge der Sorgloſigkeit ihrer Führer in das Gebiet des den Holländern feindlich ge⸗ ſinnten Waddahkönigs gerathen waren. Die leichtſüßi⸗ gen Cingaleſen, mit der Gefahr, die ihnen hier drohte, bekannt, ſuchten und fanden zum großen Theil ihr Heil in der Flucht, während die langſameren Holländer bis auf neun niedergemetzelt wurden. Die mit dem Tode Verſchonten, unter denen ſich Jolky befand, wurden gebunden und nach einem der Waddahdörfer geſchafft, um dort unter die vornehmſten Familienhäupter— das heißt an die beſten Jäger— vertheilt und von dieſen in käfigähnlichen Kerkern eingeſperrt zu werden.
Die Waddahs, ein rohes Volk, ohne andere Wohn⸗ ſtätten als Berghöhlen, ohne eine andere Beſchäftigung als die Jagd, waren für die Holländer, die ſie ſtets fruchtlos angegriffen und zu unterjochen geſucht hatten, die hartnäckigſten und erbittertſten Feinde. Darum konnten die armen Gefangenen auch nur das Schlimmſte für ſich von ihnen erwarten, und nach den Zurüſtun⸗ gen und Freudenausbrüchen ſeiner Gewalth erren ſah Jolky nicht allein einem ſichern, ſondern auch einem cfualvollen Tode entgegen. Er ſuchte ſich in ſeiner Ein⸗ ſamkeit damit vertraut zu machen; wie ſollte das jedoch feinem jungen lebensluſtigen Manne möglich ſein. Er war ſchon in ſo mancher Lage geweſen, aus welcher ſich ihm kein Ausgang gezeigt, und doch hatte ihn der Herr daraus zu leiten gewußt; darum ließ er auch jetzt die Hoffnung auf Rettung nicht fahren, wenn er auch trotz alles Nachdenkens keine Wahrſcheinlichkeit vor Augen ſah, daß ſich ihm ein Ausweg zeigen werde.
Eines Nachmittags, als es bereits dämmerte, ſah
r vor ſeinem Kerker ein junges Mädchen auf und ab
zandeln, das zum öftern ſtehen blieb und verſtohlen nach
im hinblickte. Langſam, und wie es Jolky vorkam, heu, als fürchte ſie beobachtet zu werden, näherte ſie Dh ihm. In ihrem jugendlichen Geſicht drückte ſich en ſo viel Theilnahme als Neugier aus, Andreaszwei⸗ Erinnerungen. LXXXII. 1861.
felte nicht, daß ihr ſein trauriges Los nahe ging, denn als ſie ſich ihm bis auf wenige Schritte genähert hatte, gab ſie ihm durch Zeichen zu verſtehen, daß er in Stücke zerhauen und gebraten werden ſolle.
Das war eine ſchlimme Ausſicht. Eine ſo grau⸗ ſame Todesart hatte unſer armer Gefangener nicht er⸗ wartet. Fußfällig flehte er die höchſtens ſechzehnjährige Schöne an, ihm ein ſolches Schickſal zu erſparen. Der liebevolle Geſichtsausdruck des Kindes flößte ihm Hoff⸗ nung ein, und wirklich verſprach ſie, ihn zu retten, aber nicht bedingungslos. Der Gefangene erkannte, daß ſie ihn liebe und daß er ihre Neigung erwiedern ſolle.
Wer wird ihn darum tadeln, daß er ihr ewige Liebe und Dankbarkeit zuſchwor?
Neun Tage vergingen, für Jolky in der peinlich⸗ ſten Ungewißheit. Das Mädchen ließ ſich nicht wieder blicken; er wußte nun, daß er vom Leben Abſchied neh⸗ men müſſe. Schlummerlos lag er auf der kalten Erde, als ſich plötzlich die Thür ſeines Kerkers öffnete. Schon glaubte er, daß ihn ſeine Henker zum Feuertode abho⸗ len wollten; allein ſtatt ihrer zeigte ſich die Schwarze, be⸗ gleitet von zwei Dienern. In dieſem Augenblicke er⸗ ſchien ihm das Leben im roſigſten Lichte. Seine Bande wurden gelöſt, er ſtand auf und das Mädchen nahm ihn ſchweigend bei der Hand und führte ihn lautlos fort.
Ueber rauhe Felſen und durch dichte Wälder führte ſie ihr Weg nach einem Fluſſe, auf welchem ein Kanoe bereit lag, groß genug für Vier. Hier warf ſich ihm das Mädchen in die Arme. Unter den kräftigen Ruderſchlä⸗ gen der beiden Waddahs trieb das kleine Fahrzeug raſch vorwärts. Als ſich am Himmel die erſten Spuren des anbrechenden Morgens zeigten, lag das Meer vor den Flüchtigen; zu beiden Seiten war das Land mit Süm⸗ pfen bedeckt; in einen derſelben lenkten ſie ein und er⸗ reichten endlich ein ſeichtes Waſſer, welches JFolky und die Schwarze durchwateten, während die beiden Diener das Kanoe zogen und hinter ſich das niedergebeugte Rohr aufrichteten, um ihre Spuren zu vertilgen.
Nach einer eben ſo langen als beſchwerlichen Wanderung, bald durch kaum zu durchdringende Wälder, bald durch faſt grundloſe Sümpfe, gelangten ſie endlich in eine einer Wüſte ähnliche Gegend. Hier ließ ſich Jolky mit dem Waddahmädchen und den beiden Dienern nieder, hier wollten ſie ihren Wohnplatz auf⸗ ſchlagen, denn bis hierher würden nur ſchwer ihre Verfolger vordringen, hier, in einer ſo ſumpfigen, unwohnlichen Gegend würden ſie die Flüchtlinge kaum vermuthen. Und ſie täuſchten ſich nicht, ſie blieben in der That un⸗ beläſtigt. Kein menſchliches Weſen drang in dieſe Ein⸗ öde, die vielleicht noch nie zuvor von eines Menſchen Fuß betreten worden war.
Und hier lebten die vier Perſonen länger als ein Jahr, abgeſchnitten von aller menſchlichen Geſellſchaft und im ſteten Kampfe mit unglaublichen Drangſalen. Eine kleine Hütte von Strauchwerk, die eben nur vor den Sonnenſtrahlen ſchützte, war ihre Wohnung, die bei⸗ den Waddahs, die Gefährten ihrer Flucht, ihre treuen Diener, die ſich faſt ausſchließlich damit beſchäftigten, ſie mit Nahrung zu verſorgen und Alles, was ſie an Ko⸗
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