Heft 
(1861) 11 11
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Vögelchen; wir ſind das Publikum, und an gebühren⸗ dem Applaus ſoll es nicht fehlen.

Hedwig ging mit brennenden Wangen zum Piano und wählte Schuberts herrlicheUngeduld. Anfangs zitternd, dann ſicherer und kräftiger werdend, kam dem Vortrage des Liedes gerade dieſe Steigerung zum Vortheil; der RefrainDein iſt mein Herz und ſoll es ewig bleiben wurde dadurch ſo wirkſam, daß Alexander laut Beifall klatſchte und die erregte Sängerin entzückt in die Arme ſchloß.Mein ſoll es ewig bleiben, flüſterte er ihr zärtlich zu. Und Theo⸗ dor? Er lag unbeweglich auf dem Sopha und ſpielte blos mechaniſch mit den Franſen des Liſchteppichs; dabei ſah er geiſterhaft bleich aus.

Was träumſt Du? Ich glaube, Du haſt gar nichts gehört! rief Alexander ihn ſchüttelnd.

Nicht gehört! Es iſt ein Klang in dieſem Liede, der alle Fibern durchdringt.

Und das macht Dich ſo blaß? Wie ſentimental Du ſein kannſt, mon cher frère!

Der Geſang regt ſtets meine Nerven auf, und doch höre ich ihn nur um ſo lieber.

Nun ſo will ich Sie jetzt mit einem heiteren Liede verſöhnen, das heißt, heiter in Ihrem Sinne, ſagte Hedwig;dieUngeduld' gehört ſonſt nicht zu den traurigen Weiſen.

Fetzt wählte Hedwig das friſche, reizende Sonn⸗ tagslied von Mendelsſohn. Als es verklungen war, war⸗ tete ſie vergebens, ein Wort der Anerkennung, nur der banalen Artigkeit von Theodor zu hören. Er ſchwieg. Er wünſchte auch offenbar, kein weiteres Lied zu hören. Erſt nach einer geraumen Zeit kam er wieder zu ſich und nahm am Geſpräche Theil.

Solche Scenen wiederholten ſich oft. Hedwigs Unruhe ſtieg und ſchlug endlich auch auf Alexan⸗ ders lange ahnungsloſes Weſen zurück. Er fing an, ſeinen Bruder ſchärfer zu beobachten, vielleicht zu ſcharf, um unparteiiſch ſein zu können. Der geſchäftige Zufall trug ihm auch bald Material zu, um den Bau eines unſeligen Verdachtes wachſen zu machen.

Eines Morgens war er abgehalten, mit Theo⸗ dor auszugehen, denn er hatte Geſchäfte mit dem Ver⸗ walter. Theodor ging allein, anſcheinend auf die Jagd, wie ſo oft früher. Hedwig wußte das und hoffte ſo die Freiheit zu einem lange entbehrten Gange nach dem Burgſtein zu gewinnen.

Langſam näherte ſie ſich dem in ſeinen Mooſen und Epheu noch friſchgrünen, von herbſtlichem Krän⸗ keln verſchonten Steinſitze, als ſie plötzlich ſtutzend ſtehen blieb. Ihr Platz war ſchon beſetzt Theodor ſaß dort, den Kopf tief in die Hände geneigt, die Büchſe neben ſich lehnen, Tartar ruhig und wachſam zu ſeinen Füßen. Aber mit einem Male ſprang der Hund laut bellend und freudig wedelnd auf und lief ſeiner Herrin entgegen. 3

Hedwig ſtand ſtill, unſchlüſſig, ob ſie gehen oder bleiben ſollte. Theodor fuhr bei dem Bellen des

Hundes auf, und ſie hier erblickend, wurde er von einer tiefen Röthe übergoſſen.

Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Hat heute Sankt Hubertus keine Huld für Sie gehabt? fragte Hedwig ſchüchtern, ohne näher zu treten.

Ich habe ihn noch gar nicht angerufen, ent⸗ gegnete Theodorſchon gefaßt;ich fühlte mich un⸗ aufgelegt zur Tagd und dachte nicht, daß Sie heute dieſen Platz aufſuchen würden.

Wenn Sie es gedacht hätten, wären Sie ge⸗ flohen! warf Hedwig mit leiſer Bitterkeit ein.Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie mich vermeiden?

Nichts, nichts, Hedwig! ſagte er, indem er ſie zum erſtenmale bei ihrem Namen nannte;aber ich bitte Sie, laſſen Sie mich meinen Weg gehen. Er kann nie der Ihre ſein. Ihr heiterer, unbefangener Sinn, Ihr frohes Herz paßt nicht zu meinem ſchwerfälligen Temperament. Es iſt am Beſten ſo, wie es iſt.

Ich glaube, es iſt nicht gut ſo, ſagte Hedwig leiſe mit niedergeſchlagenen Augen;Sie haben mich unſicher und zweifelſüchtig gemacht, Theodor. Ich weiß nicht mehr, ob Sie ſich bei uns wohl fühlen, und ich hätte doch ſo gerne dazu beigetragen! Unſer Zu⸗ ſammenleben iſt nicht ſo zwanglos, als es ſein könnte, und das kränkt mich

Sie ſtockte, offenbar erſchreckt über ihre eigenen Worte. Noch ſtand ſie vor ihm, der ſich gleichfalls er⸗ hoben hatte und ſie mit tiefer Erreguug betrachtete. Seine Bruſt hob ſich krampfhaft, ſein hellgraues Auge ſprühte und in jähem Farbenwechſel trieb auf ſeiner Wange das toſende Blut Welle um Welle.

Wenn meine Nähe Sie bedrückt und verwirrt, Hedwig, ſagte er nach einem kurzen Schweigen, ſo will ich gehen. Sie haben Recht, unſer Zuſammen⸗ leben könnte anders ſein, aber Sie wiſſen nicht und ſollen nie ahnen, worin der Grund liegt. Ich danke Ihnen für Ihre Aufrichtigkeit.

O nein, nein! rief Hedwig mit plötzlicher Heſtigkeit;bleiben Sie, Theodorl Die Welt würde Ihrer Entfernung eine falſche Deutung geben ſie gliche ja einer Flucht! Und Alexander, der zum Glück nur wenig von den Diſſonanzen ahnt, die ſich für Sie in unſerem ſonſt ſo harmloſen Leben fanden, er würde mit Recht fragen, was Sie von ſeinem Hauſe forttreibt.

Sie widerſprechen ſich ſelbſt, Hedwig. Sie werfen mir vor, Sie verwirrt und gekränkt zu haben, Sie beſchuldigen mich, daß ich Sie fliehe, daß ich ſtö⸗ rend in Ihr Leben getreten bin, und doch wollen Sie dieſen Zuſtand verlängern! Laſſen Sie mich gehen! Betrachten Sie dieſe Zeit als einen wirren Traum. Da ich Ihnen nicht ſagen darf, was mein Ihnen räthſelhaft und drückend erſcheinendes Benehmen vielleicht erklären könnte, ſo gibt es nur dies eine Mittel.

Oh gewiß gibt es noch ein anderes, verſetzte Hedwig raſch.

Und das wäre? fragte er geſpannt.

Volles Vertrauen, Theodor 10

Nein, war ſeine feſte Antwort.Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen ſage: das iſt unmöglich! Es über⸗ ſtiege meine Kräfte, es wäre unedel von meiner Seite.

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