Heft 
(1861) 12 12
Seite
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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Sage mir, begann Theodor,was hat Dich und meinen Vater bewogen, Hedwig als Tochter auf⸗ zunehmen?

Das iſt nicht mit einem Worte geſagt, mein Sohn, verſetzte Frau von Krüden durch dieſen Ein⸗ gang nicht wenig beunruhigt;Du weißt, daß wir vor jetzt bald drei Jahren eine Reiſe nach Frankfurt am Main unternahmen, weil Papa dort Verwandte beſuchen wollte. Wir brachten den Sommer dort zu, und gingen dann über die Höhe nach Homburg, um dem bunten Treiben dort etwas freilich aus der Ferne zuzuſehen, denn Du weißt, daß Dein Vater nie eine Sympathie für die gefährlichen grünen Tiſche beſaß. Aber er beſieht ſich alles gerne und hoffte überdies einen alten Kameraden dort zu finden. Ich meinerſeits ergötzte mich an der herrlichen Gegend und an dem Gedanken an die Heimkehr. Vom erſten Tage unſerer Ankunft war uns Beiden ein Paar aufgefallen, das uns bald auch inter⸗ eſſiren mußte. Es war ein alter, martialiſch ausſehender, aber offenbar von üblen Leidenſchaften vor der Zeit zum Greis gemachter Mann, mit Spuren von ehemaliger Eleganz, an ſeiner Seite ein kaum ſiebzehn Jahre altes, wunderſchönes Mädchen, das ſtets ſehr reich gekleidet ging, aber höchſt traurig ausſah und von der Männer⸗ welt nur aus der Ferne mit zweideutigen Geberden be⸗ trachtet wurde.

Frau von Krüden unterbrach ſich, denn ſie be⸗ merkte, daß Theodor ſich den Schweiß von ſeiner bleichen Stirne wiſchte und gepreßt athmete.

Du biſt nicht ſtark genug, mich anzuhören, ſagte ſie.

O ja doch. Ich bitte Dich, Mama, ſprich!

Nun denn! Dieſes junge Mädchen war ſo ſchön, ſo kindlich und ſchien ſo unglücklich, daß wir Beide ſie zum Gegenſtande unſerer Aufmerkſamkeit machten. Dein Vater zog Erkundigung ein aber was er erfuhr, dämpfte einigermaßen das ſympathiſche Gefühl für dieſes junge Geſchöpf. Der Alte, ihr Vater ſagte man, ſtehe im Verdacht, ein falſcher Spieler von Gewerbe zu ſein. Jede Nacht treibe er ſeinen Betrug am grünen Tiſch bis zum Morgen, und das Geld, das er ſo gewinne, bringe er ſeiner Tochter, um ſie glänzend kleiden zu können und ſo mit ihrem beſtechenden Aeußern die ab⸗ ſcheulichſten Pläne zu fördern.

Entſetzlich! ſtöhnte Theodor leiſe.

Ich, fuhr Frauvon Krüden fort,nahm mich des armen Mädchens inſoweit an, daß ich ihre Mit⸗ wiſſenſchaft bei den Laſtern ihres Vaters beſtritt und ſogar überzeugt war, ſie laſſe ſich mit Zwang von dem Alten in ſo auffallend reicher Toilette umherſchleppen.

Du biſt immer ein Engel der Güte geweſen, ſprach Theodor, die Hand ſeiner Mutter mit ſeinen heißen Lippen berührend.

Ich habe nicht erwähnt, fuhr die Generalin fort, daß das eigenthümliche Paar im Hauſe neben uns wohnte; daß ich das junge Mädchen oft ſah, und ſie, vielleicht in meinem Auge meine Gedanken leſend, endlich einen ſchüchternen Gruß, dann ein leiſes Wort wagte

und ſo eine Art Rapport zwiſchen uns beſtand. Sie

dauerte mich und Deinen Vater tief denn ſchon hörten wir, daß die Polizei auf den Alten ihr Augenmerk richte und er demnächſt gebrandmarkt werden ſollte, ſobald man ihn mit Beweiſen überführen könne. Da wurden wir plötzlich eines Morgens um drei Uhr durch einen furchtbaren Knall erweckt, und ehe wir erfahren konnten, was es ſei, ſtürzte das junge Mädchen bleich wie der Tod, im Nachtgewand, Entſetzen im Blick, in mein Zimmer, zu dem ſie ſich gewaltſam durch die Diener⸗ ſchaft Bahn gebrochen, und warf ſich ſchluchzend, halb ohnmächtig zu meinen Füßen. Ihr Vater hatte ſich ſoeben erſchoſſen!

O mein Gott! ſagte Theodor leiſe;arme Hedwigl!

Ja, arme Hedwigl! wiederholte Frau von Krüden weich.Sie war außer ſich. Gnädige Frau! rief ſie mit dem Muthe der Verzweiflung; erbarmen Sie ſich meiner Jugend, meiner Verlaſſenheit! Ich ſtehe allein in der Welt; retten Sie mich vor dem Geſetze, das vielleicht in der Tochter des falſchen Spielers, des Selbſtmörders, ohne Erbarmen ein verworfenes Geſchöpf ſehen wird. Ich ſchwöre es bei dem Heiland, daß ich rein bin von den Fehlern meines unſeligen Vaters.

Rein mußte ſie ſein, ſagte Theodor mit einer Art ſchwärmeriſcher Begeiſterung;denn ſonſt müßte Gott ſelbſt die Lüge ſchaffen.

Die Situation des Augenblicks war kritiſch, fuhr Frau von Krüden fort.Dein Vater aber, Dank ſei es ſeinem edlen, biedern Herzen, wählte den rechten Weg. Er gewährte dem armen Mädchen ein Aſyl und verſtändigte den Chef der Behörde davon en secret. Die Summen, welche der Unglückliche zuletzt an ſich geriſſen und noch manche andere fanden ſich vor; Hedwig gab ihre ganze reiche Garderobe und ihren Schmuck preis, um rein von unrechtem Gut zu ſein und dann gehörte ſie uns! Dir die Dankbarkeit, die zarte Liebe, die grenzenloſe Anhänglichkeit Hedw igs zu ſchildern, bin ich nicht im Stande. Sie gewann unſere Herzen ſo ganz, daß, als Al exander beſchloß, ihr ſeine Hand zu reichen, Dein Vater ohne Bedenken wegen der Vergangenheit ſeine Einwilligung gab, wie ich ſelbſt.

Frau von Krüden ſchwieg eine Weile; dann ſagte ſie zu dem wie in einer fernen Erinnerung ver⸗ lorenen Theodor:

Jetzt⸗ſprich Du, mein Sohn; wenn Du Dich ſtark genug fühlſt.

Ich, begann Theodor mit dem leiſen, ge⸗ brochenen Tone, der ihm jetzt eigen war,machte dieſelbe Reiſe zwei Monate früher, als Ihr. Auch ich ſah täglich dasſelbe Paar auf den öffentlichen Promenaden aber mit welch anderen Gefühlen! Ich, der bisher kalt an dem weiblichen Geſchlecht vorübergegangen war, fühlte beim Anblick dieſes jungen Mädchens mein Geſchick ent⸗ ſchieden. Ich ſah ſie jeden Tag, ich folgte ihr von Weitem, ich betete ſie an; wie man ein Heiligenbild betrachtet, ſo ſchaute ich zu ihr auf aber nur aus der Ferne, ohne von ihr geſehen zu ſein.

Du näherteſt Dich ihr nie? fragte die Generalin.