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(1861) 10 10
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292 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Hedwig manche ſchöne Stunde zu. In Geſellſchaft eines Lieblingsautors, oder einer leichten Handarbeit, ſaß ſie auf den moſigen Steinen und träumte; zuweilen ſang ſie auch ein fröhliches Lied, deſſen reiner Schall ſich im Echo der Wälder brach.

Alexander, von ſeinen Wanderungen heim⸗ kehrend, fand ſie oft hier und raſtete an ihrer Seite. Allmälig lernte er den Gedanken ertragen, ſeine Kraft auf ſpielenden Zeitvertreib verſplittern zu müſſen. Mit allem Ernſt warf er ſich auf das ihm bisher fremde Gebiet der Landwirthſchaft, und errang ſich in Kurzem wenn auch noch keinen großen Ueberblick, doch theil⸗ weiſen Einblick. Dann ſuchte er ſeine kleinen Fertig⸗ keiten wieder hervor. Hedwigs lieblicher Stimme zu ſekundiren, mit ihr auf gemeinſchaftlichen Ausflügen kleine Skizzen in crayon zu zeichnen, ihr in trauten Abendſtunden vorzuleſen, mit ihr die Blumen zu pfle⸗ gen, das war die Ausfüllung ſeiner Muße. So waren bereits mehr als fünf Wochen verflogen, und immer noch war der von Alexander ſehnſüchtig van Hedwig mit Neugierde erwartete Bruder nicht er⸗ ſchienen.

An einem lauen Auguſtabend, deſſen Schwüle ein verſpätetes Gewitter erwarten ließ, hatte Hedwig nicht gewagt, bis zum Burgſteine zu gehen; ſie war in dem niedlich angelegten Gärtchen vor dem Hauſe ge⸗ blieben, wo eine dichtbeblätterte, an beiden Seiten offene Laube ihr Lieblingsſitz war. Alexander las diesmal für ſich, denn er war eben erhitzt und ermüdet von einem Streifzuge mit ſeinem Verwalter heimge⸗ kommen, als er plötzlich die räthſelhaften Pantomimen ſeines Bedienten bemerkte, der offenbar eine beſondere Meldung für ihn hatte. Hedwig ſah auf ihre Arbeit nieder, ihr entging alſo dieſer halb komiſche Auftritt.

Entſchuldige, ſagte Alexander,man ruft mich ſchon wieder, und raſch ſchritt er um das Haus herum auf den geheimnißvoll winkenden Diener zu, als er mit einem Male einen Ruf der Ueberraſchung aus⸗ ſtieß und in Theodors Armen lag.

Welche Freude! Welche Ueberraſchung! Sei will⸗ kommen, Du Langerwarteter wie wird Hedwig ſich freuen!

Der lebhafte Alepander erdrückte den An⸗ kömmling faſt, der nicht zu Worte kommen konnte.

Du biſt noch ganz der Alte, ſagte Theodor von Krüden endlich lächelnd;ungeſtüm wie der Sturmwind, aber dabei ein prächtiger, treuer Menſchen⸗ ſohn! Hier haſt Du mich nun, weil Du es nicht anders wollteſt.

Eine neue Umarmung war die Antwort, und als Alexander endlich den Bruder die Treppe hinauf⸗ führte, ſagte er vergnügt:Ich habe eine herrliche Idee! Vor Allem mache es Dir bequem und dann zeige ich Dir mein Weibchen auf ihrem Lieblingsplätz⸗ chen, verklärt vom Abendſchimmer, eine Blume unter Blumen. Du ſollſt ſie ſehen, ohne daß ſie es ahnt, und dann erſt geſtehſt Du ihr nachträglich, daß Du ſie ſchon belauſcht haſt.

Ich bin's zufrieden, verſetzte Theodor;ich

weiß ja, daß Du immer etwas Appartes für Dich ha⸗ ben mußt.

Während ſein Halbbruder in den für ihn ſeit lange bereitſtehenden Zimmern der zweiten Etage ſei⸗ nen Anzug ordnete, ſtellte ſich Alexander auf einen Beobachtungspoſten, von wo aus er Hedwigs Platz im Auge behielt. Es währte nicht zehn Minuten, ſo erſchien Cheodor wieder. Beide gingen Arm in Arm nach der Laube, in einen Seitenweg einbiegend, wo die Gebüſche ſie verbargen und Hedwig ihnen ihr rei⸗ zendes Profil zuwendete.

Jetzt ſieh hin, ſagte Alexander;das iſt meine Hedwig!

Theodor ſah nach der angedeuteten Richtung und ſtieß zurückweichend einen Laut der Ueberraſchung aus, während eine plötzliche Bläſſe über ſein Geſicht glitt.

Sie iſt ſchön, nicht war? fragte Alexander, der den Ausruf ſeines Bruders für eine Ueberwälti⸗ gung des erſten Eindrucks genommen hatte.

Theodor ſchwieg noch immer. Er brauchte Zeit, eine Aufregung niederzukämpfen, die zu mächtig und räthſelhaft zugleich, um keinen Preis verrathen wer⸗ den durfte.

Nach einer längeren Pauſe erhob er ruhig ſeinen Kopf und ſagte:Ich kann Dir nur Glück wünſchen.

Und das ſagſt Du ſo kalt, Menſch von Eis, der Du immer warſt! Nun Du biſt auch noch ganz der Alte, oder vielmehr, Du biſt noch ein weit ſchlimmerer Schönheitsverächter als ſonſt!

Theodor ſchwieg. Er lächelte blos verſöhnend und Alexander war zu ſehr in ſeinem Glück befan⸗ gen, um den ſchmerzlichen Zug in dieſem Lächeln zu be⸗ merken. In wenigen Minuten ſtand der neue Ankömm⸗ ling vor der jungen Frau und jetzt zeigte ſein Geſicht keine Spur der eben empfundenen Erregung.

Sie erhob ſich überraſcht und erröthend, als ihr Gatte ihr ſo unerwartet ſeinen Bruder vorſtellte, n ihre Begrüßung war vollkommen unbefangen. Al⸗

Herzlich willkommen, ſagte ſie, ihre kleine Hand in die ſeine legend;ich wünſche mir für die lange und vergebliche Erwartung Ihres Beſuches nur die Genugthuung, Sie ganz bei uns heimiſch werden zu ſehen.

Nichts konnte ermunternder ſein, als dieſe mit dem lieblichſten Lächeln und von ſo ſchönen Lippen ge⸗ ſprochenen Worte. Theodor von Krüden blieb kalt dabei. Er verbeugte ſich blos tief und ſchweigend.

Es war Hedwig überlaſſen, mit feinem Takte über das Peinliche dieſes Momentes hinwegzuſchlüpfen, und es gelang ihr auch. Dann ſchützte ſie die Pflichten einer Hausfrau vor und überließ die Brüder bis zur Theezeit einem vertraulichen téte à-téte.

Da ſchien Theodor leichter zu athmen. Mit einem Anklang an die alte Zeit, wo ſie Beide noch Jünglinge geweſen und trotz ihrer verſchieden organi⸗ ſirten Naturen ſich leidenſchaftlich geliebt hatten, ſchlang Theodor ſeinen Arm um die Tallle ſeines Halb⸗ bruders und ging ſo mit ihm die Gänge des Gartens entlang.