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328 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
doch in den Kinderjahren eine Art verwandtſchaftlicher Zuneigung verknüpft hatte. Mit unbegreiflicher Kon⸗ ſequenz weigerte er ſich zwei Jahre hindurch, das Haus ſeiner Eltern wieder zu betreten. So kam es, daß er das junge Mädchen, das dort ein Aſyl gefunden, nicht kannte, nichts von ihr wußte, als daß ſie jung, ſchön, dankbar und gut, ſeinen Eltern bereits unentbehrlich, ſeinem Bruder theuer geworden war. Dann kam die Nachricht, Alexander habe ſie als Braut erwählt. Ein lauer Glückwünſch war ſeine Antwort und zugleich die Entſchuldigung, daß Geſchäfte ihn abhielten, der Trauung beizuwohnen. Auch jetzt noch fragte er nicht nach dem Namen der jungen Braut.
Aber nun ſah er ſie!— und eine neue Verände⸗ rung ging mit ihm vor. Weßhalb?
Wie war es möglich, daß die lichte, anmuthsvolle Erſcheinung Hedwigs ihn zurückbeben machen konnte? —— Vo Hedwig ſich zeigte, erregte ihre Schönheit Bewunderung, aber überwogen wurde dieſe durch das Intereſſe an ihrer Vergangenheit.
Im Hauſe der Präſidentin von Brühl erſchien ſie zum erſtenmale im größeren Cirkel. Es war auch eine der erſten Abendgeſellſchaften in der angehenden Winterſaiſon. Die Salons ſtrahlten von Licht und Ele⸗ ganz, wogten von Menſchen. Intereſſante Männerge⸗ ſtalten, in allen Alters⸗ und Rangsſtufen vertreten, rei⸗ zende Frauenerſcheinungen ſtritten ſich hier um den Vorzug. Die Präſidentin verſtand es, ſich mit allen Feinheiten des Luxus zu umgeben und dabei den An⸗ ſchein zwangsloſer Einfachheit zu bewahren. Nichts er⸗
ſchien hier ſchwerfällig, pretentiös oder geſucht.
Wir verſetzen uns geradezu in das lebhafte Ge⸗ wühl dieſes Abends und ſuchen dort bekannte Geſtalten neben neuen, die wir erſt kennen lernen ſollen.
Dieſes hochragende, ſchlanke, von geiſtiger Be⸗ deutſamkeit überſtrahlte junge Mächen iſt Martha von Brühl. Man lieſt es in ihrem unergründlich tiefen braunen Auge, auf der klaren Stirn, daß dieſer ſo lange geſchloſſene, anmuthige Mund nichts von den gewöhnlichen Alltagsphraſen des Salons ausſprechen kann; Martha ſchweigt viel, in jener Bedeut⸗ ſamkeit des Gedankens, die ſich mit einem ſcharfen Beobachtungsvermögen und edler Schonung für die Schwächen Anderer paart.
In dieſem Augenblick aber ſprach ſie und belebte ſich in anmuthiger Weiſe in der Unterhaltung mit Hedwig.
Die junge Frau fühlte ſich hingezogen zu dieſem Mädchen, das durchaus keine ihr homogene Natur, doch einen gewiſſen Zauber auf ſie ausübte. Martha's Charakter war ſpiegelhell, feſt, ſicher; getragen durch
einen ſtarken Willen, geſtählt durch eine andauernde Hoffnungsloſigkeit des Herzens. Sie richtete ſich an ihrer Liebe zu Theodor empor und trug ſie ſtill wie
Heo ein Heiligthum in ſich— Hed wig mit ihren unklaren, ruhe mrworren ſich kreuzenden Gefühlen erlag faſt im Kampfe gehen ſchmerer Leidenſchaft, der ſie nichts entgegen zu ſetzen gierde, was enthaälende Selbſtvorthürfe.
tle Auge Marthas ſchweifte langſam
über die Geſellſchaft hin, wie erwartend, ſuchend. Hed⸗ wigs Blicke waren häufig an den Boden gebannt, aber ihr Ohr lauſchte um ſo angeſtrengter auf jeden Schritt, jedes Wort, jedes kleine Geräuſch. Unruhig wogte das Blut in ihren Adern. Da plötzlich übergießt ſich ihre Stirn und ihre Wangen mit heißer Röthe, während Martha ihren Pulſen gebietet, und nur ein blaſſer Schimmer auf ihrem ſchönen Geſichte kommt und geht wie ein Hauch. Theodor von Krüden iſt ſoeben in den Salon getreten! Sein Erſcheinen in die⸗ ſem Kreiſe iſt ſo ſelten, daß es auch eine ungewöhnliche Senſation hervorruft.
„Prinz Dſchalma,“ flüſtert es leiſe hie und da, denn die von Theodor zurückgeſetzte Damenwelt hatte ſich dadurch an ihm gerächt, daß ſie ihm um ſeiner eigenthümlichen Geſichtsfarbe Willen den Namen des indiſchen Prinzen gab.
„Prinz Oſchalma im großen Abendeirkel? Das muß etwas Beſonderes zu bedeuten haben.“
„O ganz und gar nicht,“ warf eine andere Stimme ein;„er kann. doch jetzt nicht den Einſiedler ſpielen, wo ſeine Familie überall zu erſcheinen und offenes Haus zu machen Willens iſt. Aber wie verändert er iſt!“
„Allerdings. Er ſieht nicht mehr blos melancho⸗ liſch, ſondern krank aus.“
„Ah da iſt ſein Bruder. Haben Sie ſeine ſchöne junge Frau ſchon geſehen? Dort iſt ſie an Fräulein von Brühls Seite. Zwei herrliche Gegenſätze.“
„Unſere ſchöne Adrienne ſucht ihren Prinzen Dſchalma mit flehenden Augen.“
„Welch ein lahmer Vergleich! Fräulein von Brühl hat rabenſchwarzes Haar l“
„Ja; aber ſie iſt ſo ſchlank und ſchön we Jdie echte Adrienne und ich glaube, auch ſo verlieb⸗ein ihren Hindu, wie jene.“
„Still, ſtill. Das iſt zu viel geſagt.“
Während zwei Gäſte ſich dieſe mediſanten Bemer⸗ kungen zuwarfen, hatte ſich die Scene geändert. Theo⸗ dor von Krüden kam feſten Schrittes auf Martha und Hedwig zu und begrüßte Beide mit einer cere⸗ moniöſen Verbeugung. Sein Geſicht hatte den un⸗ durchdringlichen Ausdruck, der alle innere Gluth be⸗ deckt; die Haltung zeigte von vollkommener Ruhe und Sicherheit. Nur der Schatten, der ſein Auge verſchleierte, und die intenſive Bläſſe auf ſeinen Wangen verriethen etwas von der Unechtheit dieſer Ruhe. Im ſelben Augenblicke, als er den jungen Damen näher trat, kam Alexander am Arm eines großen nobel ausſehenden Officiers und ſagte:„Hedwig, mein Freund und früherer Waffenbruder, Hauptmann von Schilden⸗ burg wünſcht Dir vorgeſtellt zu werden.“
Der Officier verneigte ſich ſehr tief und zeigte
eine gewiſſe Ueberraſchung beim Anblick der jungen Frau, ſo daß ihn für einen Moment ſeine konverſatio⸗ nelle Gewandtheit verließ. Indeß fand er ſie au fait. 89- Ein„brillanter“ Geſellſchafter, wie die W, A gerne ausdrückt, konnte Schildenburg mitch genannt werden. Er bemächtigte ſich der Konvon


