Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
aus. Trotzig lehnte er an einem Baume und beobach: Abend noch war er hier geweſen, um nach ſeines Bru⸗
tete die Bewegungen der Sekundanten. Theodor von Krüden ſtand allein. Sein Geſicht war unge⸗ wöhnlich gefärbt, ſein Athem ging raſch und ungleich. Der muthige Ausdruck des Auges aber und die edle, ruhige Haltung, fern von erzwungener Gleichgiltigkeit oder hinaufgeſchraubtem oſtenſiblen Muth, bewies, daß ſeine innere Aufregung gewiß keiner moraliſchen Zag⸗ haftigkeit angehören konnte.
Die Diſtanz war abgemeſſen; die Waffen bereit.
Der Form gemäß verſuchte der Hauptmaun von S... und der Doktor noch einmal von einer gütlichen Verſtändigung zu ſprechen. Aber Schildenburg that, als hörte er das gar nicht und Theodor ſagte kurz:„Bemühen Sie ſich nicht, meine Herren. Wo beide Theile ſich für beleidigt halten, kann von einer ſolchen Ausgleichung keine Rede ſein.“
Die beiden Gegner nahmen ihre Stellung. Eine Sekunde peinlicher Stille und auf den Ruf„Drei“ fie⸗ len die zwei Schüſſe mit ſtaunenswerther Präciſion. Schildenburg ſtand unverſehrt— Theodorhatte in die Luft gefeuert!
„Das iſt eine ſehr unzeitige Großmuth,“ rief er heftig, aber im ſelben Augenblick ſah er Theodor wanken und von den Armen des Doktors kaum aufge⸗ fangen zuſammenbrechen. Ein ſtarker Blutſtrom färbte den fahlen Raſen. Beſtürzt und mit einem Male ernüch⸗ tert eilte Schildenburg auf den Blutenden zu.
„Wo iſt er verwundet,“ fragte er angſtvoll den ſich niederbeugenden Doktor;„iſt's gefährlich?“
„Die Wunde, die Sie ihm beigebracht haben, können Sie verantworten,“ ſagte der Arzt;„ſie iſt in der Schulter und nur ganz leicht— aber da ſieht es borſten.“
Auf einen ſolchen Fall nicht gefaßt, fühlte ſich der Arzt ſelbſt faſt rathlos. Theodor glich einer Leiche. Mit aller Vorſicht hob man ihn in den Wagen und der Doktor ſetzte ſich zu ihm, ihn ſorgfältig ſtützend.
„Eilen Sie,“ ſagte er raſch zu Schildenburg; „verlaſſen Sie den Platz, ehe die Schüſſe Jemand her⸗ beilocken können. Die Sache bleibt unter uns Vieren, meine Herren.“
Der Wagen fuhr ab und Schildenburg ſtand wie betäubt. Mechaniſch fühlte er, daß der Doktor ihm ein Billet in die Hand gedrückt habe. Er ſah es an und erblickte die Unterſchrift Theodors. Auf'’s Höchſte ge⸗ ſpannt und mit ſteigender Rührung las er:
„Ich hatte eine Uebereilung gut zu machen und mache ſie gut. Ich erkläre, daß Sie die Wahrheit ge⸗ ſprochen haben und hoffe von Ihrer Ehre als Kavalier nur— ein unverbrüchliches Stillſchweigen darüber!
Theodor.“
Schweigend faltete Schildenburg das Blatt zuſammen und fuhr gedankenvoll mit ſeinen Freunden der Stadt zu.
Kaum zehn Minuten, nachdem Theodor ſich mit
dem Arzte zu dem Rendez-vous begeben hatte, war
ders Befinden zu forſchen, da ihn ſeine plötzliche Ent⸗ fernung aus dem Salon befremdet und das Gerücht ſeines Uebelbefindens beunruhigt hatte— aber der Diener ſagte, ſein Herr ſchlafe ſchon und dürfe durchaus nicht geſtört werden. Am Morgen nun eilte Alexan⸗ der abermals an ſeines Bruders Thür und ſollte ſich wieder abweiſen laſſen. Die unverkennbare Armen⸗ ſündermiene des Dieners erſchreckte ihn.„Was iſt's, Burſche?“ fragte er barſch;„Du haſt etwas auf dem Gewiſſen, das ſehe ich. Warum ſoll ich geſtern und heute vergeblich hier ſtehen? Iſt Dein Herr krank?“
Der arme Burſche wußte nicht, was er beginnen ſolle. Er ſtammelte, verwirrte ſich, widerſprach ſich und brach endlich nur in den Ruf aus:„Ach Gott, Herr Gott!l ich glaube, s iſt was recht Ernſthaftes los.“
„Schwachkopf!“ ſagte Alexander, von Aerger und Unruhe übermannt;„rede die Wahrheit, ſonſt richteſt Du mit Deiner Zaghaftigkeit ein Unglück an.“
Das wirkte. Verworren und abgebrochen erzählte der Burſche, daß der Baron die ganze Nacht geſchrieben habe, dann lange wie verſteint geſeſſen ſei, dann zwei Officiere empfangen und endlich um den Doktor A... geſchickt habe, mit dem er zuletzt fortgegangen ſei.“
„Mein Gott!“ rief Alexander, dem jetzt die ganze Wahrheit vor Augen ſtand;„wer ſagt mir, wo ich ihn zu ſuchen habe? Ein Quell! Er, der ſo iſolirt lebt!“.
Wie er noch in verzweifelter Unruhe auf und ab⸗ gehend vergebens den Grund dieſes unſeligen Vorgan⸗ ges zu errathen ſtrebte und mit ſich nicht einig werden konnte, wo er zuerſt Nachforſchungen beginnen ſollte, ſtürmte ein Mann mit eiligen Schritten die Treppe herauf.„Kommt nur ſchnell herunter,“ rief er mit ge⸗ dämpfter Stimme dem Diener zu.„Helft uns, ihn her⸗ aufbringen.“
Alexander erbleichte und ſtürzte auf den Un⸗ glücksboten los, deſſen Hiobspoſt er nur zu gut ver⸗ ſtand.
An der Hinterpforte des großen Hauſes, das die Präſidentin bewohnte, hielt der Wagen. Der alte Haus⸗ hofmeiſter Günther, der das Thor geöffnet, ſtand da, zitternd und verwirrt hin und her trippelnd; ſeine Kraft hätte nicht ausgereicht, dem ſchon peinlich unge⸗ duldigen Arzte zu helfen.
„Gott ſei gelobt, Herr Major, daß Sie kommen,“ ſagte der Doktor A... zu dem geiſterbleich auf ſeinen leichenähnlichen Bruder ſtarrenden Alexander;„es iſt die höchſte Zeit, daß ich den Baron an Ort und Stelle bekomme, ſonſt ſtehe ich für nichts.“
Schweigehd leiſtete Alexander den möglichſten
Beiſtand, alle Aufklärungen verſchiebend, ſo ſehr er⸗
darnach brannte. Theodor wurde auf ſein Bett ge⸗ legt und jetzt erſt gab Doktor A..., während er die erſten Hilfsmittel anwandte, dem troſtloſen Alepan⸗ der Beſcheid. Zugleich forderte aber auch er einen ſolchen.
„Dieſer gewaltſame Blutſturz,“ ſagte er nach
Alexander in ſeiner Wohnung erſchienen. Spät am ſorgfältiger Unterſuchung,„muß eine frühere Urſache


